# taz.de -- Equal Pay Day: Scham ist überflüssig
       
       > Frauen verdienen 16 Prozent weniger als Männer – auch weil sie oft
       > weniger verlangen. Dabei ist nicht die Frau gierig, die verhandelt.
       > Gierig ist das System, das ihre Leistung umsonst will.
       
 (IMG) Bild: Sorgearbeit aus Liebe? Dieses von der CDU als „Lifestyle“ verkannte Rollenmodell leben 72 Prozent aller Ehepaare mit Kindern
       
       Am 27. Februar ist es wieder so weit: Der Equal Pay Day markiert symbolisch
       die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen. [1][Aktuell liegt sie bei 16
       Prozent, wenn man sie pauschal betrachtet, und bei 6 Prozent, wenn sie
       bereinigt ist]. Wenn also Faktoren wie weniger Arbeitsstunden durch
       Teilzeit, kürzere Arbeitsphasen, Berufswahl und -erfahrung, niedrigere
       Karrierestufen in die Rechnung einbezogen werden. Vor ein paar Jahren
       betrug die Lücke 23 Prozent. Es bewegt sich also etwas – und das klingt
       erst mal gut.
       
       Aber es lohnt der Blick hinter diese Zahlen und in die Biografien von
       Frauen. Denn die Lohnlücke resultiert nicht nur aus den oben genannten
       Faktoren, einer realitätsfernen Leistungslogik und einer patriarchalen
       Machtverteilung, sondern auch aus Scham. Scham der Frauen. Obwohl viele
       Frauen wissen, dass sie finanziell schlechter gestellt sind, fällt es ihnen
       schwerer, über Geld zu verhandeln. Man erwartet von ihnen Bescheidenheit.
       
       Frauen, die diese Bescheidenheit ablehnen, erfahren nicht selten mächtigen
       Gegenwind – auch von Frauen. Ich habe mit meinem Partner beispielsweise
       eine finanzielle Kompensation für ungleich verteilte Sorgearbeit vereinbart
       – und muss unter anderem Sätze hören wie diese: „Man kann sich doch nicht
       dafür bezahlen lassen, sich um die eigenen Kinder zu kümmern.“ Hier gesellt
       sich die Romantisierung der Sorgearbeit („Ich mache das doch gern!“) zur
       Bescheidenheit.
       
       Das Patriarchat bedient sich der Moral: Frauen sind bescheiden und leisten
       Sorgearbeit aus Liebe. Wer da über Geld spricht, ist gierig. Dieses
       manipulative Narrativ haben wir Frauen längst verinnerlicht, es führt dazu,
       dass wir freiwillig und unbezahlt den Großteil der Sorgearbeit übernehmen.
       
       Mehr noch: Uns wurde beigebracht, dieses Narrativ zu verteidigen und
       Frauen, die sich widersetzen, zu beschämen – als „frech“ oder „kaltherzig“.
       Fairness zu fordern, wird zu etwas Unanständigem. Und es wirkt, weil wir
       alle wollen gemocht werden. Mit Bescheidenheit wahren Frauen kurzfristig
       den Frieden. Langfristig kostet sie diese ihre finanzielle Sicherheit.
       
       ## „Lifestyle“-Teilzeit ist oft Sorgearbeit
       
       Im Job sind Gehaltsverhandlungen üblich. Studien zeigen: Frauen verhandeln
       seltener und zurückhaltender als Männer. Und sie werden für ihre
       Gehaltsforderungen von ihren Vorgesetzten stärker sanktioniert. Zusätzlich
       gehen Arbeitgebende weniger auf Lohnforderungen von Frauen ein, weil diese
       für sie ein höheres „Einsatzrisiko“ darstellen. Im Klartext: Arbeitgebende
       befürchten, dass Frauen ihnen wegen der häuslichen Sorgearbeit weniger und
       unzuverlässiger als Arbeitskräfte zur Verfügung stehen.
       
       Dieses „Risiko“ ist so privat wie politisch. Frauen übernehmen täglich 76
       Minuten mehr Sorgearbeit als Männer – und reduzieren dafür ihre
       Erwerbstätigkeit. Dieses von der CDU als „Lifestyle“ verkannte Rollenmodell
       leben 72 Prozent aller Ehepaare mit Kindern.
       
