# taz.de -- Protokolle zum Iran-Krieg: „Wir wollen ein ruhiges Leben“
> Der Krieg gegen Iran hat große geopolitische Auswirkungen. Doch vor allem
> die Zivilbevölkerung leidet – nicht nur in Iran selbst.
(IMG) Bild: Eine Frau rennt Anfang März durch Teheran
## „Krieg war schon Alltag in meiner Kindheit“
Mustafa al-Hamadani, 23, Reiseleiter und Prüfungsaufsicht für das
Goethe-Institut in Bagdad
Zurzeit ist es alles sicher im Irak. Aber der Krieg hat viele unserer Jobs
beeinflusst. Die Deutschkurse an unserem Institut sind zum Beispiel
ausgesetzt.
Ich habe unglaubliches Pech. Dieser Monat ist Hochsaison für Tourismus im
Irak, weil das Wetter angenehm ist. Es lief gerade gut, ich war als
Reiseleiter ausgebucht von März bis Ende Mai. Doch jetzt wurden alle Touren
gestrichen. Die letzten fünf Jahre waren eine goldene Zeit für Tourismus im
Irak. Das Land hat sich sehr stabilisiert. Im letzten Sommer, als die
Raketen aus Iran nach Israel flogen, wurden unsere Touren verschoben – auf
den Frühling, also jetzt. Jetzt sind sie komplett gestrichen, weil keine
Touristen kommen.
Der Luftraum über dem Irak ist komplett geschlossen. Ich habe gelesen, dass
bis jetzt nur zwei Raketen abgefangen wurden. Nur gestern hatten wir viel
Angst: Ein Freund wohnt im Süden von Bagdad, dort gab es einen
Drohnenangriff. Es ist unklar, ob aus Iran oder Israel. Das Militär hatte
diese Drohne abgeschossen und sie fiel in die Stadt, gegen das Haus von
einer Freundin seiner Mutter.
Krieg war Alltag in meiner Kindheit, in der Mittelschule bis zur
Universität. Jeden Tag ist etwas Schlimmes passiert. Niemand hat mehr
Kraft. Wir wollen ein einfaches, ruhiges Leben: Um 9 Uhr zur Arbeit gehen
und um 17 Uhr zu Hause sein, Treffen mit den Freunden. Wir wollen uns nicht
jeden Tag fragen: Wer ist heute getötet worden?
Ich habe Angst davor, dass der Krieg lange dauert. Der Krieg ist ein
riesiges wirtschaftliches Problem – es betrifft Jobs in eigentlich allen
Sektoren. Und wir haben Angst, dass alles teurer wird, denn fast alles
importieren wir: Tomaten, Kartoffeln, Zwiebeln. Wenn ein Kilo Tomaten bald
umgerechnet 20 US-Dollar kostet – wer kann sich das leisten?
Dazu kommt: Der Staat ist abhängig von Ölexporten. Die Regierung hat
gesagt, dass sie für die nächsten zwei oder drei Monate keine Gehälter mehr
auszahlt. Mitarbeiter in Behörden werden also kein Gehalt bekommen.
Aus unserer Erfahrung kann ich sagen: Ein Regime-Change durch Bomben geht
nicht so einfach. Ich habe oft geweint, wenn ich das gesagt habe – denn auf
meinen Touren werde ich oft danach gefragt. Nachdem die Amerikaner
abgezogen waren, hatten wir jahrelang einen Bürgerkrieg. Dann fiel der
„Islamische Staat“ in Mossul ein. Über 20 Jahre lebten wir mit Gewalt und
Chaos. Die irakische Gesellschaft hat einen zu hohen Preis für freie
Demokratie gezahlt. Protokoll: Julia Neumann
***
## „Wir schlafen aus Angst nur sehr wenig“
Maral, 22, Kunststudentin im letzten Studienjahr, lebt im Süden Teherans
Als die Nachricht [1][von Chameneis Tod] bekannt wurde, war ich
überglücklich und dieses Gefühl hat sich auch mit der Zeit nicht gelegt.
Ich denke jeden Tag daran und muss lächeln. Aber was wird jetzt passieren?
Was, wenn die Vereinigten Staaten und Israel uns im Stich lassen und sich
zurückziehen? Das wäre eine totale Niederlage für uns: Wir hätten unsere
Infrastruktur verloren, unsere Ressourcen wären in Rauch aufgegangen, und
wir wären immer noch nicht frei.
Um ehrlich zu sein, schlafen sowohl ich als auch meine Freunde wegen dieser
Angst in letzter Zeit nur wenig. Das größte Problem im Alltag ist, dass das
Internet nicht funktioniert. Das hat unsere Arbeit und unser Leben
durcheinandergebracht, und ich kann gar nicht beschreiben, wie unerträglich
das Leben ohne Internetzugang geworden ist. Protokoll: Mahtab Qolizadeh
## ***
## „Wir haben nur dünne Matratzen, es ist kalt“
Noura Ahmad Hamzeh, 45, Syrerin aus Aleppo, lebt in Süd-Beirut
Meine Tochter wohnt in Süden des Landes, in Nabatieh, und ist mit ihrem
Mann und ihren Kindern zu mir geflohen. Ich wohne in Hay al-Salloum. Gegen
3 Uhr morgens in der Nacht auf Montag hörten wir starke Bombardierungen.
Wir hatten Angst, besonders die Kinder. Sie haben viel geweint. Wir wollten
nicht gehen, wir sind gegen unseren Willen geflohen.
Wir sind auf die Straße gerannt, dort war Chaos. Ich habe einen Autofahrer
angehalten, den ich nicht kannte, damit wir das Viertel schnell verlassen
können. Er nahm uns mit, ohne Geld zu verlangen.
