# taz.de -- Film „Allegro Pastell“ auf der Berlinale: Im Zweifel für die Emotion
       
       > Der Spielfilm „Allegro Pastell“ von Anna Roller nach dem gleichnamigen
       > Roman von Leif Randt erzählt vom Lebensgefühl der Millennials.
       
 (IMG) Bild: Jerome (Jannis Niewöhner) und Tanja (Sylvaine Faligant) in „Allegro Pastell“
       
       Einige, die sich mit Anfang/Mitte dreißig dem Erwachsenensein noch
       hartnäckig widersetzen, weiter ausgehen, lange studieren oder „kreativ“
       tätig sind, spüren, wie die Leichtigkeit sich zu verflüchtigen beginnt.
       Beziehungen verändern sich. Freunde heiraten, Kinder kommen zur Welt,
       manche verlassen die große Stadt schon wieder. Das Ende der Jugend, es
       ereilt allem melancholischen Gefühl zum Trotz auch diejenigen, die es so
       lange wie möglich suchten herauszuzögern.
       
       So ist es auch bei Tanja Arnheim (Sylvaine Faligant) und Jerome Daimler
       (Jannis Niewöhner), die sich im Spielfilm „Allegro Pastell“ der Münchner
       Regisseurin Anna Roller als Liebespaar umkreisen. Sie sind Mitte dreißig,
       mal begegnen sie sich eng umschlungen. Und dann wieder aus räumlicher
       Distanz. Die per Voiceover eingesprochenen digital ausgetauschten
       Konversationen sind ein Stilmittel des Films. Die Dialoge verschaffen
       Rollers Inszenierung dadurch auch eine charmant-realitätsnahe
       Kommentierung, eine situativ nachvollziehbare Beiläufigkeit und
       Alltagsfrische.
       
       Er, Jerome, ist ein freiberuflicher Webdesigner, pendelnd zwischen Maintal
       und Berlin. Sie eine aufstrebende deutsch-französische Schriftstellerin,
       die in Berlin-Kreuzberg lebt.
       
       Man sieht sie bei Szenen einer Lesung. Offenbar gilt sie bei ihrer
       Alltagskohorte als cool und angesagt. Dabei ist sie im wirklichen Leben
       kein bisschen abgehoben, eher unprätentiös, intelligent, humorvoll und
       hinterfragend. Stimme, Ausdruck und Spiel der Schauspielerin Sylvaine
       Faligant sind absolut umwerfend. Faszinierend, wie sie die Rolle der
       Schriftstellerin Tanja Arnheim, deren Emotionen, Selbstzweifel und
       Stimmungen interpretiert.
       
       ## Der Star ist Tanja
       
       Aber auch Jannis Niewöhner, der den ein wenig spießigen Jerome Daimler
       verkörpert, fällt gegenüber Faligant nicht ab. Er spielt die Rolle des
       smarten, nicht allzu mutigen und leicht selbstbezüglichen jungen Mannes
       ebenfalls sehr überzeugend. Jerome weiß, der Star ist Tanja, nicht er. Und
       so beginnt er die französisch-Kreuzberger Herausforderung mit dem seines
       gesetzten Maintaler Mittelstands, der Frankfurter Vorstadt mit dem
       elterlichen Reihenhaus-Erbe, sorgsam abzuwägen.
       
       Niewöhner und Faligant ergänzen sich in der Darstellung der
       unterschiedlichen Charaktere geradezu ideal. In den Worten Rollers
       ausgedrückt: „Das Engagement und die Spielfreude von Jannis und Sylvaine
       waren ein Geschenk für mich.“
       
       Eine große Stärke von Anna Rollers Regie liegt zweifellos darin, dass sie
       der Versuchung widerstanden hat, ihre Figuren ironisch oder moralisch
       bewertend zu überfrachten. Vieles passiert subtil und in angenehmer
       Lakonie, erzählt sich über die geschaffenen Szenen, Atmosphären, Sound und
       Bilder (Kamera: Felix Pflieger). Es muss nicht immer alles ausbuchstabiert
       werden.
       
       Die euphorische Silvesterparty am Kotti geht nahtlos in die Perspektive von
       der Stadt im Müll über. Und nach einer Liebesszene schmiegen sich Jerome
       und Tanja aneinander. Sie fragt ihn, ob er schon einmal etwas so Schönes
       erlebt hat. Seine Antwort zeigt, dass er ziemlich anders als sie fühlt. Und
       das wohl nicht nur beim Verschwimmen der Grenzen bei der Ausgestaltung
       privater und beruflicher digitaler Auftritte.
       
       ## Abschied von ihrer Jugend
       
       Rollers Spielfilm [1][„Allegro Pastell“ folgt als Adaption dem
       gleichnamigen Roman des Schriftstellers Leif Randt]. Sein Liebesroman, im
       März 2020 erschienen, galt Kritikern als der literarische Ausdruck der
       Generation der Millennials. Randt hat nun auch das Drehbuch für den
       Spielfilm verfasst. „Dass sich einige über die filmische Interpretation
       wundern werden“, hält Randt im Interview für absehbar. Was ihn aber nicht
       weiter stört.
       
       „Als ziemlich erdend und angenehm“, empfand Randt hingegen die Erfahrung,
       als Drehbuchautor Teil eines Teams gewesen zu sein. „Abwechselnd in diesen
       beiden Welten zu arbeiten, also in Literatur und Film, ist gerade meine
       Idealvorstellung.“
       
       „Allegro Pastell“ ist von Sound und Style her ganz dem Zeitkolorit von
       2018/19 verbunden. Die um die Dreißigjährigen erleben den Abschied von
       ihrer Jugend, ihre privaten Umbrüche noch in einer Phase vor der
       Coronapandemie, vor Trump II oder Weltkriegsszenarien wie Russlands
       Überfall auf die Ukraine 2022.
       
       Die großen Themen von „Allegro Pastell“ sind emotionale Achtsamkeit, ein
       liebevoller Umgang ohne dauerndes „Judgen“ oder das berüchtigte
       „Mansplaining“. Über Arbeit spricht man nicht, man macht sie (hat Geld oder
       eben nicht).
       
       Gefühle stehen im Mittelpunkt. Die Suche nach dem persönlichen Glück durch
       Freundschaften und Beziehungen. Tanja flaniert mit ihrer Freundin über das
       Tempelhofer Feld und entschuldigt sich, Sex mit deren Freund ausprobiert zu
       haben. Am Wochenende werfen sie zu Trance- und Elektromusik Pillen ein,
       aber eben nicht dauernd und nicht zu viel. Der Hund ihrer Schwester heißt
       Bernie Sanders.
       
       Alle sind irgendwie cute und nice zueinander. Und haben trotzdem einen Sack
       emotionaler und existenzieller Probleme. Die Schwester ist
       selbstmordgefährdet, die Eltern wollen sich trennen. Doch wie drückt es
       Tanja angelehnt an die Freundin im Park verkatert aus: „Ab 30 nur noch
       apokalyptische Hangover – ich freue mich auf alles, was kommt.“
       
       16 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Andreas Fanizadeh
       
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