# taz.de -- 9-Stunden-Film auf der Berlinale: Bomben, Flugzeuge, Schüsse und Schreie
       
       > Regisseur Haile Gerima schildert im Dokumentarfilm „Black Lions, Roman
       > Wolves“ die Verbrechen während der italienischen Besetzung Äthiopiens
       > (Forum).
       
 (IMG) Bild: Szene aus „Black Lions, Roman Wolves“
       
       Gerade die Forum-Sektion der Berlinale hat im Lauf der Jahre immer wieder
       überlange Filme gezeigt, acht, neun Stunden lange Werke, die abseits dieser
       Festivalvorführungen kaum einmal im Kino zu sehen waren. [1][„Satanstango“,
       das Meisterwerk des kürzlich verstorbenen Béla Tarr], erlebte etwa im Forum
       seine Weltpremiere, ebenso wie [2][Claude Lanzmans „Shoah“].
       
       An diesen epochalen Dokumentarfilm muss man während der rund neuneinhalb
       Stunden denken, die sich Haile Gerima für seinen Film „Black Lions, Roman
       Wolves“ Zeit lässt. Der befasst sich mit einer im Westen – zumindest
       außerhalb Italiens – wenig bekannten historischen Phase: der italienischen
       Besetzung Äthiopiens zwischen 1935 und 1941. Manche Historiker betrachten
       diese Phase als vergleichbar mit einer Kolonialisierung. Eine Ansicht, die
       nicht allgemein geteilt wird und der besonders in Äthiopien selbst vehement
       widersprochen wird.
       
       Denn aus der Position, als einziges Land auf dem afrikanischen Kontinent
       nie kolonialisiert worden zu sein, leitet Äthiopien sein Selbstverständnis
       ab, was auch zur Verklärung des damaligen Kaisers Haile Selassie als
       Wiedergänger Christi führte, was wiederum die Rastafaribewegung
       inspirierte.
       
       So oder so muss man den erfolgreichen Widerstand gegen das faschistische
       Italien fraglos als einen der großen und auch raren Momente sehen, in denen
       ein Land aus der – heute als Globaler Süden bezeichneten – Region, dem
       Norden, der westlichen Welt die Stirn geboten hat. Überspitzt gesagt wurde
       mit Speeren gegen Panzer gekämpft, auch gegen den virulenten Rassismus
       einer Zeit, der auch die Politik von Nationen beeinflusste, die am Krieg in
       Äthiopien nicht beteiligten waren. Dieser Rassismus beeinflusste auch die
       Politik der League of Nations, der Vorgängerorganisation der Vereinten
       Nationen, die ihrer Rolle nie gerecht wurde.
       
       ## Beschaffung des Bildmaterials war schwierig
       
       Ein großer Stoff also, ein faszinierendes Sujet, das es wert wäre, einem
       breiteren Publikum gerade im Westen die Augen zu öffnen. Diesen Versuch
       unternimmt der inzwischen fast 80-jährige Haile Gerima, einer der
       renommiertesten Regisseure des afrikanischen Kontinents, der dieses Jahr
       mit einer Berlinale Kamera geehrt wird. Seine Filme „Bush Mama“ oder
       „Sankofa“ zählen zu den Klassikern des afrikanischen Kinos. Letzterer wurde
       1993 sogar im Wettbewerb der Berlinale gezeigt, während Gerimas bislang
       letzter Film, „Teza“, 2008 mit dem Hauptpreis des Fespaco ausgezeichnet
       wurde, des wichtigsten Filmfestivals Afrikas.
       
       Nicht erst seit diesem Erfolg arbeitet Gerima an „Black Lions, Roman
       Wolves“. In seinem Voiceover-Kommentar beschreibt Gerima seinen seit 30
       Jahren währenden Wunsch, dieses Projekt zu realisieren, was sich besonders
       durch die Beschaffung des Bildmaterials schwierig gestaltete. Zwar wurden
       während des sechsjährigen Krieges enorme Mengen Material gedreht, doch die
       verschwanden nach der italienischen Niederlage in den Archiven des Landes
       und kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in den Archiven der Siegermächte.
       
       Berechtigterweise prangert Gerima dies als weiteren Affront an, der es
       afrikanischen Nationen schwer macht, ihre eigene Geschichte zu
       reflektieren. Diese Lücke versucht Gerima nun zu füllen, tut dies
       allerdings auf eine Weise, die nicht unproblematisch erscheint.
       
       ## Triumphaler Sieg der Äthiopier
       
       In fünf zwischen etwa 90 und 120 Minuten langen Kapiteln zeichnet Gerima
       die Geschichte der italienischen Besatzung nach, von der Vorgeschichte über
       Invasion und Guerillakrieg bis zum triumphalen Sieg der Äthiopier. Nach
       einer kurzen Passage, in der Gerima über die Geschichte seiner eigenen
       Familie spricht und die Rolle, die sein Vater, ein bekannter Autor und
       Historiker, in seiner Entwicklung spielte, überlässt er Historikern die
       Bühne, und zwar ausschließlich einheimischen.
       
