# taz.de -- Ausländerbehörde in Bayern: Unmenschliches Ultimatum
> Der 17-jährige Matin P. macht eine Ausbildung zum Fahrradmechaniker. Doch
> die darf der Jeside nur beenden, wenn seine Eltern ausreisen.
(IMG) Bild: Bangt um die eigene und die Zukunft seiner Eltern: Matin P. in seiner ehemaligen Ausbildungsstelle in Augsburg
„Dem Sohn Matin P. wird eine Ermessensduldung zur Ausbildung in Aussicht
gestellt, wenn Sie als Eltern freiwillig ausreisen“, so das Schreiben der
Zentralen Ausländerbehörde (ZAB) Schwaben vom 5. September 2025 an Familie
P. Seither bangt die neunköpfige jesidische Familie um ihre Eltern und den
jüngsten Bruder Matin, die in den Irak ausreisen sollen.
Der 17-jährige Matin P., der bis Ende August eine Ausbildung zum
Zweiradmechaniker gemacht hatte, wurde mit dem Schreiben der
Ausländerbehörde vor die Wahl gestellt, sich für die eigene berufliche
Zukunft oder für seine Eltern zu entscheiden. Er selbst spricht nicht viel,
sachlich und ohne Umschweife schildert er die Situation. Seine Eltern für
die Ausbildungsstelle zu opfern stand außer Frage.
In einem spartanisch eingerichteten Acht-Quadratmeter-Zimmer in einer
Gemeinschaftsunterkunft im Landkreis Augsburg sitzen Vater Gharib und fünf
seiner sieben Kinder auf Matratzen, zwischen ihnen ist ein weiß-blau
gemusterter Teppich ausgebreitet. „Das ist unmenschlich“, sagt Alan P., der
bereits 2017 nach Deutschland gekommen ist, über den Vorschlag der
Ausländerbehörde. Der große Bruder von Matin P. lebt und arbeitet, wie eine
weitere Schwester, in Nordrhein-Westfalen und ist mittlerweile deutscher
Staatsbürger. Er hat Angst vor beruflichen Konsequenzen, deshalb ist sein
Name in diesem Text ein Pseudonym.
Auch der Bayerische Flüchtlingsrat hat zum Deal, den die Ausländerbehörde
vorschlägt, eine klare Haltung: [1][Das sei „Erpressung“.] Die
Ausländerbehörde selbst teilte der taz mit, dass es sich um ein
Entgegenkommen handele: So könne Sohn Matin P., statt ebenfalls auszureisen
und dann den komplexen Fachkräfteeinwanderungsprozess zu durchlaufen,
direkt seine Ausbildung weitermachen – allerdings unter der Bedingung der
Ausreise der Eltern.
## BAMF-Bericht: Jesid:innen im Irak geächtet
Mit dieser Entscheidung geht der Albtraum für die jesidische Familie
weiter. [2][Nachdem sie 2014 den vom IS verübten Genozid überlebt hatten],
kamen sie 2020 nach Deutschland und wähnten sich in Sicherheit. „Wir sind
nach Deutschland gekommen, weil uns das Leben als jesidische Minderheit im
Irak unmöglich wurde. Wir hatten gehofft, in einem christlichen Land Schutz
zu finden“, erklärt Vater Gharib P. Doch Ende November genehmigte die
Landesbehörde für Asyl und Rückführungen die Luftabschiebung von Matin P.
und seinen Eltern.
Bereits 2023 wurde Bruder Fath, der einen unbefristeten Arbeitsvertrag bei
einer Reinigungsfirma hatte, in Abschiebehaft genommen und in den Irak
abgeschoben. Bei einem Volljährigen mit Duldungsstatus war das rechtlich
möglich, selbst wenn das bedeutet, dass er von seiner Familie getrennt
wird. „Seitdem ist unsere Familie auseinandergerissen“, sagt sein Bruder
Alan. Ohne die finanzielle Unterstützung, die er und eine weitere Schwester
aus NRW in den Irak schicken, könnte Fath P. nicht überleben.
Ein [3][Bericht des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF)]
schildert die widrigen Bedingungen für die Jesid:innen im Irak: Die
Gebäude, Strom- und Wasserleitungen sind nicht wiederaufgebaut worden,
durch mindestens drei bewaffnete Gruppen ist die Sicherheitslage instabil
und in der irakischen Mehrheitsgesellschaft werden Jesid:innen von
vielen als „Teufelsanbeter“ geächtet.
