# taz.de -- Zwei Jahre Cannabisgesetz: Blühende Fantasie
       
       > Unionsminister:innen schimpfen über zwei Jahre
       > Gras-Teillegalisierung. Aus wissenschaftlicher Perspektive fällt die
       > Schlussfolgerung positiver aus.
       
 (IMG) Bild: Anbauen, bis es knallt: ein Cannabis-Social-Club in Erfurt
       
       Kiffer:innen konzentrieren sich mehr aufs Heimgärtnern und Deutschland
       wird zum größten Markt für medizinisches Cannabis in Europa. Außerdem
       werden Präventions- und Suchthilfeangebote von jungen Erwachsenen weniger
       angenommen. Das zeigt eine am Mittwoch [1][veröffentlichte
       wissenschaftliche Evaluierung], die zwei Jahre nach Inkrafttreten des
       [2][Konsumcannabisgesetzes] (KCanG) Zischenbilanz zieht. So sieht es das
       Gesetz selbst vor.
       
       Erste Reaktion auf den Bericht gab es von Bundesinnenminister Alexander
       Dobrindt (CDU), der das Cannabisgesetz einen „vollkommenen Rohrkrepierer“
       nennt. Die Forschungsgruppe „Evaluation des Konsumcannabisgesetzes“
       (EKOCAN) aus Wissenschaftler*innen der Universitäten in Hamburg,
       Düsseldorf und Tübingen blickte differenzierter drauf. So habe die
       Teillegalisierung den Konsum von Cannabis zumindest nicht verstärkt, heißt
       es im Bericht. Außerdem bewerten die Forscher:innen positiv: Immer mehr
       Konsument:innen decken ihren Bedarf aus legalen Quellen.
       
       Ein grüner Daumen wird dabei immer gefragter: 20 Prozent ziehen ihre
       Pflänzchen mittlerweile selbst zu Hause auf, vor zwei Jahren waren es nur
       5,4 Prozent. Trotzdem, der größte Anteil, nämlich ein Drittel, bekommt sein
       Gras über soziale Kontakte – Freund:innen oder eben doch herkömmliche
       Dealer:innen. Der Schwarzmarkt könne zwar langsam zurückgedrängt werden,
       geschafft sei es aber noch nicht, folgert der Bericht.
       
       Die Forscher:innen führen das auch auf die schwächelnden „[3][Cannabis
       Social Clubs]“ zurück. Eigentlich eine der zentralen Ideen, um den
       Schwarzmarkt zu verdrängen. Daraus geworden ist bisher nichts, es gibt
       einfach nicht genug von ihnen – laut Bundesarbeitsgemeinschaft
       Cannabis-Anbauvereinigungen aktuell lediglich [4][401 Genehmigungen].
       
       ## 200 Tonnen medizinisches Cannabis
       
       Statt aus den Clubs, wie von der damaligen Bundesregierung erdacht,
       bekommen viele ihren Nachschub aus der Apotheke. Laut Forschungsbericht ist
       Deutschland mittlerweile zum größten medizinischen Cannabismarkt in Europa
       aufgestiegen: 200 Tonnen Medizinalcannabis seien 2025 zur Verfügung
       gestanden, lediglich 2,6 Tonnen stammten aus inländischer Produktion.
       
       Es reicht meist ein Videocall mit einer Ärzt:in, um medizinisches Cannabis
       verschrieben zu bekommen. Die Sorte „White Wedding Cake“ kann man mit
       wenigen Klicks bestellen. Sie gibt es mit einem THC-Gehalt ab 25 Prozent.
       Auch „Maui Waui“ liegt bei über 20 Prozent THC. Aus wissenschaftlicher
       Sicht gebe es einen medizinischen Nutzen aber nur bei bis zu 10 Prozent
       THC, heißt es im Bericht. Eine Gefahr, wie Jakob Manthey, Koordinator der
       Forschungsgruppe, findet: Der legale kommerzielle Markt für medizinisches
       Cannabis berge „eine zunehmende Gefährdung für den Gesundheitsschutz“, vor
       allem durch die hochpotenten Blüten.
       
       Die Onlineapotheken, bei denen es diese Cannabisversionen gibt, seien
       besonders bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen beliebt, heißt es im
       Bericht weiter. Deswegen plädiert die Forschungsgruppe für eine Reform des
       medizinischen Cannabisgesetzes mit THC-Grenze. Das war zeitgleich mit dem
       Konsumcannabisgesetz vor zwei Jahren gestartet. Wer sein Rezept zum
       Freizeitkonsum nutzt, ist allerdings schwer festzustellen.
       
       Das kritisierte Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) scharf: Die
       Teillegalisierung sei ein Fehler gewesen, auch weil der Missbrauch von
       medizinischem Cannabis zu Genusszwecken zu einfach sei, hieß in einer
       Mitteilung. Schon im Sommer vergangenen Jahres kündigte Warken an, die
       Regelungen verschärfen zu wollen und beispielsweise den Onlineversand von
       Cannabis zu verbieten. Der Schutz von Kindern und Jugendlichen sei
       gefährdet, sagte die Gesundheitsministerin.
       
       Laut Bericht kiffen Jugendliche aber seit der Teillegalisierung gar nicht
       mehr als zuvor. Stattdessen sei sogar ein leichter Rückgang zu beobachten.
       Zumal es in dieser Gruppe ein ausgeprägtes Risikobewusstsein für die
       Gesundheitsgefahren von Cannabis gebe, erklärte Daniel Kotz, EKOCAN-Leiter
       für Suchtforschung. Auch ein sprunghafter Anstieg cannabisbezogener
       Konsum-Probleme gebe es in dieser Gruppe bisher nicht.
       
       Anders bei jungen Erwachsenen: Der Konsum nimmt hier seit Jahren zu und so
       auch damit zusammenhängende gesundheitliche Probleme. Die Zwischenbilanz
       stellt hier keine Veränderung durch das Konsumcannabisgesetz fest.
       Problematisch sei außerdem, dass weniger junge Menschen ambulante
       Suchthilfeangebote annehmen. Insbesondere hierzu äußerten sich weitere
       Wissenschaftler:innen mit Sorge, etwa Ursula Havemann-Reinecke,
       Suchtmedizinerin der Universität Göttingen: Mangelnde Frühintervention
       könne den langfristigen chronischen Konsum von besonders hochprozentigem
       Cannabis begünstigen und dadurch zu Sucht- und Psychosestörungen führen,
       sagte sie.
       
       Grundsätzlich sei der Bericht lediglich ein Zwischenstand, betonte die
       Forschungsgruppe. Gerade die Frage des Schwarzmarktes sei schwer zu
       beurteilen, da Ermittlungsverfahren lange dauerten und verfügbare Daten
       veraltet seien. Das Forschungsvorhaben läuft bis zum 30. April 2028.
       
       1 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.fdr.uni-hamburg.de/record/18530
 (DIR) [2] /Evaluation-der-Cannabis-Legalisierung-Die-grosse-Revolution-ist-ausgeblieben/!6112815
 (DIR) [3] /Cannabis-Social-Clubs/!6163018
 (DIR) [4] https://anbauverband.de/antrags-und-genehmigungszahlen/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Clara Dünkler
       
       ## TAGS
       
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