Wir wussten nicht, wohin wir gehen sollten, außer auf die Straße, um dort
zu schlafen. Seit einer Woche schlafen wir hier auf der betonierten
Strandpromenande unter freiem Himmel, direkt am Meer.
Wir haben nur dünne Matratzen, keine Zelte. Es ist kalt. Die Libanesen
erkennt man daran, dass sie Zelte haben. Aber wir sind Syrer. Die Schulen
nehmen zwar Vertriebene auf, aber keine Syrer.
Wir haben Reis, Salat, Mujaddara und Joghurt, Gott sei Dank. Das Essen
wurde von guten Leuten verteilt. Sie gehen herum und verteilen kostenlos
Essen. Gerade ist Ramadan.
Natürlich ist es viel schöner, das Fasten im eigenen Zuhause zu brechen,
gemeinsam zu essen. Unsere ganze Familie lebte in einem guten Zuhause. Egal
ob Muslime oder Christen, jeder möchte doch zusammen sein, ein sicheres und
geborgenes Zuhause haben. Wir wünschen uns einfach nur Stabilität.
Auf dem Handy sehe ich die Berichte und Videos, [2][sie bombardieren in der
ganzen Nachbarschaft], ich meine, es ist kein bestimmter Ort, an dem sie
zuschlagen, es sind wahllose Angriffe. Was mit meinem Haus geschehen ist,
weiß ich nicht. Seitdem ich geflohen bin, war ich nicht mehr dort. Keine
Ahnung, ob es noch steht. Protokoll: Julia Neumann
## ***
## „Die größte Angst ist ein Waffenstillstand“
Fardad, 41, Besitzer einer Pharmafirma, lebt im Norden Teherans
Nach dem Dopaminrausch, den wir nach dem Tod von Chamenei verspürt haben,
sind diese Tage von Angst geprägt. Die Islamische Republik scheint stärker
zu sein, als wir erwartet hatten, und hat es geschafft, ihre zentrale
Machtstruktur zu erhalten. Deshalb verlieren wir allmählich unsere Moral.
Was, wenn sie an der Macht bleiben und weiterhin hart durchgreifen und wir
nie auch nur einen einzigen Tag Freiheit erleben?
Wir sehen sie auf den Straßen. In ihren Augen sehen wir nicht das geringste
Anzeichen von Niederlage oder Schwäche. Das Haus zu verlassen und ihre
Gesichter zu sehen, ist weitaus beängstigender, als die Bomben zu hören.
Unsere größte Angst ist, dass genau wie während des zwölf Tage dauernden
Krieges mit Israel plötzlich ein Waffenstillstand erklärt wird.
Wenn dieser Krieg auf halbem Wege aufgegeben wird, werden sogar die
begrenzten Erfolge, die wir durch jahrelangen Kampf erreicht haben – wie
die teilweise gelockerte Durchsetzung der Hijab-Pflicht –, verschwinden.
Protokoll: Mahtab Qolizadeh
***
## „Wir hören die Raketen – bum, bum“
Sameer Qasim, 32 Jahre alt, lebt in Ramallah
Ich bin sehr besorgt – um meine Familie, meine Mutter, meinen Bruder. Auch
mein Alltag hat sich verändert. Ich arbeite in einem Unternehmen, das Waren
importiert, und die meisten palästinensischen Städte sind jetzt
abgeriegelt. Es gibt sehr viele Checkpoints.
Normalerweise liefern wir Lebensmittel und sonstige Dinge in andere Städte.
Das ist jetzt jedoch unmöglich. Deshalb gibt es gerade sehr viele
Verspätungen, sehr viele Verzögerungen bei der Arbeit.
Insgesamt spürt man, dass es mehrere Probleme gibt: mit der
wirtschaftlichen Lage, die schon davor problematisch war und sich gerade
verschlimmert und verschlimmert, mit dem Benzin … Die Leute sind in Panik
geraten, weil sie denken, dass es nicht genug Benzin an den Tankstellen
gibt. Daraufhin sind Begrenzungen für Treibstoff eingeführt worden.
Außerdem sind jetzt alle Grenzen zu. Man kann es überall spüren: Die
Menschen machen sich Sorgen.
Außerdem haben wir keine Bunker, keine Warnsignale. Wir wissen nicht mal,
ob es einen Angriff gibt. Wir hören einfach die Raketen am Himmel – bum,
bum. Wir tun dann nichts, wir bleiben einfach zu Hause oder da, wo wir
gerade sind.
Doch eigentlich ist es nirgends sicher. Wir belassen es einfach bei Gott.
Oder beim Glück, wie du es nennen magst.
Ich will einfach, dass die Iraner*innen und alle Menschen sicher und
geschützt sind. All diese Kriege, diese ganze Zerstörung und Unsicherheit.
Ich wünsche mir wirklich sehr, dass dieser Krieg zu Ende ist.
Und ich wünsche mir, dass die Welt auf uns schaut, auf die
Palästinenser*innen. Denn die Raketen sind nicht die einzige Bedrohung für
uns. Wir erleben gerade [3][sehr viele Angriffe von israelischen Siedlern],
viel mehr als zuvor. Früher kam die Bedrohung vom Land, jetzt auch aus der
Luft. Was kommt als Nächstes, kriecht sie dann aus dem Untergrund?
Wir wünschen uns, dass die internationale Gemeinschaft Druck auf Israel
ausübt, um diesen Krieg zu beenden und die Gewalt der Siedler zu stoppen.
Protokoll: Serena Bilanceri
16 Mar 2026
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