Der Bericht beeindruckt Bayern nicht – und die aktuelle Rechtslage
ermöglicht die Abschiebung von Matin und seinen Eltern. Das würde bedeuten,
dass sie von den anderen fünf volljährigen Geschwistern, die in Deutschland
alle Ausbildungen nachgehen oder bereits mitten im Berufsleben stehen,
getrennt werden.
## Einmal Bayern, immer Bayern
Auch wenn die Lage aussichtslos erscheint, will die Familie nicht aufgeben.
Die beiden bereits eingebürgerten Geschwister, die in NRW leben, sind
bereit, für den Lebensunterhalt der Eltern zu sorgen, solange sie in
Deutschland bleiben können. Würde Bayern die Wohnsitzauflage der Eltern
aufheben, könnten sie nach NRW, wo sogar Arbeitsverträge im
Lebensmitteleinzelhandel und der Gastronomie auf sie warten würden.
Doch die Bitte, die Wohnsitzauflage aufzuheben, wurde vom bayerischen
Innenminister Joachim Herrmann (CSU) abgelehnt. Auf Anfrage der taz
schreibt die Pressestelle der Ausländerbehörde, dass „bei unmittelbar
bevorstehender Aufenthaltsbeendigung kein Raum mehr“ für eine Umverteilung
wäre.
Dabei läuft Bayern mit seiner Unnachgiebigkeit gegenüber Jesid:innen
gegen den Bundestrend: Einige Bundesländer wie Schleswig-Holstein
verhängten Abschiebestopps für die Minderheit. NRW setzte im Januar sogar
ein Landesschutzprogramm auf und wartet auf die nötige Zustimmung der
Bundesregierung.
[4][Grüne] und [5][Linkspartei] brachten im November 2025 und Januar 2026
Gesetzesentwürfe im Bundestag ein, die ein Aufenthaltsrecht für Jesiden
festlegen sollten. Am 23. Februar fand dazu eine [6][Anhörung] von
Sachverständigen im Innenausschuss statt. [7][Dass Deutschland 2023 die
Verbrechen des IS an den Jesid:innen als Völkermord anerkannt hat, ist
ein zentrales Argument der beiden Fraktionen.]
## „Ein großer Schmarrn“
Bayern bleibt bislang unbeeindruckt und strebt sogar die Abschiebung gut
integrierter Minderjähriger wie Matin P. an. „Viele der Fälle, die bei mir
landen und eine besondere Härte aufweisen, kommen aus Bayern“, sagt Tareq
Alaows von Pro Asyl. „Wir beobachten allerdings bundesweit eine
Verschärfung der Abschiebepraxis.“ Der Fall der Familie P. zeige die
besondere Brutalität der Abschiebepraxis in Bayern. Er appelliert an „ein
bisschen Menschlichkeit“ seitens des Freistaates. Bisher bleiben alle
Bitten unerhört.
Dabei ist die Familie in dieser Situation alles andere als alleine. Beim
Gespräch in der Unterkunft fällt immer wieder der Name von Christiane
Maurer, die sich ehrenamtlich für das Bleiberecht von Jesid:innen
einsetzt. Sie hatte von der Familie erfahren und bot ihre Hilfe an.
Seit 2023 hat Maurer Mails geschrieben, Petitionen verfasst und das
persönliche Gespräch gesucht. Aber gerade bei den Schlüsselakteuren in
Bayern, der Zentralen Ausländerbehörde Schwaben und dem bayerischen
Innenministerium, stoße sie auf taube Ohren. Ein großes Problem sieht
Maurer in der ungeklärten Zuständigkeit. Bayern verweist auf das Fehlen
einer bundesweiten Regelung, der Bund auf die Zuständigkeit der Länder.
„Das ist einfach ein großer Schmarrn“, ärgert sich auch Andreas Heuchele.
Er wartet auf seinen ehemaligen Auszubildenden Matin in seinem Büro hinter
dem Geschäftsraum von „Kette und Kurbel“, [8][einer gemeinnützigen
Fahrradwerkstatt], wo gebrauchte Räder auf Hochglanz poliert auf neue
Besitzer:innen warten.
