# taz.de -- Ukrainische Wirtschaft: Der europäische Tigerstaat
       
       > Der russische Angriffskrieg zerstört gezielt die Infrastruktur der
       > Ukraine. Minister und Ökonominnen setzen auf das Prinzip Hoffnung. Vor
       > allem der Rüstungssektor soll die Wirtschaft beflügeln.
       
 (IMG) Bild: In Kyjiwer Wärmezelten bekommen Menschen Strom und warme Mahlzeiten
       
       „Kyjiw wartet auf Dich nach dem Krieg“ – steht weiß auf blau auf einem
       großen Plakat vor der Sophienkathedrale in der ukrainischen Hauptstadt. Die
       Kirche aus dem 11. Jahrhundert ist eine der Sehenswürdigkeiten in Kyjiw und
       Wiege des Christentums in der Ukraine. Das Plakat ist eine Einladung an
       Touristen, die Ukraine bald wieder zu besuchen.
       
       Ganz anders die Bilder, die der Katastrophenschutz von den Getreidesilos am
       Hafen von [1][Odessa] veröffentlicht: zerborstenes Blech, herabgestürzte
       Stahlteile, eine Feuersbrunst inmitten von Trümmern.
       
       Hoffen und Bangen in einem Land. Hoffen auf ein Ende des Krieges und die
       Sorgen vor dem nächsten russischen Raketen- und Drohnenangriff, der die
       [2][Energieinfrastruktur zerstört] und ganze Städte zu Kühlschränken werden
       lässt. Seit Beginn der gezielten russischen Angriffe auf die Infrastruktur
       im Oktober 2025 wurden bei Angriffen 8,5 Gigawatt an
       Strom-Erzeugungskapazitäten in der Ukraine beschädigt: Wärme- und
       Wasserkraftwerke, [3][Umspannwerke], Transformatoren, Gasleitungen und
       Stromnetze.
       
       Es seien riesige Verluste, die sein Land allein dadurch erleide, sagt
       Wirtschaftsminister Oleksij Sobolew der taz: Neben all dem menschlichen
       Leid „kostet uns jede Milliarde Kilowattstunden, die aufgrund der Angriffe
       in der Ukraine nicht produziert wird, etwa 0,15 Prozentpunkte des
       Bruttoinlandsprodukts“, so der frühere Investmentbanker. Er fügt aber
       trotzig hinzu: „Wir bauen alles wieder auf – mit großer Unterstützung
       unserer Partner. Unsere Wirtschaft ist sehr widerstandsfähig.“
       
       Dass die Ukraine bis heute dem Angriff des deutlich größeren und mit viel
       mehr Waffen ausgestatteten Russlands standhalte und nicht wirtschaftlich am
       Abgrund stehe, liegt laut der Ökonomin Elina Ribakova an den Reformen, die
       das Land seit der Annexion der Halbinsel Krim 2014 unternommen habe:
       Entscheidend seien „erhebliche Verbesserungen im makroökonomischen
       Management und die gestärkte Integration mit dem Westen“, meint die
       Vizepräsidentin für Außenpolitik an der Kyiv School of Economics (KSE).
       
       ## „Es ist auch ein Wirtschaftskrieg“
       
       „Im Krieg geht es nicht nur um einen militärischen Angriff, sondern auch um
       die Fähigkeit, massive makroökonomische Schocks zu bewältigen“, meint
       Ribakova. Der Zentralbank sei es gelungen, die Arbeit der Geschäftsbanken
       aufrechtzuerhalten, die Inflation in den Griff zu bekommen und die
       Landeswährung Hrywnja stabil zu halten. So habe „das Land mithilfe seiner
       Partner inzwischen fast vier Jahre lang einem atomar bewaffneten Gegner mit
       überlegener Manpower und mehr finanziellen Ressourcen Widerstand
       geleistet“.
       
