# taz.de -- Berlinale-Wettbewerbsfilm „Dao“: Palaver unterm Mangobaum
       
       > „Dao“ von Regisseur Alain Gomis will die komplexen Realitäten einer
       > französisch-guineischen Familie erkunden, versinkt aber in einem endlos
       > bunten Bilderreigen (Wettbewerb)
       
 (IMG) Bild: Frisch verheiratet: Mike Etienne und D’Johé Kouadio in „Dao“
       
       Das gerade noch freundliche Gesicht der Frau im rosa gemusterten Kleid wird
       plötzlich starr. Dann rennt sie los, fegt mit aufgerissenen Augen durch den
       Hof ins Haus. Dort lässt sie sich fallen, schlägt mit beiden Händen auf den
       Boden, gegen die Zimmerwände, ein entfesseltes Rasen: „Ich bin
       angekommen!“, schreit sie, immer wieder. Die Mitglieder der erweiterten
       Familie reagieren schnell.
       
       Wie zum Appell stellen sie sich auf, bestätigen der Reihe nach ihre
       Anwesenheit. Auch Gloria (Katy Correa), der die Erleichterung anzusehen
       ist: Der Geist ihres verstorbenen Vaters ist zurückgekehrt, das Ritual, für
       das die Dorfgemeinschaft mehrere Tausend Euro aus Senegal, Frankreich und
       Portugal eingesammelt hat, kann beginnen.
       
       „Dao“, lässt [1][Regisseur Alain Gomis] zu Anfang seines Films die
       Zuschauer:innen wissen, bezeichnet eine „beständige kreisförmige
       Bewegung“. Entsprechend zirkuliert der Film zwischen verschiedenen Orten
       und Handlungsebenen. In einem Castingstudio in Frankreich wird die Rolle
       der Gloria besetzt und nach der fiktionalen Familie gesucht, die
       anschließend im westafrikanischen Guinea-Bissau einen Toten betrauert und
       in einem Vorort von Paris die Hochzeit von Glorias Tochter Nour (D’Johé
       Kouadio) feiert.
       
       ## Whiskey für die Ahnen
       
       Die im Folgenden immer hintergründig mitschwingende Metafiktionalität
       verhindert ein Abgleiten ins Exotisierende: Wenn auf dem Viehmarkt mit
       großem Palaver Kühe für das Fest gekauft werden, wenn alte Männer Wasser
       und Whiskey für die Ahnen auskippen und Frauen im griot-artigen
       Wechselgesang die Arbeitsamkeit des Verstorbenen preisen – dann wird dabei
       eher Afrika für den mitteleuropäischen Blick performt als ethnologische
       Authentizität behauptet.
       
       Auch das epische Hochzeitsfest mit [2][Autokorso] und ausufernden
       Darbietungen ist klar als Inszenierung markiert – was, vor allem dank der
       wunderbaren Musik, lebendig und mitreißend wirkt. „Gloria“ war beim Casting
       sicher die beste Wahl. Ihre ruhige Würde und ihre stets leicht spöttische
       expressive Mimik tragen den gesamten Film.
       
       Immer wieder gelingen Alain Gomis schöne komische Szenen – etwa wenn im
       Dorf die französischen Kolonisatoren gepriesen werden, weil die so eine
       wunderbar vielfältige internationale Großfamilie hervorgebracht hätten,
       worauf spontan eine Schlägerei ausbricht. Oder wenn auf der Hochzeitsfeier
       über den Wandel der Zeiten (Polygamie, Gewalt in der Kindererziehung)
       diskutiert wird – und sich alle in halbernsten Anekdoten über den
       verstorbenen Patriarchen und seine Reitpeitsche ergehen.
       
       Das größte Problem von „Dao“ hat wohl die junge Frau aus dem Dorf
       formuliert, die vor der Kamera Zweifel äußert, ob sich die tiefe Bedeutung
       der animistischen Rituale einem europäischen Publikum überhaupt vermitteln
       könne oder ob es nicht nur bei schönen Bildern bliebe. Tatsächlich ermüdet
       der knallbunte Bilderreigen aus Singen, Beten, Tanzen und wilde
       Kamerafahrten durch Mangowälder und Dorfstraßen irgendwann. Im endlosen
       Feiern und Palavern gehen potenziell interessante interkulturelle Konflikte
       und einzelne ernsthafte Thematisierungen von Rassismuserfahrungen unter.
       Auch die vielen Realitäten dieser fiktionalen Großfamilie werden so
       erzählerisch kaum fassbar.
       
       15 Feb 2026
       
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