# taz.de -- Odessa unter den russischen Angriffen: Der Feind spricht Russisch. Ist Russisch ein Feind?
> Die ukrainische Metropole am Schwarzen Meer ist Ziel intensiver
> russischer Angriffe. Der Umgang mit allem Russischen ist Dauerstress.
> Oder doch nicht?
(IMG) Bild: Drei Menschen starben in diesem Wohnhaus nach einem russischen Drohnenangriff in Odessa in der Nacht zum 6. April
Es ist ein wunderschöner Frühling in Odessa, der Stadt am Schwarzen Meer,
die, wie es in einem bekannten Lied heißt, viel Leid gesehen hat.
Gemächlich ziehen Menschen durch den Bahnhof, genießen die noch ungewohnte
Wärme von 20 Grad. Immer wenn ein Zug eintrifft, begrüßen die Lautsprecher
die Gäste mit dem 1935 komponierten Lied „Oh Schwarzes Meer“.
Und wenn man die Menschen beobachtet, die an diesem sonnigen Frühlingstag
gemächlich ihres Weges gegen, fragt man sich, ob das, was man in der Nacht
erlebt hat, vielleicht nur ein böser Albtraum war.
Doch es war kein Albtraum, es war bittere Realität, [1][ein russischer
Drohnenangriff], der in der Nacht zu Montag drei Menschen das Leben
gekostet hat, unter ihnen ein Kind. Jetzt am Frühlingsnachmittag scheinen
die Ereignisse der Nacht weit zurückzuliegen.
„Jeder geht mit den Luftangriffen anders um“, erklärt Switlana auf einer
Parkbank unweit des Bahnhofes. „Gott hat den Zeitpunkt meines Todes
bestimmt. Was soll ich jetzt Angst haben?“
## Die Puppe riecht immer noch nach Ruß
Switlana war nicht im Schutzraum in der Nacht. Vor einigen Wochen hatte es
in einem Nachbarhaus eingeschlagen. Dabei hatte die Druckwelle
Kinderspielzeug auf die Straße geschleudert. „Ich habe mir eine Puppe
genommen. Nun liegt diese Puppe immer neben mir in der Nacht. Sie riecht
immer noch nach Ruß.“
„Alles hängt von deiner inneren Kraft ab“, fährt sie fort. „Wenn du die
hast, kannst du so eine Nacht gut überleben. Wenn nicht, greifst du zur
Flasche.“ Doch es sind nicht nur die Luftangriffe, die die BewohnerInnen
von Odessa beunruhigen.
Im Straßenbild sieht man vorwiegend Frauen, Jugendliche und ältere Männer.
Viele Männer im wehrfähigen Alter verstecken sich. Sie fürchten, direkt von
der Wehrbehörde TZK [2][auf der Straße aufgegriffen] zu werden, erklärt
Taxifahrer Serhi.
Leonid Schtekel, Blogger und Aktivist, betrachtet die TZK-Behörde als ein
Zentrum tief verwurzelter Korruption. Nach seinen Angaben zahlen viele
Männer Bestechungsgelder – entweder, um einer Mobilisierung ganz zu
entgehen, was besonders teuer sei, oder häufiger, um nicht an die Front
geschickt zu werden, sondern in vergleichsweise sichere Einheiten zu
gelangen.
Die Furcht vor Mitarbeitern der Rekrutierungsbehörden sei allgegenwärtig,
so Schtekel weiter. Und leider werde jetzt alles aus dem Stadtbild getilgt,
was an die russischsprachige Vergangenheit von Odessa erinnere.
Schtekel kann es nicht verstehen kann, dass sogar ein Denkmal des unter
Stalin hingerichteten, in Odessa geborenen Schriftstellers [3][Isaak Babel]
entfernt werden soll. Die Gesellschaft sei zunehmend von Polarisierung
geprägt.
Dabei seien die Zeiten, in denen sich proukrainische und prorussische
Gruppen feindselig gegenübergestanden hatten, vorbei, findet er. Wer fast
jede Nacht russische Luftangriffe erlebt, kann nicht mehr das Russland von
Wladimir Putin gut finden. Nun aber sei die russische Sprache das
polarisierende Thema. „Irgendwann kann der Streit über die russische
Sprache zu Blutvergießen führen“ fürchtet Schtekel.
## „Russisch ist einfach tabu“
Katja Tschalaja ist nicht der Auffassung, dass Russischsprechende gehasst
werden. „Russisch im öffentlichen Raum ist einfach tabu.“ Gleichwohl: Die
Menschen, die fast jede Nacht Drohnenangriffe erleben, befänden sich im
Dauerstress. Und diesem könne man entgegenwirken mit schöpferischer und
künstlerischer Tätigkeit.
Sie weiß, wovon sie spricht, hat sie doch kürzlich in Odessa [4][das
Zentrum Talant+] gegründet. In diesem können Kinder und Jugendliche Bilder
malen, handwerklich tätig sein oder auch musizieren.
Im Alltag von Odessa ist von Polarisierung wenig zu spüren. „Zikavo“, sagt
eine junge Frau an einer Ampel ihrer Begleiterin und deutet auf ein rotes
Kleid einer anderen Passantin. „Da, interesno“, antwortet ihre Freundin.
Die beiden haben das Gleiche gesagt: nämlich, dass sie das Kleid
interessant finden – erst auf Ukrainisch und dann auf Russisch. Und weitere
Gesprächsfetzen machen deutlich: Die eine spricht immer auf Ukrainisch,
ihre Freundin antwortet immer auf Russisch. Diese beiden Frauen jedenfalls
haben kein Sprachproblem.
6 Apr 2026
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