# taz.de -- Kriegswinter in der Ukraine: Kälte, Hoffnung und Kultur
       
       > Es ist kalt, Russland verschärft seine Angriffe. Fünf Ukrainer*innen
       > haben uns erzählt, wie sie mit kaputter Heizung und fehlendem Strom
       > umgehen.
       
 (IMG) Bild: Hunderte tanzten sich am 1. Februar trotzig auf dem zugefrorenen Stausee Kyjiwer Meer warm
       
       ## Kseniia Kalmus, 37, lebt in einem Dorf nahe Kyjiw. Seit 2024 betreibt
       sie mit Freiwilligen eine spendenfinanzierte Drohnenwerkstatt in Kyjiw. In
       „normalen“ Zeiten produzieren sie etwa 50 Drohnen pro Woche.
       
       Gerade stehe ich vor unserer Werkstatt, in der wir Drohnen herstellen.
       Drinnen gibt es derzeit weder Strom noch Internet. Es sind minus 14 Grad.
       Normalerweise haben wir morgens und abends je zwei Stunden Strom, den wir
       zum Aufladen unserer EcoFlows, tragbarer Energiespeichergeräte, nutzen. Wir
       verwenden elektrische Heizgeräte und transportable Gasheizer, um es drinnen
       halbwegs warmzuhalten. Die EcoFlows und Gasheizer wurden von Menschen aus
       Deutschland, Litauen und anderen Ländern gespendet.
       
       Wir haben es geschafft, die Werkstatt auf 15 Grad zu heizen; vergangene
       Woche waren es nur 10 bis 12 Grad. Die Hände und Füße [1][unserer
       freiwilligen Monteur:innen] werden schnell kalt. Wir nutzen Heizdecken,
       trinken Tee und kochen heißes Wasser, wann immer es möglich ist. Und wir
       laufen zwischendurch herum. Denn wenn man sich bewegt, ist es erträglicher.
       Natürlich können wir aktuell nicht so viele Drohnen produzieren wie sonst.
       Unsere Freiwilligen arbeiten weniger Stunden, und wir können unseren
       3D-Drucker, mit dem wir einige Teile für die Drohnen drucken, nicht so wie
       zuvor nutzen. Die Freiwilligen werden auch häufiger krank.
       
       In meiner Wohnung ist die Situation besser. Ich lebe mit meinem Mann und
       zwei Hunden in einem kleinen Dorf in der Nähe von Kyjiw. Auch dort haben
       wir Probleme mit den Heizkörpern, aber die Stromversorgung ist stabiler.
       Wir haben in einem Zimmer Heizgeräte aufgestellt, dort sind es jetzt 16
       oder 17 Grad. Zudem fülle ich Flaschen mit heißem Wasser und lege sie unter
       die Decken, um mich warmzuhalten. Diesen Tipp hat eine Bergsteigerin uns
       Ukrainer:innen auf Youtube gegeben; sie weiß, wie man bei niedrigen
       Temperaturen überlebt.
       
       In einigen Wohnungen sind die Heizkörper explodiert, bei manchen
       Freund:innen stehen deshalb die Wohnungen unter Wasser. Sie kommen bei
       Freund:innen und Verwandten unter. Man hilft sich gegenseitig.
       
       Ich habe nicht das Gefühl, dass wir aufgeben oder unsere
       Widerstandsfähigkeit nachlässt. Wir haben diese tapferen Arbeiter:innen,
       die unsere Energieinfrastruktur immer wieder reparieren. Wir beten für sie
       und sind ihnen dankbar. Wir halten durch! Nächste Woche soll es schon
       wärmer werden. Und bald kommt der Frühling. 
       
       ## Aleksandr, 36, wohnt in Charkiw, im Stadtteil Oleksiiwka. Er ist
       verheiratet und Vater einer Tochter.
       
       Das Wetter ist sehr frostig, es ist extrem kalt, derzeit um die minus 20
       Grad. Am Abend des 2. Februar war kein Wasser mehr in den Heizkörpern, und
       dann fiel die Heizung ganz aus. Das war bereits vor dem Beschuss so
       gewesen. Die Stadtverwaltung macht das manchmal vorsorglich, um die Anlage
       vor Schäden zu schützen. Dann, in der Nacht zum 3. Februar, begannen die
       Angriffe. Lenkbomben, Raketen und anschließend Shahed-Drohnen wurden
       abgefeuert. Es war unglaublich laut, wirklich ohrenbetäubend. Das alles
       geschah ganz in unserer Nähe.
       
