# taz.de -- Neue Diskussion um sowjetische Ehrenmale: Erklären, nicht abreißen
       
       > Vier Jahre nach dem russischen Überfall fordert der Verein Vitsche eine
       > Neubewertung der sowjetischen Ehrenmale. Abriss aber steht nicht zur
       > Debatte.
       
 (IMG) Bild: Ukrainischer Protest zum russischen „Tag des Sieges“ am Ehrenmal im Tiergarten 2024
       
       In Berlin wird wieder über die sowjetischen Ehrenmale diskutiert. „Wir
       müssen das sowjetische Erbe neu bewerten“, fordert die ukrainische
       Menschenrechtlerin und Friedensnobelpreisträgerin Oleksandra Matwijtschuk
       zum vierten Jahrestag des russischen Überfalls auf die Ukraine. Dazu
       brauche es „intellektuelle Tapferkeit“.
       
       Müssen die monumentalen Ehrenmale aus der Stalinzeit in Treptow, im
       Tiergarten und in der Schönholzer Heide in Pankow also weg? Die Debatte ist
       nicht neu. Bereits kurz nach dem Beginn des Krieges hatte eine
       [1][CDU-Abgeordnete gefordert, die beiden T34-Panzer vom Ehrenmal im
       Tiergarten zu entfernen].
       
       Die Antwort des damaligen rot-grün-roten Senats war eindeutig: „Hier geht
       es um das Gedenken der Toten des Zweiten Weltkriegs, in dem auf Seiten der
       Roten Armee Soldaten vieler Nationalitäten der Sowjetunion, darunter
       etliche russische und ukrainische, im Kampf gegen das Nazi-Regime starben“,
       sagte Vize-Regierungschefin Bettina Jarasch (Grüne). Die damalige
       Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) schloss sich Jaraschs
       Argumentation an.
       
       Vier Jahre später fordert nun nicht nur Nobelpreisträgerin Matwijtschuk
       eine Neubewertung, sondern auch das [2][Ukrainische Institut] sowie der
       [3][ukrainische Verein Vitsche]. „Die deutsche Erinnerungskultur hat einen
       weißen Fleck, und das ist Russland“, sagt die Direktorin des Ukrainischen
       Instituts, Kateryna Rietz-Rakul, am Montagabend beim [4][„Café Kyiv“ der
       Konrad-Adenauer-Stiftung im ehemaligen Kino Colosseum]. „Wir brauchen
       deshalb eine multidirektionale und antikoloniale Erinnerungskultur.“
       
       Was darunter zu verstehen ist, erklärt der Historiker Andrii Portnov mit
       Blick auf die Debatte in der Ukraine selbst. „Auch dort ist die Diskussion
       nicht einfach“, betont Portnov. In der Denkmaldebatte in der Ukraine gebe
       es zum einen eine antikoloniale Argumentation, also den Willen, die
       russischen Narrative abzulegen. „Und gleichzeitig begreift sich die Ukraine
       bereits als eigenständiges Subjekt“, so Portnov. Je selbstbewusster die
       Erinnerung, soll das wohl heißen, desto mehr Widersprüche kann sie
       aushalten.
       
       In Deutschland dagegen, so der Historiker, sei die Debatte anders gelagert.
       „Da geht es auch um den eigenen Umgang mit der Geschichte.“ Portnov beklagt
       ebenfalls den „weißen Fleck“, den Rietz-Rakul angesprochen hat, und sagt:
       „Man darf die deutsche Haltung nicht auf andere Länder übertragen.“
       Gleichzeitig fordert Portnov aber auch eine Weitung der Berliner Diskussion
       auf eine europäische Ebene. „Überall in Europa werden sowjetische Denkmale
       entfernt, nur nicht in Berlin.“
       
