# taz.de -- Jenseits der olympischen Pfade: Die arme Sau im Bus
       
       > Ausgestoßen vom Olympiaverkehr und verlacht von der Fratze der
       > Schadenfreude eröffnet einem die Berglandschaft rund um Bormio neue
       > Perspektiven.
       
 (IMG) Bild: Wandern in der Nähe von Bormio
       
       Hat die jetzt gegrinst? War das hämisch? Die hat uns doch nicht auch noch
       zugewinkt? Doch hat sie. Sie hat uns die hässliche Fratze der Schadenfreude
       gezeigt. Wir, das sind ein paar Leute, die eben mit ansehen mussten, dass
       der Bus, auf den wir gewartet hatten, an der Haltestelle vorbeigefahren
       ist, weil er überfüllt war. Unser Ziel war die olympische Riesenslalompiste
       [1][in Bormio.] Hinter uns lag die Hoffnung, in fünf Minuten am Eingang zur
       Skiarena zu sein, vor uns lag ein einstündiger Fußmarsch.
       
       Dieses Gesicht, das uns da angegrinst hat! War das nicht unsportlich, ein
       Verstoß gegen die olympische Charta? Da fehlt doch jeder olympische Geist.
       Kann da das IOC nichts unternehmen? Wer war das überhaupt? Eine Kollegin?
       [2][Müsste man ihr nicht die Akkreditierung entziehen?] Es sind nicht die
       freundlichsten Gedanken, die ich habe, als ich mich auf den Weg mache.
       
       Während die meisten anderen die Landstraße entlanggehen, auch in der
       Hoffnung, ein Auto würde sie vielleicht mitnehmen, biege ich mit einem Mann
       in meinem Alter, der die Uniform der freiwilligen Olympiahelfer trägt, auf
       einen ausgeschilderten Wanderweg Richtung Bormio ab.
       
       „Vorsicht, der Weg ist eisig!“, warnt mich mein Begleiter. [3][„Das macht
       mir nichts aus, ich komme aus Berlin“], antworte ich und ernte Staunen. Bis
       in die Lombardei hat sich also nicht herumgesprochen, welchen Gefahren man
       in einem Berliner Winter ausgesetzt ist.
       
       In Berlin gebe es doch keinen Winter, meint mein Begleiter, hier sei der
       Winter zu Hause. Er zeigt auf die Berge. Wir müssen beide lachen. Es könnte
       wirklich mehr Schnee liegen. Der Volunteer staunt über meine Art, mit
       winzigen Schritten über das Eis zu gehen. Dass man das in Berlin
       Pinguintechnik nennt, hat er auch noch nie gehört. „Diese Deutschen, alles
       können sie besser“, sagt er.
       
       Wir kommen an einem kleinen Ökohof vorbei, wo uns zwei Esel lautstark
       begrüßen. Zu unseren Füßen rauscht ein Gebirgsbach. Das hört sich gut an.
       Sicher besser als der Lärm drüben an der Straße, über die ein
       olympiawichtiges Fahrzeug nach dem anderen donnert. Ich fange an, den Weg
       zu genießen.
       
       Wie schön die Welt doch sein kann, wenn man die olympischen Pfade mal
       verlässt. Jetzt werde ich schadenfroh. Die blöde Kuh, die uns da zugewinkt
       hat, ist doch in Wahrheit die arme Sau. Sie muss im Bus sitzen, ich darf am
       rauschenden Bächlein entlangwandern.
       
       Ich würde ihr trotzdem die Akkreditierung entziehen.
       
       15 Feb 2026
       
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 (DIR) Andreas Rüttenauer
       
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