# taz.de -- Film „Staatsschutz“ auf der Berlinale: Gegen die Ohnmacht und den Rechtsruck
> Faraz Shariats Film „Staatsschutz“ (Panorama) erzählt von einer
> lesbischen Staatsanwältin. Mit Rechtsextremen hat sie nicht nur vor
> Gericht zu tun.
(IMG) Bild: Unter Druck: Seyo (Chen Emilie Yan) am Steuer des Dodge in „Staatsschutz“
Es ist heftig, wie weit die Welt und auch Deutschland in den letzten Jahren
nach rechts gekippt sind. Zumindest das Kino hierzulande kann sich nicht
vorwerfen lassen, dies zu ignorieren. Im letzten Jahr gab [1][„Das Deutsche
Volk“ von Marcin Wierzchowski den Hinterbliebenen des Anschlags von Hanau]
eine Stimme. [2][Martina Priessners „Die Möllner Briefe“] erzählte von den
Folgen des rassistischen Brandanschlags in Mölln 1992 und von
Solidaritätsbriefen, die die Hinterbliebenen der Opfer nie erreichten.
Nach diesen sich solidarisierenden Dokumentarfilmen, die beide auf der
Berlinale 2025 Premiere feierten, läuft nun mit Faraz Shariats
„Staatsschutz“ ein Spielfilm im Panorama, der die gesellschaftspolitische
deutsche Großwetterlage kondensiert. Die Heldin, die Shariat nach einem
Drehbuch von Claudia Schaefer etabliert, bricht mit vielem, was man von
einheimischen Filmschaffen gewohnt ist.
Der Film folgt Seyo (Chen Emilie Yan), einer lesbischen Staatsanwältin, die
sich in Ostdeutschland mit Rechtsextremen konfrontiert sieht. Zu Beginn
steht sie einer Gerichtsverhandlung vor, in der ein Neonazi wegen
Drogenhandels angeklagt ist. Ihre Objektivität wird Seyo von Rechtsanwältin
Alexandra (Julia Jentsch) vorgeworfen. Dass der Angeklagte rechtsextrem
sei, würde die Staatsanwaltschaft nicht interessieren, behauptet die
Rechtsanwältin.
Es dauert nicht lange, bis Seyos Gewissheiten in einer verstörenden Szene
abgefackelt werden, buchstäblich. Sie radelt unter einer Brücke hindurch,
wird von einem Radfahrer geschnitten, bevor von oben zwei Brandsätze auf
sie herabregnen. „Geil, die Fotze brennt!“, ruft jemand, während sich die
junge Frau gerade noch aus der brennenden Jacke befreit. Anstatt ins
Krankenhaus will sie in die forensische Ambulanz, Spuren sichern. „Wenn die
Behörde von einem Muslim angegriffen worden wäre, hätten wir hier einen
Terrorakt“, beschwert sich Seyo – einer der vielen unangenehm wahren Sätze
in diesem Film.
## Zwischen Gerichtsdrama und Rachethriller
Wie persönlich mit dem Anschlag umgehen? Einerseits schneidet sich Seyo die
Haare ab, besorgt sich eine Waffe, mit der sie auf dem Schießstand übt, und
einen Dodge „Challenger“ mit kugelsicheren Fensterscheiben – das
Motoraufjaulen wird am Ende eine augenzwinkernde Rolle spielen. Zugleich
stellt sie, unterstützt von Ayten (Alev Irmak), einer Kollegin aus ihrer
Behörde, Nachforschungen an und bringt gemeinsam mit Alexandra einen Täter
vor Gericht. Daraus entwickelt „Staatsschutz“ eine produktive Reibung
zwischen Gerichtsdrama und Rachethriller – es könnte gefühlt auch jederzeit
knallen.
Während [3][Shariat in seinem flirrenden Debüt „Futur Drei“] so
selbstverständlich und selbstbewusst von migrantischen Lebensrealitäten und
vor allem auch von queeren Lebensentwürfen erzählte, wie man es im
deutschen Kino immer noch zu selten sieht, kommt „Staatsschutz“ wesentlich
wütender und düsterer daher. Er zeigt den Kampf einer Staatsanwältin, von
Newcomerin Yan eindringlich zwischen Wut und Resignation gespielt, und
stellt komplexe, aktuelle Fragen.
„Unser Rechtssystem ist das objektivste der Welt, wir können gar nicht
anders, als daran festzuhalten“, sagt einmal jemand im Film. Im Presseheft
fragt der Regisseur seinerseits, ob Neutralität gegenüber Nazis nicht am
Ende zur Parteinahme führe. Auch räumt der Film mit den oft abgeurteilten
„Einzelfällen“ auf und zeigt rechtsextreme Netzwerke, die bis in staatliche
Institutionen reichen, und Behörden, die mit zweierlei Maß messen.
„Staatsschutz“ ist packend und dicht inszeniert, kippt bei den
Gerichtszenen allerdings auch mal in Richtung Thesenfilm. Eindrücklich ist
er dennoch: ein Werk, das der (institutionellen) Ohnmacht gegen den
Rechtsruck und dessen Verharmlosung persönliches Engagement und Solidarität
unter den Opfern entgegenstellt und mit Genrevibes die Angst aufbricht. Das
Timing stimmt: Der Kinostart soll kurz vor den Landtagswahlen in
Sachsen-Anhalt, Niedersachsen, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern erfolgen.
20 Feb 2026
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## AUTOREN
(DIR) Jens Balkenborg
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