# taz.de -- Arbeitsintegration von Geflüchteten: Sie wollen arbeiten, dürfen aber nicht
> Der Asylsuchende Guelord würde gerne arbeiten und hat konkrete Angebote.
> Aber die Bürokratie hält ihn davon ab. Er wartet auf seine
> Arbeitserlaubnis.
(IMG) Bild: Guelord könnte als Reinigungskraft oder als Tellerwäscher arbeiten, aber ihm fehlt die Arbeitserlaubnis
München taz | Die Frage, wieso er denn arbeiten möchte, findet Guelord
absurd. „Natürlich will ich arbeiten, wie jeder“, sagt der kongolesische
Asylsuchende. „Ich will etwas zu tun haben, mein eigenes Geld verdienen.
Ich will nicht ewig von Sozialleistungen leben.“
Das erste Gespräch mit Guelord findet an einem sonnigen Tag im April 2025
statt, aber es folgen noch weitere. Denn als Asylsuchender eine
Arbeitserlaubnis zu erlangen, ist ein langwieriger Prozess mit ungewissem
Ausgang – so zumindest in diesem Fall. Aus Angst vor Auswirkungen auf seine
Anträge zu Aufenthalt und Arbeit will Guelord seinen Nachnamen nicht
öffentlich machen.
Er sitzt im Gemeinschaftsraum einer Unterkunft im Landkreis München, die
aus Containerhäusern besteht. An den Schränken kleben von Kinderhand
gemalte Bilder, die Sonne scheint durch das Fenster. „Gerade an solchen
Tagen fühle ich mich schlecht. Ich habe nichts zu tun, kann die Sonne
genießen, während alle Menschen beider Arbeit sind“, sagt Guelord.
Dabei hatte er bereits zwei Mal eine Arbeit gefunden, einmal als
Reinigungskraft, und nun hat er über eine Personalagentur das Angebot, in
einer Kantine zu arbeiten. Zuvor hatte er dort eine unbezahlte Hospitanz
absolviert.
„Im Januar habe ich mit meiner Sozialarbeiterin die Dokumente vorbereitet
und abgeschickt“, erklärt Guelord und lehnt sich in dem weißen Stuhl mit
Metallbeinen zurück. Die Dokumente bestehen aus dem Arbeitsvertrag und
einer Stellenbeschreibung, die im Behördendeutsch „Erklärung zum
Beschäftigungsverhältnis“ heißt. Das Formular ist mit dem Logo der
Bundesrepublik, dem der Agentur für Arbeit und dem Label „Make it in
Germany“ versehen, das in schwarz-rot-gold in der Ecke platziert ist.
## Warten und geduldig sein
Doch bisher hat er keine Rückmeldung seitens der Ausländerbehörde und auch
keine Eingangsbestätigung erhalten, trotz Nachfrage per Mail und
Telefonhotline. „Ich habe Anfang Juli einen Termin, um meinen Ausweis zu
verlängern. Auf dem Ausweisdokument wird auch die Arbeitserlaubnis
eingetragen, vielleicht erteilen sie die mir dann “, meint Guelord, und
klingt dabei weder zuversichtlich noch pessimistisch. „Meine
Sozialarbeiterin hat mich darauf eingestellt, dass er länger dauern
könnte“, berichtet Guelord und zieht den Vorhang ein Stück ins Fenster.
„Ich bin bereit, geduldig zu sein.“
Guelords Asylantrag, den er bereits 2019 gestellt hatte, wurde abgelehnt,
er klagt nun dagegen. Er habe in seiner Heimat Kongo als Kameramann die
Wahlkampagne eines Gegenkandidaten des aktuellen Präsidenten [1][Félix
Tshisekedi] begleitet, erzählt er. Guelord sagt, er sei deshalb inhaftiert
und gefoltert worden.„Meine Familie verhandelte mit einem Wachmann und
konnte mich so freikaufen. Dann floh ich nach Europa.“ Nun wartet er auf
die Entscheidung des Verwaltungsgerichts.
