# taz.de -- Marlies Krämer ist tot: Der Feminismus verliert eine „Inhaberin“
> Mit Marlies Krämer ist eine Verfechterin der Gendergerechtigkeit
> gestorben. Sie hat für weibliche Formulare und männliche Tiefdruckgebiete
> gekämpft.
(IMG) Bild: Marlies Krämer in ihrer Wohnung im Jahr 2018
Bis 2018 war Marlies Krämer für die meisten eine Unbekannte. Aber dann
wandte sie sich [1][an den Bundesgerichtshof], weil sie sich keinen Rat
mehr wusste. Sie wollte in Behördenpapieren als Frau angesprochen werden.
Bis dahin galt die alt-eiserne Regel: Formulare, Fragebögen, Antragspapiere
waren ausschließlich im Maskulinum gehalten. [2][Das ärgerte Marlies
Krämer], vor allem wenn sie auf den Überweisungsträgern der Sparkasse, wo
sie Kundin war, Geldsummen in die Felder „Einzahler“ und
„Zahlungsempfänger“ eintragen musste. Ich bin eine Frau, ärgerte sie sich,
und damit nun mal eine Einzahlerin und Zahlungsempfängerin.
Es hätte durchaus klappen können mit der zweigeschlechtlichen
Formularsprache. Schon 1996 hatte die Verkäuferin, Soziologin und
Feministin erreicht, dass im Reisepass fortan die Unterschrift von der
„Inhaberin“ oder vom „Inhaber“ verlangt wurde. Ebenso dass Tiefdruckgebiete
seit 1999 wechselseitig mit Frauen- und Männernamen benannt werden, ist
Marlies Krämer zu verdanken. Zu Recht kritisierte sie, dass die bis dahin
ausschließlich weibliche Benennung der Tiefdruckgebiete misogyn sei.
Krämers Sparkassenfiliale im Saarland indes blieb stur. Würde der Wunsch
der Kundin nach Formularen für Frauen und Männer umgesetzt, müssten zu viel
Papier neu bedruckt werden. Außerdem schließe „der Kunde“ automatisch „die
Kundin“ mit ein. Und so zog Marlies Krämer, die damals schon 80 Jahre alt
war, durch sämtliche gerichtliche Instanzen, die ihr zur Verfügung standen.
Ihr Argument war stets dasselbe: das Gleichbehandlungsgesetz, das
Diskriminierungen aufgrund des Geschlechts verbietet. Wenn also Frauen in
den Formularen als Männer angesprochen werden, würden sie nun mal
diskriminiert.
Der [3][Bundesgerichtshof gab der Sparkasse recht], aber Marlies Krämer
ließ nicht locker und zog vor das Bundesverfassungsgericht. Doch auch dort
verlor sie. Das Gericht nahm die Verfassungsbeschwerde im Jahr 2020 erst
gar nicht zur Entscheidung an, da diese nicht den Begründungsanforderungen
genügte.
Jetzt ist Marlies Krämer tot. Sie starb bereits am 4. Februar im Alter von
88 Jahren, wie die Staatskanzlei in Saarbrücken mitteilte.
Obwohl es in den vergangenen Jahren ruhig war um die Feministin, als die
sie sich auch immer bezeichnete, ist die Debatte um die Gendersprache
weitergegangen.
Mittlerweile kennt die deutsche Sprache Doppelpunkte, [4][das Binnen-I],
Unter- und Querstriche, das Sternchen. Diese Formen stehen [5][bei
konservativen und rechten Kräften auf dem Index], sie versuchen, sie wieder
abzuschaffen. Wer Marlies Krämer jemals kennengelernt hat, ahnt, mit
welcher Beharrlichkeit und Zuversicht die stets positive Frau sich solch
rückwärtsgewandten Sprachforderungen ganz sicher entgegengestellt hätte.
20 Feb 2026
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## AUTOREN
(DIR) Simone Schmollack
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