       Es erscheint kurzfristig als klug, nur auf das ohnehin kleinere Einkommen
       zu verzichten. Außerdem lockt dann eine kräftige Steuerersparnis durch das
       Ehegattensplitting. Dieses wirkt umso mehr, je höher das Einkommensgefälle
       zwischen den Ehepartner*innen ist. Langfristig geraten Frauen so in
       finanzielle Abhängigkeit von ihrem Partner und in eine prekäre Finanzlage
       bis hin zur Altersarmut.
       
       ## Wer kompensiert wen?
       
       Gebe ich das in meinen Seminaren zu bedenken und schlage vor, eine
       finanzielle Kompensation mit dem Partner für das verminderte
       Erwerbseinkommen zu vereinbaren, schallt es entrüstet: „Mein Mann zahlt all
       unsere Rechnungen. Da kann ich nicht auch noch Geld für mich von ihm
       fordern.“ Da spricht die Bescheidenheit. Oder es heißt: „Mein Mann verdient
       nicht genug, um mir ein ‚Gehalt‘ zahlen zu können.“ Als sei Fairness Luxus.
       Aber Sorgearbeit hat ihren Preis. Wenn der Mann sagt, er könne es sich
       nicht leisten, heißt das: Sie muss allein zahlen – mit ihrer Unabhängigkeit
       und Sicherheit. Bescheidenheit wirkt nett, ist aber gefährlich.
       
       Finanzielle Abhängigkeit bindet Frauen an ihre Männer – auch nachdem die
       Liebe aus- und vielleicht sogar Gewalt eingezogen ist. Eine Trennung
       bedeutet für Frauen oft den finanziellen Ruin: Über die Hälfte der
       erwerbstätigen Frauen kann langfristig nicht von ihrem Einkommen leben und
       jede fünfte Frau über 65 Jahren ist armutsgefährdet. Die Hälfte der
       Menschen in Deutschland, die eine Rente beziehen, bekommen [2][zusätzlich
       Sozialhilfe], weil die Rente nicht reicht. Der Großteil von ihnen ist
       weiblich. Damit sind sie erneut abhängig: vom Staat.
       
       ## Höchste Zeit für neu gestellte Weichen
       
       Es ist höchste Zeit, Weichen für Gleichberechtigung in unserem System zu
       stellen. Das Ehegattensplitting muss weg, eine flächendeckende kostenfreie
       Kinderbetreuung und die „Use-it-or-lose-it-Elternzeit“ für Väter her. Wir
       brauchen flexible Arbeitsmodelle, Gehaltstransparenz und verpflichtende
       Entgeltgleichheit. Solange politische Reformen ausbleiben, ist Verhandeln
       Selbstschutz. [3][All das beginnt schon zu Hause:] mit Gesprächen auf
       Augenhöhe über die faire Aufteilung der Sorgearbeit oder Kompensationen von
       Einkommensausfällen.
       
       Angst vor [4][Konflikten ist dabei normal] – aber sie sollte nicht davon
       abhalten, für die eigene Sicherheit einzutreten. Wer zur Bescheidenheit
       erzogen wurde, wird beim Verhandeln noch lange die Scham im Nacken haben.
       Doch gierig ist nicht die Frau, die verhandelt. Gierig ist ein System, das
       ihre Leistung umsonst will. Wenn Anstand bedeutet, sich selbst auszubeuten,
       müssen wir Frauen eben unanständig werden: unbequemer, fordernder. Die
       Scham ist vorbei.
       
       27 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.destatis.de/DE/Themen/Arbeit/Verdienste/Verdienste-GenderPayGap/_inhalt.html
 (DIR) [2] /Vorsorgen-fuer-die-Rente/!6152931
 (DIR) [3] /Frauenarmut-und-Gender-Pay-Gap/!6066820
 (DIR) [4] /Frauenarmut-und-Gender-Pay-Gap/!6066820
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Magdalena Sporkmann
       
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