# taz.de -- Ökonom Reinhard Loske über Klimapolitik: „Wir werden diese Energiemengen aus den USA nicht brauchen“
> Fossile Energie für 750 Milliarden Dollar aus den USA zu importieren,
> hält der Ökonom Reinhard Loske für „Wahnsinn“.
(IMG) Bild: Hier wird die fossile Energie aus den USA importiert: Gas-Terminal in Wilhelmshaven
taz: Herr Loske, einen „Klimakult“ der Europäer nahm US-Außenminister Marco
Rubio bei der Münchner Sicherheitskonferenz aufs Korn. Welche Chance hat
globale Klimapolitik noch, wenn die mächtigste Regierung der Welt sie nicht
will?
Reinhard Loske: Das ist kein wirklich neues Phänomen. Nachdem das
Kioto-Protokoll zum Klimaschutz 1997 verabschiedet worden war, lehnten die
USA unter Präsident George W. Bush die Ratifizierung seit Januar 2001 ab.
Schon nach der ersten Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten 2016
verließen die Vereinigten Staaten das Pariser Klima-Abkommen. Jetzt, in
seiner zweiten Amtszeit, sind die USA erneut ausgestiegen. Und Trump
[1][will überdies die Klimarahmen-Konvention von 1992 ad acta legen]. Trotz
dieses dreimaligen Abschieds hat sich aber die Klimapolitik in Europa
während der vergangenen 20 Jahre vergleichsweise gut entwickelt. Selbst in
den Vereinigten Staaten ist viel passiert. Wenn die Regierung in Washington
den Rückwärtsgang einlegt, schießt sie sich letztlich ins eigene Knie.
Viele Bundesstaaten und Städte werden trotzdem weiter vorangehen. Außerdem
ist nicht aller Tage Abend: Vielleicht bekommt Trump einen Dämpfer bei den
Zwischenwahlen in diesem November.
taz: Die US-Regierung versucht, die Tendenz der globalen Energiepolitik
umzudrehen – statt weniger Öl und Gas will sie mehr davon. Das Beispiel
[2][Venezuela] – die Entführung von Staatspräsident Maduro durch
US-Soldaten, die Inbesitzname dortigen Erdöls – zeigt, dass die Strategie
erfolgversprechend sein könnte.
Loske: Dagegen sprechen zum Beispiel die gigantischen Kosten der
Erschließung und Förderung von Öl und Gas. Auch deshalb halten sich die
Investitionszusagen der fossilen US-Energieversorger gegenüber Trump in
Grenzen. Währenddessen bieten die erneuerbaren Energien enorme
wirtschaftliche Vorteile und erhöhen die Energiesicherheit. Die sinkenden
Kosten der Wind- und Solarenergie sind ein starkes Argument.
taz: Aber Kraftwerke ohne Kohlendioxid-(CO2)-Ausstoß brauchen hierzulande
immer noch Subventionen – im Gegensatz zu den fossilen.
Loske: Wenn man die Klima-, Umwelt-, Gesundheits- und ökonomischen
Folgeschäden in die Preisbildung einbezieht – genau das tut ja der
Emissionshandel –, dann sind die Erneuerbaren schon heute wesentlich
günstiger als Fossil- und Atomenergie. Selbst bei einem konventionellen
Kostenverständnis nähern sich die Preise an. In vielen Fällen sind neue
Wind- und Solaranlagen heute schon die günstigere Variante. Hinzu kommt:
Wenn wir hier Energie einsparen, effizient nutzen und regenerativ erzeugen,
ersetzen wir teure Energieimporte durch inländische Ingenieurs- und
Handwerksleistungen. Die heimische Wertschöpfung kommt uns zugute, sie
fließt nicht ins Ausland ab.
taz: Im Handelsabkommen hat die US-Regierung Europa Importe fossiler
Energie für 750 Milliarden Dollar aufgezwungen. Was kann man dagegen tun?
