# taz.de -- Obdachlosenhilfe in Hamburg: Notprogramm zweiter Klasse
       
       > In Hamburg dürfen nicht alle ins Winternotprogramm. Wer nicht mitwirkt an
       > der Aufklärung seiner Lage, soll in eine Wärmestube ohne Betten.
       
 (IMG) Bild: Manche meiden das Winternotprogramm selbst bei großer Kälte: Zelte unter der Kennedybrücke in Hamburg
       
       In Hamburg sind im Januar besonders viele [1][wohnungslose Menschen
       gestorben]. Dabei gehen die Zahlen auseinander: Nach Angaben der Polizei
       wurden in den ersten Januarwochen 18 Tote ohne festen Wohnsitz aufgefunden.
       Sozialsenatorin Melanie Schlotzhauer (SPD) hingegen sagt: „Es sind im
       Januar 13 Obdachlose verstorben, davon wurden fünf im öffentlichen Raum
       gefunden.“ Die übrigen starben teils in Krankenhäusern, teils in den Räumen
       des Winternotprogramms. So oder so sind es mehr als vor einem Jahr, was den
       Blick auf das Hilfesystem lenkt.
       
       Nicht alle Menschen, die das städtische Winternotprogramm mit seinen 800
       Plätzen aufsuchen, können dort auch bleiben. Menschen, die aus Sicht der
       Sozialarbeiter vor Ort nicht plausibel machen, dass sie in Hamburg
       obdachlos sind, werden stattdessen an eine Wärmestube mit 100 Sitzplätzen
       in der Hinrichsenstraße verwiesen. Das ist schlicht eine
       Tagesaufenthaltsstätte, die nachts geöffnet wird. Duschen oder Betten gibt
       es nicht, es ist ein Notprogramm zweiter Klasse.
       
       Die Sozialpolitikerin Olga Fritzsche von der Linken wollte [2][in einer
       parlamentarischen Anfrage] wissen, wie oft in diesen ersten Wintermonaten
       Menschen an die Wärmestube verwiesen wurden. Die Antwort: 117-mal. Das
       Winternotprogramm läuft noch bis Ende März. Im ganzen Winter davor waren es
       nur 104. Es gibt also eine Steigerung. Und nicht alle nutzen diese Stube
       auch, was die geringe Auslastung von 40 Prozent zeigt.
       
       Sozialsenatorin Schlotzhauer lud angesichts der Todeszahlen die Presse zu
       einem Gespräch ein. „Die [3][Todesfälle im öffentlichen Raum] bestürzen
       mich sehr“, sagt sie. „Wenn wir die Zahlen vergleichen, sehen wir [4][eine
       Steigerung vom letzten Jahr] zu diesem Jahr.“ Als mögliche Erklärung nennt
       sie: „Menschen, die im öffentlichen Raum leben, bleiben dort heute oft
       deutlich länger – und sie sind schwerer krank als früher.“
       
       ## Viele mit psychischen Erkrankungen
       
       Laut einer Gesundheitsbefragung hätten viele „psychische Erkrankungen und
       komplexe Suchterkrankungen mit polyvalentem Konsum“. Deshalb richtet die
       Sozialbehörde in einem neuen Hilfezentrum an der Repsoldstraße eine
       psychiatrische Ambulanz ein, die Ende März eröffnen soll.
       
       Die Hamburger Polizei hatte der taz Ende Januar eine Liste mit 18
       Todesfällen von Menschen ohne festen Wohnsitz zur Verfügung gestellt,
       verweist nun aber für künftige Anfragen dazu an die Sozialbehörde, weil die
       „valide Zahlen“ habe. Der Senat hatte beschlossen, dass nur Schlotzhauers
       Behörde zum Thema Auskunft gibt.
       