Rechtlich gesehen steht Guelord, dessen asylrechtlicher Status
„Aufenthaltsgestattung“ heißt, steht bis dahin eine Arbeitserlaubnis zu.
Ein Arbeitsverbot besteht in Deutschland sechs Monate ab
Asylantragsstellung, eine Frist, die Guelord also lange hinter sich
gelassen hat.
## Antrag nicht bearbeitet
„Das lange Warten, wie es Guelord erlebt, ist kein Einzelfall“, erklärt
Sozialarbeiterin Pamela Bader an ihrem mit Papieren und einem Computer
vollgepackten Schreibtisch in einem kleinen Büro im Container neben dem
Gemeinschaftsraum. Ihr Name sowie die genaue Unterkunft wurden
anonymisiert, da der Träger fürchtet, Kritik an den Behörden des
Landkreises könnte sich in finanzielle Nachteile bei der Mittelvergabe
übersetzen.
Es gibt keine Statistiken zu den Bearbeitungszeiten und der Annahmequote
der Arbeitserlaubnisanträge, aber zu Migration arbeitende NGOs kommen zu
ähnlichen Schlüssen wie Bader. [2][Proasyl schreibt in Bezug auf die
Ausstellung der Arbeitserlaubnisse über „keine zeitnahen Termine und zu
lange Bearbeitungszeiten in den Ausländerbehörden“]. Und Falko Behrens von
der Diakonie berichtet: „Uns erreichen in der Beratungspraxis durchaus
Problemanzeigen, dass Erlaubnisse nicht erteilt werden, jedoch haben auch
wir kein repräsentatives Bild.“
Oft steht auch kein rechtzeitiger Termin zur Ausweisverlängerung zur
Verfügung. Auf dem Ausweis ist allerdings die Arbeitserlaubnis eingetragen.
Das bedeutet, dass auch diese erlischt, wenn der Ausweis abläuft. „Somit
entstehen nicht nur viel Arbeit für die Sozialberatung und das Landratsamt,
sondern auch Kosten“, erklärt Pamela Bader.
Die Kosten für einen arbeitslosen Asylbewerber belaufen sich neben den
Asylleistungen von knapp 400 Euro auch auf Krankenkassenbeiträge und
Mietkosten. Das Gespräch mit ihr ist kurz, wiederholt kommen
Klient:innen in das Büro mit der stets offenen Tür. Der Bedarf an
Begleitung im Behördenwirrwarr oder bei der Arbeits- und Wohnungssuche ist
groß.
An einem grauen Julitag geht es zurück zu Guelord. Schon bei der
Terminabsprache bahnt sich die schlechte Nachricht an. „Je suis flexible –
Ich bin flexibel“, meint er auf Französisch. Eine Arbeitserlaubnis war bei
der Abholung seines neuen Ausweises in der Ausländerbehörde wieder nicht
ausgestellt worden. Aber die Sachbearbeiterin sei sehr nett gewesen, habe
sich Zeit genommen – im Gegensatz zu den üblichen Terminen bei der
Ausländerbehörde, die nach dem immerselben Muster abliefen: „Bonjour –
Bonjour – Ausweis bitte – Danke – Danke – Tschüss“.
„Sie hat mich gefragt, ob ich denn arbeiten will“, berichtet Guelord. „Als
ich ihr meine Situation geschildert habe, hat sie sich nach meinem Antrag
auf Arbeitserlaubnis erkundigt.“ Den hatte er im Januar eingereicht. Doch
in der Zwischenzeit war die Stelle bereits anderweitig vergeben und sein
Antrag nicht mehr bearbeitet worden.