## Mangelberuf Zweiradmechaniker
Heucheles Kollegin Melanie Eigl war dabei, als die Ausländerbehörde der
Familie Anfang September die Hiobsbotschaft überbrachte. Wie die Familie
selbst wollten auch sie die Entscheidung nicht hinnehmen. Gemeinsam mit
Christiane Maurer kontaktierten sie lokale Entscheidungsträger wie den
Bischof von Augsburg. „Der hat nicht mal geantwortet, das fand ich
besonders enttäuschend“, schildert Heuchele. [9][Aktuell läuft eine
öffentliche Petition für Matin P. und seine Eltern.]
Heuchele von „Kette und Kurbel“ klingt desillusioniert: Matin P. lasse sich
zum Mangelberuf Zweiradmechaniker ausbilden, der während der Covid-Pandemie
sogar als systemrelevant eingestuft war. Und nun wolle man eine solche
Fachkraft abschieben? „Selbst wenn der Staat die humanitäre Notwendigkeit
nicht versteht, die eigentlich den Schutz der Familie in Deutschland
vorschreibt, sollte er doch wenigstens in seinem eigenen Interesse handeln
und die zukünftigen Steuerzahler im Land behalten.“
Am Ende geht Matin P. noch mal in die Werkstatt. Von der Decke hängen
Fahrradrahmen, in jeder Ecke finden sich Ersatzteile. „Das war mein
Arbeitsplatz“, sagt er und zeigt auf einen Werktisch an der Fensterfront,
an die Fahrradfelgen in unterschiedlichen Größen lehnen. Die anderen in der
Werkstatt freuen sich über Matins Besuch, bis heute trifft er sich mit
ihnen nach Feierabend. Früher sei es die Arbeit gewesen, die ihm Struktur
gegeben habe, sagt er.
Über seine Gefühle spricht Matin P. ungern. Lieber erklärt er die
Funktionsweise von Kettennietdrückern oder erzählt seinen Weg zur
Ausbildung bei „Kette und Kubel“: Für eine Ausbildung als Fahrradtechniker
habe er sich entschieden, weil er schon als Kind im Irak gern an Fahrrädern
rumgeschraubt habe, später auch in der Flüchtlingsunterkunft. Nach Hause
fährt er allerdings mit den Öffentlichen. „Ich habe zwar ein Fahrrad, aber
Fahrräder reparieren macht mir mehr Spaß, als sie zu fahren.“
Transparenzhinweis: CSU-Innenminister Joachim Herrmann hat die Bitte, die
Wohnsitzauflage aufzuheben, abgelehnt. Wir haben die entsprechende
Textstelle aktualisiert.
13 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://muenchner-fluechtlingsrat.de/pressemitteilung-vom-22-12-2025-erpresserische-familientrennung-durch-die-auslaenderbehoerde
(DIR) [2] https://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Behoerde/Informationszentrum/Laenderkurzinformationen/2025/laenderkurzinfo-irak-04-25.pdf?__blob=publicationFile&v=5
(DIR) [3] https://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Behoerde/Informationszentrum/Laenderkurzinformationen/2025/laenderkurzinfo-irak-04-25.pdf?__blob=publicationFile&v=5
(DIR) [4] https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2025/kw46-de-jesiden-1123166
(DIR) [5] https://www.bundestag.de/presse/hib/kurzmeldungen-1136822
(DIR) [6] https://www.bundestag.de/ausschuesse/inneres/anhoerungen/1146054-1146054?enodia=eyJleHAiOjE3NzE5NjE2NTgsImNvbnRlbnQiOnRydWUsImF1ZCI6ImF1dGgiLCJIb3N0Ijoid3d3LmJ1bmRlc3RhZy5kZSIsIlNvdXJjZUlQIjoiNjMuMTQxLjQ4LjE1MSIsIkNvbmZpZ0lEIjoiOGRhZGNlMTI1ZmQyYzM5MzJiOTQzYjUyZTlkMmNkNjUwNTc1NGUxNjIyMTJhMmNlMWJiNWFmMTVjMGQ0YmJmZSJ9.tTlV1k40VjMWe-ITNj7tXVxwaGwvZoroKpYHjQZx66s=
(DIR) [7] https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2023/kw03-de-jesiden-927032
(DIR) [8] https://www.nachhaltigkeit.augsburg.de/zukunftspreis/projektdetails/projekt-kette-und-kurbel
(DIR) [9] https://weact.campact.de/petitions/unmenschliche-trennung-von-familie-mit-4-azubis-stoppen
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(DIR) Vanessa Barisch
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