       Sie erinnern zunächst an die legendäre Schlacht von Adua, bei der 1896
       italienische Truppen bei dem Versuch, Äthiopien, beziehungsweise
       Abessinien, wie es damals noch hieß, zu erobern, eine katastrophale
       Niederlage erlitten. Ein Stachel im Fleisch der „römischen Wölfe“, was
       knapp 40 Jahre später unter dem faschistischen Regime Mussolinis
       wettgemacht werden sollte.
       
       Eindringliche Bilder von den Reden des „Duce“ hat Gerima zusammengetragen,
       die den Fanatismus zeigen, der nach Kolonien verlangte, nach Siegen in
       Ostafrika, nach einer Wiedergutmachung der als Schande empfundenen
       Niederlage. Eine Haltung, die sicher auch zu der besonderen Brutalität
       führte, mit der Italien in Äthiopien vorging: Als westliche Industrienation
       war die italienische Armee ohnehin weit überlegen, über den Suezkanal
       wurden Unmengen an Waffen, Panzern und Bomben ans Horn von Afrika
       verfrachtet und über die italienische Besetzung im heutigen Somalia und
       Dschibuti an die Grenzen von Äthiopien gebracht.
       
       ## Geächtete Waffen eingesetzt
       
       Äthiopien dagegen wurde vom internationalen Handel weitestgehend isoliert,
       moderne Waffen fanden nur spärlich den Weg ins Land. Doch trotz des
       ungleichen Kampfes ließ der Widerstand nicht nach. Und das war schließlich
       Anlass für Italien, sich einer Waffe zu bedienen, die einige Jahre zuvor,
       während des Ersten Weltkriegs, ihre grauenhafte Zerstörungskraft gezeigt
       hatte: Giftgas.
       
       Zehntausende Todesopfer verursachte der Einsatz von Gift- und Senfgas, oft
       auch unter der Zivilbevölkerung. Schwer zu ertragende Bilder zeigt Gerima
       hier, zumal er zu Recht aufführt, dass Italien sich auch nach seiner
       Niederlage nie für den Einsatz dieser Waffe vor internationalen
       Organisation verantworten musste.
       
       So verständlich und berechtigt diese Anklage auch ist, führt sie doch auch
       zu den Problemen eines zunehmend agitatorischen Dokumentarfilms, der sich
       wenig Mühe gibt, sein Thema von allen Seiten zu beleuchten.
       
       ## Stilistisch experimentell, inhaltlich agitatorisch
       
       Als Erzähler dienen besagte äthiopische Historiker, hinzu kommen
       Zeitzeugen, was nicht zuletzt andeutet, wie lange Gerima schon an diesem
       Film arbeitet. Wer allerdings nicht zu Gehör kommt, sind italienische oder
       internationale Wissenschaftler. Eine Lücke, die fragwürdige Aussagen
       unkommentiert im Raum stehen lässt, etwa die, dass Italien bis heute den
       Einsatz von Giftgas abstreite.
       
       Auch an anderen Stellen lässt Gerima es an dokumentarischen Standards
       mangeln, begibt sich stattdessen in stilistisch experimentelle, inhaltlich
       agitatorische Bereiche. In einer Passage zeigt er etwa Bilder vom
       Weihnachtsfest in italienischen Städten, zeigt ein Leben in Saus und Braus,
       Priester, die zur Messe rufen, glückliche Kinder. Diese Aufnahmen werden
       mit Bildern aus Äthiopien gegengeschnitten, die das Leid der Bevölkerung
       zeigen, Elend, weinende, hungernde Kinder.
       
       Auch wenn dem Grundtenor nicht zu widersprechen ist, auch wenn das von
       Italien verursachte Grauen unbestritten ist: Ein Verzicht auf solche
       zugespitzten Momente hätte dem Film gutgetan. Sie wären angesichts der
       nicht zu bestreitenden Fakten auch gar nicht nötig gewesen.
       
       Ähnliches muss man über die Tonspur sagen, auf der praktisch dauerhaft ein
       generischer Kriegssound dröhnt: Bomben explodieren, Flugzeuge rauschen,
       Schüsse und Schreie sollen die historischen Aufnahmen untermalen, die
       größtenteils auf 8 Millimeter und damit ohne Originalton gedreht wurden.
       Das sind bedauerliche stilistische Entscheidungen, die „Black Lions, Roman
       Wolves“ manches von seiner Kraft und Bedeutung nehmen.
       
       Epochal lang wirken die knapp neuneinhalb Stunden, die einer wichtigen,
       viel zu wenig bekannten Episode der europäisch-afrikanischen Geschichte
       Raum geben, allerdings ohne als der intendierte epochale afrikanische
       Dokumentarfilm bezeichnet werden zu können, den Gerima ursprünglich
       sicherlich im Sinn hatte.
       
       17 Feb 2026
       
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