# taz.de -- Iranische Spielfilme auf der Berlinale: Godard auf Iranisch
       
       > „Roya“ und „Cesarean Weekend“ sind zwei mutige iranische
       > Underground-Produktionen. Einmal naturalistisch, einmal surreal gedreht.
       
 (IMG) Bild: Milad Ahmadzadeh und Bita Jamshidi in dem Spielefilm „Cesarean Weekend“ von Mohammad Shirvani
       
       Das iranische Kino der Gegenwart war in den letzten Jahren ein starker
       Faktor auf der Berlinale. Aktuell kann es das nicht mehr wirklich sein. Zu
       brutal ist die Repression auch gegen die iranische Kunst- und Kulturszene.
       Ein Regisseur wie Jafar Panahi gewann zuletzt mit „Ein einfacher Unfall“
       die Goldene Palme der Filmfestspiele von Cannes 2025.
       
       Er drehte die Groteske heimlich und ohne Genehmigung in Iran, inspiriert
       auch wohl von seinem letzten Gefängnisaufenthalt. Mit dem Thriller nahm er
       auf humorvolle und unterhaltsame Weise filmisch Rache an einem Regime, das
       zum Erhalt seiner Herrschaft ungeniert massenmörderisch agiert, wie sich
       jetzt zum Jahreswechsel 2025/26 erneut zeigte.
       
       Zusammen mit dem inzwischen im Hamburger Exil lebenden Regisseur Mohammad
       Rasulof (verurteilt in Iran zu acht Jahren Haft und zusätzlich zu
       Peitschenhieben) gab Panahi eindeutige Statements ab. [1][Beide
       solidarisierten sich mit den Protesten in Iran] im Januar. Und wie andere
       zeigten auch sie sich in ihren Erklärungen vom ausgeübten Massenterror der
       Klerikalfaschisten entsetzt.
       
       Immerhin schafften es dennoch zwei kleinere Produktionen mit iranischem
       Background auch 2026 zumindest in Nebenreihen des Berliner Festivals. Die
       Spielfilme „Roya“ (Panorama) von Mahnaz Mohammadi und „Cesarean Weekend“
       (Forum) von Mohammad Shirvani könnten dabei von ihren ästhetischen Anlagen
       her kaum unterschiedlicher sein.
       
       ## Gefangen in Evin
       
       So setzt „Roya“ ganz und gar auf Realismus, die filmische Nachempfindung
       eines Traumas, das eine jüngere Frau erlitt, als sie ins [2][berüchtigte
       iranische Evin-Gefängnis] in Teheran verschleppt wird. Mohammadis Regie
       stellt möglichst authentisch Szenen nach, die sich in dem vom iranischen
       Geheimdienst betriebenen Isolier- und Foltertrakt des riesigen
       Evin-Gefängniskomplexes zutragen.
       
       Der Spielfilm zeigt, wie die Lehrerin Roya (dargestellt von Melisa Sözen)
       unter Erniedrigung und Folter gezwungen werden soll, ihrer oppositionellen
       Haltung vor laufender Videokamera, abzuschwören. Und wie sehr sie in einer
       Zwischenphase im Hausarrest mit elektronischer Fußfessel über die weiter
       drohende Verschleppung durch den iranischen Sicherheitsapparat leidet.
       
       Mahnaz Mohammadi ist eine iranische Regisseurin, die selbst im
       Evin-Gefängnis inhaftiert war. Die mehrfach verurteilte engagierte
       Menschenrechtsaktivistin ist in Iran mit Berufsverbot belegt. Bislang hatte
       sie überwiegend Dokumentarfilme produziert. Laut Presseheft hat Mohammadi
       „Roya“ ohne Genehmigung und heimlich gedreht.
       
       Der Mut der oppositionellen iranischen Kulturszene und einer Filmemacherin
       wie ihr ist herausragend und bewundernswert. Dennoch ist an „Roya“ aus
       filmischer Sicht zu hinterfragen, ob das Werk nicht zu sehr der
       dokumentarischen Form verhaftet bleibt? Der naturalistische Stil setzt sehr
       darauf, beim Publikum emotionale Betroffenheit hervorzurufen und es von den
       Grausamkeiten des Islamistenregimes zu überzeugen.
       
       Moralisch und politisch ist das völlig nachvollziehbar, doch ästhetisch
       schränkt sich die Regisseurin dadurch in ihren Mitteln erheblich ein. Der
       Spielfilm als Medium böte ästhetische Freiheiten, die den Bildern der
       Unfreiheit entgegengesetzt werden könnten, hier aber doch relativ ungenutzt
       bleiben.
       