       Um 2,2 Prozent sei die ukrainische Wirtschaft trotz des Krieges voriges
       Jahr wieder gewachsen, Russlands nur um 0,7 Prozent, sagt Minister Sobolew
       stolz: „Es ist auch ein Wirtschaftskrieg. Wir müssen wirtschaftlich besser
       dastehen als Russland.“
       
       Die anhaltenden Zerstörungen der Energie- und Transportinfrastruktur setzen
       der Ukraine aber immer heftiger zu. „Längere Störungen durch angegriffene
       Elektrizitätsanlagen können zu Produktionsausfällen in Höhe von 2 bis 3
       Prozent des BIP führen“, heißt es in der jüngsten KSE-Prognose. Die
       westlichen Finanzspritzen schafften indes einen „bedeutenden Ausgleich,
       sodass das Wirtschaftswachstum für 2026 auf 3,2 Prozent nach oben
       korrigiert werden kann“.
       
       Doch daneben stehen einige offene Fragen: Der Krieg verschlingt nach
       KSE-Berechnungen Staatsausgaben im Umfang von 43 Prozent des BIP. Das
       Haushaltsdefizit steigt so rasant und wird nur durch große Finanzhilfen des
       Westens gedeckt. Dadurch erklimmt die Staatsverschuldung immer neue Höhen.
       Auch das Außenhandelsdefizit wächst stärker als erwartet.
       
       „Wir haben ein Handelsdefizit nicht deshalb, weil sich die Wirtschaft
       ‚komisch‘ entwickelt, sondern weil wir wegen der russischen Angriffe jetzt
       Strom importieren müssen, statt ihn zu exportieren. Und da wir auch
       deutlich mehr Erdgas einführen müssen“, erklärt Sobolew. „Zudem müssen wir
       militärische Güter importieren. Das sind die beiden Hauptposten, die dieses
       große Ungleichgewicht im Außenhandel verursachen. Sie werden durch
       ausländische Unterstützung finanziert. Dadurch bleibt die makrofinanzielle
       Situation stabil.“
       
       Unklar ist, ob wegen des Strommangels und der Kältewelle Hochöfen und
       Glasschmelzen funktionsfähig bleiben oder durch die Blackouts dauerhaft
       zerstört sind. Die Kohle- und Metallindustrie steht noch immer für 7,2
       Prozent des BIP und etwa 15 Prozent der Exporte. Kleinere Firmen behelfen
       sich durch Dieselgeneratoren, wodurch ihre Stromkosten sich aber gegenüber
       Kriegsbeginn verfünffacht haben.
       
       Auch die wieder verschärften Exportquoten für ukrainisches Getreide und
       Speiseöle in die EU belasten den Außenhandel, ebenso die Angriffe auf
       Häfen. Sobolew indes möchte „zusammen mit der EU zum weltweit führenden
       Lebensmittelexporteur werden. Das ist eine große wirtschaftliche und auch
       geopolitische Stärke und sicherheitspolitische Ressource.“
       
       ## Wachstumstreiber Rüstung
       
       Der große Treiber sei inzwischen die Rüstungsindustrie, sie macht den
       größten Teil des BIP aus. Vor allem in der Produktion von Kampf-, Abfang-
       und Stör-Drohnen, wie Jurij Lomikowskyj im Gespräch in Lwiw erklärt. Er ist
       Mitbegründer des Iron Lviv Tech Cluster, in dem ukrainische und
       internationale Rüstungsproduzenten vereint sind. Früher sei der
       Verteidigungssektor staatlich gewesen, jetzt „dominieren 800 bis 1.000
       private Produzenten“, so Lomikowskyj: „Heute unterstützen wir uns
       gegenseitig in unserer Produktion. Das hilft, unabhängig zu werden von
       chinesischen Bauteilen.“ Dringend nötig seien aber ausländische
       Investitionen in die jungen Unternehmen und internationale Kooperation.
       
       Andernorts wächst Hoffnung auf ein Ende des Krieges. Dann, so Dimitar
       Bogov, Lead Economist for Ukraine and Moldova bei der Osteuropaförderbank
       EBRD, „sind wir fest davon überzeugt, dass die Ukraine während des
       Wiederaufbaus zu einem neuen europäischen ‚Tigerstaat‘ werden kann“. Wie
       einst die asiatischen Boomstaaten mit sagenhaften Wachstumsraten. Die
       Ukraine verfüge „über die dafür notwendigen Grundlagen in den Bereichen
       Verteidigung, digitale Innovation und traditionell starken Sektoren wie der
       Landwirtschaft“, sagt Bogov.
       
       13 Feb 2026
       
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