## Flüchtlingsrat sieht Schikane
Stephan Dünnwald, Sprecher des bayrischen Flüchtlingsrates, sieht in dem
Verhalten der Behörden in diesem Fall Hinweise auf „eine Schikane“. Er
weist allerdings auch darauf hin, dass die Ausländerbehörden chronisch
überlastet seien: „Einerseits ist die Bezahlung in der Ausländerbehörde
geringer als auf anderen Stellen des Landratsamts und es mangelt an
Personal.
Auch die sich ständig ändernde Gesetzeslage behindert effektives Arbeiten
in der Behörde.“ Letzteres ist wissenschaftlich durch [3][eine Studie der
Uni Hildesheim belegt, die von „hyperaktiver Gesetzgebung“ spricht, also
ständige Gesetzesänderungen, bevor die Wirksamkeit vorheriger Gesetze
überhaupt festzustellen ist.]
Guelord hat verstanden, dass er in dieser Gemengelage pragmatisch sein
muss. „Mein Traum wäre es, auch in Deutschland für die Medien zu arbeiten,
aber das ist ein weiter Weg.“ Gefunden hatte er Jobs als Reinigungskraft
und Tellerwäscher in einer Kantine, die er beide gerne angetreten hätte,
wäre ihm die Arbeitserlaubnis erteilt worden. [4][Laut des Arbeitsamts sind
beides Engpassberufe in Bayern, und dennoch regierte die Behörde nicht
rechtzeitig.]
Eigentlich soll die Prüfung eines Antrags auf Arbeitserlaubnis im
sogenannten Zustimmungsverfahren unkompliziert sein: Die Ausländerbehörde
prüft, ob Arbeitsverbote vorliegen, und übersendet die Unterlagen dem
Arbeitsamt, das die Arbeitsbedingungen innerhalb von zwei Wochen überprüft
und entscheidet. Doch im Fall von Guelord ist das nicht geschehen.
Auf die Frage, wie er sich gefühlt habe, als er wieder keine
Arbeitserlaubnis erhielt, sagt er sachlich: „Natürlich bin ich enttäuscht,
aber ich bin es auch gewöhnt.“ Er versuche das nicht zu nah an sich
heranzulassen. Nur manchmal, wenn er allein sei, dann frage er sich, warum
er immer wieder abgelehnt werde, erzählt er, schaut weg und fixiert ein
Bild an der Wand.
Für Guelord bedeutet Arbeit nicht nur Geld und Selbstbestimmung, sondern
auch der Ausbruch aus den Tagen des Grübelns und der daraus resultierenden
Schlaflosigkeit. Ein Psychologe habe ihm gesagt, er solle Sport machen.
„Das hat doch keinen Sinn! Dann komme ich danach heim und es ist das
Gleiche – ich will einfach arbeiten“, sagt Guelord, das erste Mal mit
energischer Stimme. Dabei schaut er auf den Tisch, auf dem er begonnen hat
mit einem herumliegenden Würfel zu spielen. „Morgen werde ich wieder
anfangen, einen Job zu suchen.“
Guelord hat einen neuen Antrag auf Arbeitserlaubnis gestellt und wartet
weiter.
24 Sep 2025
## LINKS
(DIR) [1] https://www.dw.com/de/dr-kongo-so-war-pr%C3%A4sident-tshisekedis-erstes-jahr-im-amt/a-52122521
(DIR) [2] https://www.proasyl.de/news/der-steinige-weg-in-den-arbeitsmarkt-fuer-gefluechtete-menschen/
(DIR) [3] https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/migration-wie-ueberlastet-sind-die-kommunen-wirklich
(DIR) [4] https://statistik.arbeitsagentur.de/DE/Navigation/Statistiken/Interaktive-Statistiken/Fachkraeftebedarf/Engpassanalyse-Nav.html?Thema%3Denglist%26DR_Region%3Dd%26DR_Engpassbewertung%3De%26DR_Anf%3D2%26mapHadSelection%3Dfalse%26toggleswitch%3D0
## AUTOREN
(DIR) Vanessa Barisch
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