       ## Am Kaspischen Meer
       
       Das gegenteilige Verfahren wendet Mohammad Shirvani in seinem
       absurd-surreal anmutenden Spielfilm „Cesarean Weekend“ an. Sein Film wirkt
       eher über Atmosphärisches, den Sound, allegorische Bild- und Körpersprache.
       Die aufgerufene Ästhetik dominiert über einen wie auch immer realistischen
       Plot.
       
       „Fuck your existence“ – zwei ältere Herren treiben im Swimmingpool und
       palavern in einem seltsam entrückten selbstbezüglichen Diskurs. Umgeben und
       beobachtet werden sie von jungen Frauen und Männern, die passiv am
       Beckenrand lungern.
       
       Die Dialoge der älteren Männer im Pool sind dramaturgisch unterlegt und
       unterbrochen vom Livespiel eines Folkmusikers, was die Künstlichkeit der
       gesamten Situation noch erheblich steigert. Das Treibgut im Wasser, die
       zwei Älteren – der eine stark behaart, der andere bohemehaft mit Hut – sind
       der anwesenden Jugend offenbar völlig fern.
       
       ## Kein Leid, kein Spektakel
       
       „Ich wollte keinen Film machen“, sagt Regisseur Shirvani, „der die
       Situation in Iran erklärt oder das Leiden zum Spektakel macht.“ Symbolisch
       überspitzt und unwirklich scheint tatsächlich vieles in diesem „Cesarean
       Weekend“. Das Verhältnis zwischen den Generationen ist gestört, und das
       zwischen Frau und Mann ohnehin.
       
       Zwei extrem schlanke junge Männer laufen albernd rückwärts, im iranischen
       Kontext fast schon aufreizend nackt, nur mit Badehose bekleidet, Richtung
       Strand zum Ufer des Kaspischen Meers. Sie benehmen sich linkisch, kindisch,
       tollen herum, zelebrieren ihre männliche Freundschaft. Sie schlagen
       Purzelbäume auf abgemähten Feldern und krabbeln auf allen Vieren zwischen
       Schafen herum. Unwirklich geistern sie durch die Ruinen verlassener Orte
       und Landschaften, sind Teil dieser alles wieder überwuchernden Natur.
       
       Die junge städtische Frau erwartet ein Baby. Das schon geborene Kleinkind
       tappt, von den von sich selbst faszinierten Männern in den Badehosen
       vergessen und unbeachtet, in die Wellen des Kaspischen Meers. Versinkt es
       darin oder doch nicht? Die Wackelkamera deutet manches nur an, vieles
       bleibt assoziativ, vage.
       
       Es ist ein rätselhaftes Wochenende in diesem Sommerhaus in der Nähe des
       Kaspischen Meers im Norden Irans, in das sich diese Stadtgesellschaft mit
       ihren paternalistischen Konflikten begeben hat. In theatral überzeichneten
       Szenen legt der Spielfilm diese bloß, um sie mit den im Schwimmbecken als
       einer Art Agora planschenden Vätern ad absurdum zu führen.
       
       ## Anklänge an Godard
       
       „Cesarean Weekend“, erinnert an Jean-Luc Godards „Weekend“, das filmische
       Meisterwerk nihilistisch-pointierter Gesellschaftskritik von 1967 – und
       erweitert dieses hier aktuell um eine iranische Variante. Doch zeigt der
       cäsarische Despotismus des Teheraner Islamistenregime nun zum Jahreswechsel
       2025/26 eine in diesem Ausmaß kaum für vorstellbar gehaltene Gewalt.
       
       Vor dieser tritt auch die Kunst paralysiert zurück. „Zum jetzigen Zeitpunkt
       der Premiere des Films“, sagt der Filmer Shirvani, „hat das Land ein
       historisch beispielloses Massaker an Protestierenden erlebt, ist von einer
       Brutalität umgeben und gefangen, die den Einwohnern weder Schutz noch Würde
       bietet.“
       
       Für Donnerstagnachmittag (19. 2.) hatte die Berlinale [3][eine
       Solidaritätsveranstaltung] mit den Regisseuren Panahi und Rasulof
       angekündigt. Sie wurde inzwischen wieder abgesagt. Ob der Zehntausenden in
       Iran Ermordeten, Verletzten und in Folterknäste Verschleppten fehlen auch
       den Unerschrockensten derzeit offenbar die Worte.
       
       18 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Proteste-in-Iran-und-Reza-Pahlavi/!6142336
 (DIR) [2] /Kamran-Ghaderi-ueber-Evin-Gefaengnis-/!6100531
 (DIR) [3] https://www.youtube.com/watch?v=yvaTp8ol2hM
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Andreas Fanizadeh
       
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