       [5][Schlotzhauer selbst] versichert, sie werde künftig regelmäßig die Zahl
       der Todesfälle und deren Ursachen gemeinsam mit dem Institut für
       Rechtsmedizin veröffentlichen. „Soweit möglich, werden alle Verstorbenen
       obduziert.“
       
       Vergleicht man die Listen von Polizei und Sozialbehörde, so fehlen bei
       Letzterer zum Beispiel zwei Fälle, bei denen Wohnungslose in Wohnungen
       starben, in denen sie sich vorübergehend aufhielten.
       
       Eine Frage ist, ob so eine Wärmestube ohne Betten das Handeln der Behörde
       nicht angreifbar macht. Darauf angesprochen, verteidigen Schlotzhauer und
       ihr Stab das Konzept. In der Stube könnten die Menschen sich aufwärmen und
       ausruhen, sagt der fürs Winternotprogramm zuständige Behördenmitarbeiter.
       „Derzeit halten sich dort durchschnittlich etwa 40 Personen auf – bei
       dieser Belegung ist genügend Raum, um auch mal eine Isomatte auszurollen.“
       
       Und Behördensprecher Wolfgang Arnhold ergänzt: „Die Wärmestube ist ein
       freiwilliges Angebot der Stadt für Menschen, die an der Beratung im
       Winternotprogramm nicht mitgewirkt haben oder vorhandene
       Selbsthilfemöglichkeiten nicht einsetzen wollen.“ Damit gemeint sind etwa
       Menschen, die eine Herberge in ihrem Heimatland haben. Ein großer Teil der
       Menschen in der Wärmestube sei augenblicklich bulgarischer oder rumänischer
       Herkunft.
       
       Doch das Winternotprogramm soll laut dessen eigenem Anspruch
       niedrigschwellig und anonym nutzbar sein. Das sei auch so, versichert die
       Behörde. Die Wärmestube gebe es nicht nur, weil manche Leute ihren Namen
       nicht nennen wollten, sagt Arnhold. „Jemand kann fünf Monate unter dem
       Pseudonym Micky Maus im Winternotprogramm bleiben, wenn die Gefahrenlage
       und die Obdachlosigkeit in der Beratung offen zu Tage treten.“
       
       Senatorin Schlotzhauer verteidigt das Konzept: „Wir erleben im
       Winternotprogramm, dass Beratung hilft und echte Veränderungen möglich
       sind.“ Entscheidend sei, die Menschen verlässlich in den Bezug von
       Sozialleistungen zu bringen – auch wenn dieser Weg weit sein könne.
       
       „Wir helfen den Menschen mit Beratung, manche brauchen ja bloß einen
       Anstoß, um Hilfe anzunehmen“, ergänzt die zuständige Amtsleiterin für
       Soziales, Susanne Nicolaus. „Aber weder das Winternotprogramm noch die
       Wärmestube sind für Touristen gedacht.“
       
       Die Fraktion Die Linke indes hat indes schon 2019 in der Bürgerschaft
       beantragt, die Wärmestube abzuschaffen. Dieses erst 2017 eingeführte
       Element gehört neben dem Umstand, dass das Winternotprogramm mit je 300 und
       400 Betten zwei zu große Unterkünfte hat und von den Menschen tagsüber
       geräumt werden muss, zu den Dauer-Streitpunkten der Obdachlosenhilfe.
       
       Auch aktuell hat die Linke wieder einen Antrag eingereicht: „15 Tote in 23
       Tagen: Winternotprogramm jetzt ganztägig öffnen.“ Die Abgeordneten fordern,
       den Zugang voraussetzungslos zu gewähren und „auf eine Mitwirkungs- und
       Meldepflicht“ sowie eine Übermittlung von Daten an andere Behörden zu
       verzichten.
       
       Die Wärmestube sei nur ein Feigenblatt, und „kein taugliches Instrument für
       Kälteschutz“ sagt die Antragstellerin Olga Fritzsche. Denn Kälteschutz
       bedeutet für sie: „Es gibt ein Bett und einen Ort, wo man bei diesem Wetter
       Tag und Nacht bleiben kann.“
       
       12 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) Kaija Kutter
       
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