# taz.de -- Rebecca Horn in Wuppertal: Auf der Rasierklinge einer Horn’schen Poesie
> Im Wuppertaler Skulpturengarten Waldfrieden lässt sich auf das ironische
> Werk der verstorbenen Bildhauerin und Filmemacherin Rebecca Horn
> zurückschauen.
(IMG) Bild: Und drumherum Wuppertals Zerschossenheit: Rebecca Horns ikonisches „Concert for Anarchy“ von 2006 im Skulpturenpark Waldfrieden
Wuppertal ist eine Schönheit auf den zweiten Blick. Immer mal wieder fällt
die Stadt im bergischen Land den Lifestyle-, Reise- und Kunstkennern auf
und wird dann eilig als Geheimtipp oder wie vor ein paar Jahren sogar als
„das neue Berlin“ gehypt. Wahr ist, dass Wuppertal nicht nur einst
eigenständige Städte widerwillig vereint, sondern auch verwirrend viele
Gegensätze: arm und reich, abgerockt und großbürgerlich, postindustriell
und idyllisch.
Das Erstaunlichste an dieser Stadt aber ist ihre ungebrochene
Anziehungskraft für eigenwillige Künstlerinnen und Künstler, die wissen,
was sie der besonderen Offenheit Wuppertals verdanken: Pina Bausch etwa,
die dort beharrlich [1][ihr Tanzimperium aufbauen konnte].
Oder der britische Bildhauer Tony Cragg, der seit 1977 in Wuppertal lebt
und 2008 seinen Skulpturenpark am Hang des Hesselnbergs eröffnete. Zwischen
Laubbäumen und Gartenrasen stehen dort derzeit etwa 65 Skulpturen
zeitgenössischer Kunst, 26 von Tony Cragg selbst. Als Träger der
Aktivitäten fungiert die gemeinnützige Cragg Foundation, die für die
Bespielung des Parks Skulpturen entweder zeitweise leiht, aber meistens
ankauft, sowie ambitionierte Wechselausstellungen in den mittlerweile drei
Ausstellungshallen organisiert.
## Skulpturengarten Waldfrieden
So ungewöhnlich wie der Ort ist hier auch die Präsentation: Der
Skulpturenpark Waldfrieden ist alles andere als barrierefrei, schon die
Anreise mit den Öffis beschert einen steilen Aufstieg, und auch im Park
selbst sind Kondition und festes Schuhwerk gefragt. Und da es ein privates
Museum ist, muss Tony Cragg sich auch nicht den Usancen der üblichen
Erklärzwänge beugen, denn außer diskret angebrachten Schildchen gibt es für
das wandernde Publikum keinerlei Didaktik, geschweige denn Kuratoren-Lyrik
zu verarbeiten.
Auch wenn der 76-jährige Tony Cragg höchstselbst durch sein stilles Reich
führt, hält er eher wenig von deutenden Erklärungen. Wie nun bei der ersten
Begehung der Ausstellung „Emotion in Motion“ durch alle drei Hallen des
weitläufigen Geländes mit einer konzentrierten Rückschau auf das Werk von
Rebecca Horn. Horn, die mit ihren Aktionen, kinetischen Skulpturen,
Installationen oder Filmen ein intensives Künstlerinnenleben lang die
Grenzen zwischen Natur und Kultur auslotete und [2][2024 im Alter von 80
Jahren verstarb].
Ihr Werk ist präsent in musealen Sammlungen weltweit, auch und gerade in
Nordrhein-Westfalen. Im vorigen Jahr war ihre Großinstallation „The
Universe in a Pearl“ im sächsischen Lößnitz der Clou des „Purple Path“ im
Rahmen des Chemnitzer Kulturhauptstadtjahrs, kurz davor richtete das
Münchner Haus der Kunst ihr noch zu Lebzeiten eine große und fulminant
bestückte Retrospektive aus.
## Vitalität und Präsenz in den Pavillons
Damit kann und will Wuppertal nicht konkurrieren, zumal nur 14 Arbeiten
gezeigt werden. Die aber haben es in sich. Denn sie entwickeln hier eine
gesteigerte Vitalität und atmende Präsenz. In den gläsernen Pavillons
entsteht eine ganz eigene, sacht bewegte Dynamik, die sich im Dialog mit
der draußen zaghaft erwachenden Natur entfaltet. „Das ist etwas ganz
anderes als in einem White Cube“, gibt Cragg zu bedenken.