Loske: Die 750 Milliarden sind eine willkürliche Zahl und obendrein ein
Wahnsinn. Das muss man unter allen Umständen vermeiden. Wir wären verrückt,
wenn wir uns nach der langen Abhängigkeit von Russland nun beim Flüssiggas
in die Hände der USA begäben. Es ist wichtig, dass die EU bei ihrem
bisherigen Kurs bleibt. Man kann vielleicht gewisse Modifikationen am
Emissionshandel vornehmen, dem zentralen Instrument zur Verringerung der
CO2-Emissionen. Aber die Grundlinie muss klar bleiben: Effizienz,
Einsparung, Erneuerbare, Emissionsminimierung.
taz: Wie soll das praktisch funktionieren? Die US-Regierung wird darauf
achten, dass Europa das Abkommen erfüllt.
Loske: Die europäischen Regierungen und Unternehmen haben einen gewissen
Spielraum. Es handelt sich ja um einen sukzessiven Prozess über die
Zeitachse. Offiziell aufkündigen muss man die Vereinbarung vorerst nicht,
da sie Teil eines handelspolitischen Gesamtdeals ist. Aber tatsächlich
werden wir diese Energiemengen aus den USA nicht brauchen.
taz: Bundeskanzler Friedrich Merz sagte bei der Sicherheitskonferenz,
Europa halte an seiner Klimapolitik fest. Doch die EU leidet unter
ökonomischen Problemen, weswegen sie die Transformation zur
Klimaneutralität verlangsamt. Merz regte Korrekturen am Emissionshandel an.
Ist das vertretbar oder der Anfang des großen Zurückdrehens?
Loske: Der Kanzler verursacht enorme Unsicherheit. Viele Unternehmen haben
sich auf den Emissionshandel eingestellt, schließlich hatten sie lange
genug Zeit. Dass die Chemie-Industrie immer noch nicht so weit ist, sagt
viel aus über die Unternehmen und ihre Vorstände. Dort herrscht offenbar
ein erhebliches Defizit an vorausschauender Innovationskraft. So kann es
nun nötig sein, Chemie-Firmen im Einzelfall zu helfen, vielleicht mit
größeren Steuervorteilen oder Zuschüssen für Investitionen in
zukunftsfähige Technologien. Aber bitte nicht mit zusätzlichen,
Gratis-Zertifikaten für CO2-Ausstoß, wie es Merz vorzuschweben scheint. Die
Integrität des Emissionshandels auszuhebeln, wäre ein schwerer Fehler. Die
Menge der Zertifikate, die die Industrie erhält, muss planmäßig weiter
sinken, um 2045 die Klimaneutralität zu erreichen.
taz: Welche Verbündeten hat Europa international für diese Politik?
Loske: Ein Kollege aus Nigeria sagte mir kürzlich, er sehe beim Klimaschutz
eine Flut positiver Entwicklungen in vielen Ländern des Globalen Südens.
China nimmt die Klimapolitik ernst. Indien kommt mit der Solarenergie
ebenfalls vorwärts. Diese Grundausrichtung gibt Hoffnung.
taz: Außenminister Rubio lud die Europäer ein, gemeinsam in ein „neues
westliches Jahrhundert“ zu starten. Würden Sie mitgehen?
Loske: Die US-Regierung glaubt, sie könne sich von den Vereinten Nationen
verabschieden und alleine die Welt beherrschen. Doch so darf ein Staat von
340 Millionen Leuten nicht mit 7,7 Milliarden Erdenbürgern umspringen. Die
Amerikaner werden erkennen, dass sie durch Trumps rüpelhafte, egoistische
und imperiale Politik viele Freunde verlieren. Mit Putin und Co werden sie
nicht weit kommen, ebenso wenig mit einer reduktionistischen Fixierung auf
die Konkurrenz zu China. Deswegen wäre es unklug, wenn Europa jetzt alles
auf Trump und sein falsches Denken setzen würde. Wir müssen als Europa
unseren eigenen Weg finden und international für fairen Handel werben.
22 Feb 2026
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