       ## Parallelen zur Berliner Mauer
       
       „Die Solidarität mit der Ukraine darf nicht dazu führen, destruktiv mit dem
       kulturellen Erbe umzugehen“, warnt dagegen der Direktor der [5][Stiftung
       Berliner Mauer], Axel Klausmeier, und weiß sich darin auch einig mit
       Berlins Landeskonservator Christoph Rauhut. Wohin ein solcher destruktiver
       Umgang führen könnte, erklärt Klausmeier auch mit seinem eigenen Thema.
       „Die Mauer war das verhassteste Bauwerk in Berlin“, erinnert er.
       „Glücklicherweise hat man sich dafür entschieden, Teile davon zu behalten.“
       
       Klausmeiers Vergleich ist auch ein Plädoyer dafür, am Beispiel unbequemer
       Denkmale miteinander ins Gespräch zu kommen über den Umgang mit Geschichte
       und Erinnerung. Wenn man sie entfernte, ginge das nicht mehr. „Was weg ist,
       ist weg.“
       
       Doch so einfach ist ein solcher Dialog nicht. Nicht nur Eva Yakubovska von
       Vitsche weist darauf hin, wenn sie daran erinnert, dass sich am 9. Mai, dem
       russischen Siegestag über Nazideutschland, Russlands Nachtwölfe, eine
       Gruppe von rechtsradikalen Bikern, immer wieder an einem der Ehrenmale
       treffen.
       
       ## Russischer Botschafter in Pankow
       
       Wie umkämpft die Denkmale erinnerungspolitisch sein können, zeigte sich
       auch bei den Feierlichkeiten zum 80. Jahrestags des Kriegsendes am 8. Mai.
       Russlands Botschafter Sergej Netschajew, bei den offiziellen Feiern nicht
       eingeladen, zeigte sich seinen Anhängern am Ehrenmal in Pankow. Im
       Treptower Park dagegen wurden vor der Soldatenstatue Kränze aufgestellt mit
       der Aufschrift „Gegen Invasoren“.
       
       Wäre es also nicht doch besser, die Denkmale zu entfernen? Geht schon rein
       rechtlich nicht, sagt Axel Klausmeier und verweist auf den besonderen
       Schutz der Ehrenmale als Friedhöfe und Grabstätten. Darüber hinaus seien
       die Monumente im Zwei-plus-vier-Vertrag rechtlich gesichert.
       
       Das wiederum will Vitsche-Vertreterin Yakubovska so nicht stehen lassen.
       „Welchen Stellenwert hat das Gesetz vor dem Hintergrund, dass Russland mit
       dem Krieg gegen Völkerrecht verstößt?“, will sie wissen. Klausmeiers
       Antwort. „Den Zwei-plus-vier-Vertrag haben alle Alliierten unterschrieben.“
       Selbst die Briten hätten sich nach dem Mauerbau für den Erhalt des
       Ehrenmals am Brandenburger Tor eingesetzt. „Wir müssen das respektieren,
       auch wenn wir heute eine ganz andere Situation haben.“
       
       Einig waren sich die Teilnehmer des Panels am Montag, das voranzutreiben,
       was in Großbritannien „retain and explain“ heißt. Mehr erklären also, oder,
       wie es Klausmeier nennt: „kontextualisieren“. Zusätzliche Erklärtafeln oder
       QR-Codes seien möglich. „Wir können am Beispiel der namenlosen Gräber auch
       erzählen, wie wenig wert ein Menschenleben im Sowjetsystem war“, sagt
       Klausmeier.
       
       Kontextualisierung ist auch für Vitsche wichtig. Allerdings müsse diese
       dann auch weithin sichtbar sein. So könnte man einen Teil der Denkmale auch
       umgestalten, schlägt Eva Yakubovska war. Ein paar QR-Codes, das ist ihre
       Botschaft, werden den russischen Botschafter nicht davon abhalten, vor der
       monumentalen Kulisse von Panzern und ruhmreichen Sowjetsoldaten seine
       Propaganda zu verbreiten.
       
       24 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Senat-soll-T34-abraeumen/!5849586
 (DIR) [2] https://de.ui.org.ua/fragen-und-antworten/
 (DIR) [3] https://vitsche.org/de/
 (DIR) [4] https://cafekyiv.kas.de/
 (DIR) [5] https://www.stiftung-berliner-mauer.de/de/stiftung
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Uwe Rada
       
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