Die obere, elliptisch geformte Glashalle, die vorbei an Horns Objekten
einen Blick ins Tal gestattet, ist dominiert von der Arbeit „Turm der
Namenlosen“ von 1994, einst errichtet in einem Wiener Treppenhaus als
Reaktion auf den Jugoslawien-Krieg.
Historische Obstleitern türmen sich zu einer steilen Installation. Darauf
sind Geigen verteilen. Deren Bögen sind elektronisch gesteuert und spielen
über eine Mechanik fragmentarische Tonfolgen an, heiser, kratzend, wie eine
traurige, verlangsamte Erinnerung an fröhliche Tänze. Horn verwies damit
auf die Geflüchteten, die in Wien damals als Straßenmusiker ums Überleben
kämpften.
Ungleich spektakulärer und sowieso längst ikonisch ist in der mittleren
Halle die Installation „Concert of Anarchy“ aus dem Jahr 2006. Geräuschvoll
dekonstruiert sie einen kopfüber von der Decke hängenden Konzertflügel,
indem sie deren Tasten mithilfe pneumatischer Zylinder ruckartig aus dem
Instrument herausfahren lässt, als wollten sie zu Boden stürzen und dabei
die Saiten im Korpus des Instruments zu einer kreischenden Kakofonie
anschwellen lassen.
Den denkbar größten Kontrast dazu liefert im gleichen Saal die späte und
gänzlich geräuschlose Arbeit „Hauchkörper“ von 2017: Spitz zulaufende,
überlebensgroße Messingstäbe ragen aus einer Stahlplinthe empor und wiegen
sich in sanftem Rhythmus in verschiedene Richtungen, aufeinander zu und
voneinander weg, als würden sie sich gegenseitig anziehen und dann wieder
abstoßen. Die Schwingungen sind minimal, kaum wahrnehmbar.
## Mehrdeutig, surreal und ironisch
In der unteren Halle, vor verglastem Ausblick, bewegen sich zwei
Metallbögen langsam aufeinander zu. An deren Enden befinden sich
Nashornspitzen. Bei Berührung erzeugen sie zischende Lichtblitze. Der „Kuss
des Rhinozeros“, so der Name [3][dieser kinetischen Skulptur] von 1989,
bewegt sich im Spannungsfeld zwischen Aggression und Zärtlichkeit, dabei
balanciert er auf der Rasierklinge einer typisch Horn’schen Poesie: immer
mehrdeutig, oft surreal, auch ironisch und von beunruhigender Ambivalenz,
die um die Aggression als Kehrseite der Schönheit weiß.
20 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Choreograf-Boris-Charmatz-in-Wuppertal/!5975655
(DIR) [2] /Zum-Tod-von-Rebecca-Horn/!6035172
(DIR) [3] /Kunsttipps-fuer-Berlin/!5770956
## AUTOREN
(DIR) Regine Müller
## TAGS
(DIR) wochentaz
(DIR) Bildende Kunst
(DIR) Skulptur
(DIR) Ausstellung
(DIR) Natur
(DIR) Wuppertal
(DIR) Ausstellung
(DIR) Biennale Venedig
(DIR) Nachruf
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Saodat Ismailova im Portikus Frankfurt: Bis der Klimawandel den Aralsee dahinraffte
Die usbekische Künstlerin Saodat Ismailova lässt in ihrer Frankfurter
Ausstellung die ausgebeutete Natur Zentralasiens ganz nah an einen
heranrücken.
(DIR) Zum Tod von Henrike Naumann: Viel zu spät, viel zu früh
Henrike Naumann sollte als erste ostdeutsche Frau den Deutschen Pavillon
der Biennale von Venedig bespielen. Nun ist die Installationskünstlerin
überraschend verstorben.
(DIR) Zum Tod von Rebecca Horn: Eine große Erfinderin
Zwischen Körper, Maschine und Symbol: Die Bildhauerin, Aktionskünstlerin
und Filmemacherin Rebecca Horn ist im Alter von 80 Jahren gestorben.