# taz.de -- Buch über Bakterien und Architektur: Mit Mikroben leben
> Das Manifest „We, the Bacteria“ erzählt Architekturgeschichte als
> Geschichte der Seuchen – und macht sich für ein biotisches Wohnen und
> Bauen stark.
(IMG) Bild: Mikrobe des Jahres 2026: Der Schmimmelpilz Penicillium
Im Dezember wurde Penicillium zur „Mikrobe des Jahres 2026“ gekürt. Hallo?
Es gibt eine Mikrobe des Jahres? Und nicht nur das: eine teure
Gesichtscreme wird erfolgreich als „Bakterien Balsam“ vermarktet. Es
scheint, wir lieben plötzlich, was wir eigentlich fürchten: Bakterien,
Viren und Pilze. Das sei auch nötig, meinen die Architekturhistorikerin
Beatriz Colomina von der Princeton University und Kollege Mark Wigley von
der Columbia University. Gerade haben sie ihre „Notes Toward Biotic
Architecture“ unter dem Titel „We the Bacteria“ veröffentlicht. Das reich
illustrierte Manifest formuliert ein neues architektonisches Paradigma,
indem es die Bakterien als die ersten Architekten der Welt ins Zentrum
künftigen Bauens stellt.
Den Paradigmenwechsel erzwingt eine massiv abnehmende mikrobielle Vielfalt
bei einer gefährlich zunehmenden Antibiotikaresistenz, eine Krise, deren
Ursache laut Colomina und Wigley in der Architektur zu finden ist. Der
Befund ist nicht neu. Die Autoren zitieren den britischen Arzt Benjamin
Ward Richardson, der schon 1884 sagte: „Der Mensch hat … Städte, Dörfer und
Häuser gebaut, um sich vor den äußeren Elementen zu schützen, und sich
damit eine Reihe tödlicher Krankheiten geschaffen, die so eng mit der
Entwicklung seines Wissens und seiner Fähigkeiten im Bauwesen verbunden
sind, dass sie als deren Folge gelten müssen.“
Die Geschichte der Städte ist eine Geschichte der Seuchen, so lautet die
bündige Zusammenfassung dieses Sachverhalts. Es ist auch die Geschichte,
wie man baulich dagegen vorgegangen ist. Die Infrastruktur, auf die wir
heute noch setzen, wie sauberes Trinkwasser, Abwasser-, Müllentsorgungs-
und Straßenreinigungssysteme, dazu Parks und Sportplätze, resultiert aus
den Pocken-, Typhus-, Cholera- und Tuberkulose-Pandemien des 19.
Jahrhunderts. Frische Luft, die Möglichkeit zur Distanzierung: Vieles war
schon in den von der Pest geplagten Städten des Mittelalters angedacht
worden, jetzt wurde es standardisiert. Vor allem, nachdem sich gegen Ende
des 19. Jahrhunderts die Keim- gegen die seit der Antike herrschenden
Miasma-Theorie durchgesetzt hatte.
Jedes Element der Sanitärreform wurde nun unter dem Gesichtspunkt der
ansteckende Krankheiten verursachenden Mikroben neu formuliert. Gekalkte
Wände wirkten antimikrobiell, belüftete Räume zeigten eine verringerte
Mikrobenkonzentration, frisches Wasser war frei von Pathogenen, Sonnenlicht
tötete Bakterien ab, wie erstmals 1877 nachgewiesen wurde. Die
Sanitärreform wurde dabei auch als ästhetische Reform gelobt. Die
Journalistin Helen Campbell identifizierte schon 1899 in der Zeitschrift
„House Beautiful“ die Mikrobe als Promoterin fortschrittlichen Wohndesigns.
„Ohne sie wären die besten Formen der Wohnungseinrichtung noch immer nur
der Traum allzu progressiv gescholtener Architekten.“
## Besser nicht putzen
Vor allem das Mycobacterium war nicht nur die Ursache von Tuberkulose,
sondern auch die von moderner Architektur und modernem Produktdesign. Das
Kapitel „Heilung durch Design“ handelt vom Weg auf den [1][Zauberberg] ab
der Mitte des 19. Jahrhunderts, also von der Entstehung des Sanatoriums als
neuer Architekturform und deren Einfluss auf den Wohnungsbau im 20.
Jahrhundert. Gerne in den Bergen oder am Meer gelegen, war die Ästhetik des
Sanatoriums vor allem funktional. Sie diente der Gesundung, etwa mit dem
neuen Raumtyp der Liegehalle, nach Süden gerichteten Terrassen, die die
Patienten an die frische Luft brachten.
Wie in [2][Thomas Manns Erzählung] „Tristan“ zu erfahren, ging man bald
nicht mehr wegen der Kur, sondern wegen des Stils ins Sanatorium: „Diese
Helligkeit und Härte, diese kalte, herbe Einfachheit und reservierte
Strenge verleiht mir Haltung und Würde“, erklärt der Patient Spinell, „sie
hebt mich sittlich, ohne Frage.“ Das wurde auch im privaten Bereich
geschätzt und die 1927 erbaute Weissenhof-Siedlung in Stuttgart mit ihren
Terrassenhäusern, ihren wie Sanitärräume gestalteten Küchen und aus den
Arztpraxen übernommenen Stahlrohrmöbeln steht paradigmatisch für den Trend.
Moderne Architektur war nur modern, sagen die Autoren, so lange sie frei
von Bakterien war. Damit hat die Moderne freilich fatale Folgen für die
Biodiversität des Planeten und gefährdet inzwischen unser Leben. Die wahre
Postmoderne in der Architektur liegt noch vor uns. Sie liegt in der
biotischen Architektur, die lernt mit den Mikroben zu leben, anstatt sich
ihnen zu widersetzen. Die biotische Architektur kuratiert die
Mikrobengemeinschaft mit dem Ziel, das Immunsystem zu stärken. Zwar sind
dann bestimmte antimikrobielle Protokolle gegen Krankheitserreger weiterhin
wichtig. Aber in vielen Fällen ist es besser nicht zu putzen und die
Bakterien zu entfernen, sondern zusätzlich gute Bakterien anzusiedeln.
So lautet jedenfalls einer der Vorschläge, mit denen die Anmerkungen zu
einer Biotischen Architektur enden. Dass der Litanei sehr nachvollziehbarer
Forderungen und Ideen keine konkreten Beispiele und Handlungsanweisungen
folgen, ist dann aber doch ein Schwachpunkt der aufschlussreichen und
anregenden Recherche quer durch die Geschichte des Bauens und der
Bakterien.
16 Mar 2026
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(DIR) Brigitte Werneburg
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