       Beim [2][letzten derartigen Beschuss] im Januar wurden auch das Stromnetz,
       Umspannwerke und das Blockheizkraftwerk getroffen. Es gab keine Heizung
       mehr. Jetzt lässt die Stadt das Wasser aus den Heizkörpern ab. Ich hoffe,
       dass nicht alles im Eimer ist.
       
       Am Morgen des 3. Februar war die Spannung noch relativ normal, auch die
       Heizung funktionierte. Wir gingen alle in ein Zimmer und haben es geheizt.
       Dann fiel die Spannung ab, und nichts ging mehr. Deshalb wird es jetzt
       immer kälter und kälter
       
       Zu Hause habe ich momentan keine Heizung. Strom ist da, aber die Spannung
       ist niedrig. Das ist gefährlich für die Geräte, ich habe den
       Sicherungskasten ausgeschaltet. Warmes Wasser gibt es sowieso nicht. In der
       Wohnung ist es richtig frostig. Ich und meine Frau haben ein zehn Monate
       altes Baby. Es ist jetzt so klirrend kalt, dass wir wohl irgendwo hinfahren
       werden, vielleicht in eine Wärmestube. Oder wir machen einfach eine kleine
       Autofahrt, um uns etwas aufzuwärmen. Zu Hause zu bleiben, ist keine Option.
       
       Die Stimmung ist gedrückt. Ich wünsche mir, dass alles wieder normal wird,
       dass die Wärme zurückkehrt und die Anspannung nachlässt. Nebenbei bemerkt:
       Mir war klar, dass die Russen bei dieser Kälte so agieren würden. Denn das
       ist ihre Vorgehensweise. Bei Minusgraden beginnt der Beschuss. Sie wollen
       uns so viel Schaden wie möglich zufügen.
       
       Früher ist der Strom täglich auch schon für mehrere Stunden ausgefallen.
       Etwa vor zwei Wochen war er für längere Zeit abgeschaltet. Wir mussten bis
       zu acht Stunden am Stück ohne auskommen. In der vergangenen Woche hat sich
       die Lage stabilisiert, und es wurde damit begonnen, den Strom nur noch für
       drei Stunden abzuschalten. Wahrscheinlich wird die Heizung wieder
       eingeschaltet, sobald sich die Situation normalisiert hat. Ich glaube aber
       nicht, dass das sofort passieren wird. Doch ob Sie es glauben oder nicht:
       Ich bin optimistisch, was die Zukunft angeht.
       
       ## Olha Dudenko, 23, ist Kommunikationsmanagerin des Museumskomplexes
       Mystetskyj Arsenal in Kyjiw, einer der wichtigsten Kulturinstitutionen der
       Ukraine.
       
       Unser Museum liegt in einem Kyjiwer Bezirk, der ständig unter Beschuss
       steht, weil sich dort ein Wärmekraftwerk befindet. Wir haben derzeit keine
       Heizung in unseren Büros, und der Strom fällt oft aus, aber wir helfen uns
       mit Generatoren und Standheizungen.
       
       Wir versuchen den Museumsbetrieb aufrechtzuerhalten, mussten allerdings
       auch schon einige Tage schließen, weil es zu kalt war. Andere Museen oder
       Galerien, die keine Generatoren besitzen, haben gar nicht die Möglichkeit,
       ihre Arbeit fortzusetzen.
       
       Als Kommunikationsmanagerin kann ich gut im Homeoffice arbeiten. Zu Hause
       bin ich zwar auch von Strom- und Heizungsausfällen betroffen, aber nicht
       über längere Zeit: ein Privileg, das andere, die am täglichen
       Museumsbetrieb beteiligt sind, nicht haben. Sie können, wie viele andere
       Menschen in der Ukraine auch, unter diesen Bedingungen nicht mit voller
       Kraft arbeiten.
       
       Eigentlich ist es mein Job, die Leute zu informieren, warum etwa unsere
       aktuelle Ausstellung zum ukrainischen Dichter Wassyl Stus besonders in
       Zeiten des russischen Angriffskriegs sehenswert ist. Jetzt muss ich vor
       allem kommunizieren, ob wir geöffnet haben oder nicht.
       
       Trotz der Eiseskälte kommen Besucher:innen, viele kommentieren unsere
       Arbeit auf Social Media. Ich denke, Kultur kann auch in solchen Zeiten noch
       ein Gefühl von Sinnhaftigkeit vermitteln. Man ist sonst ständig damit
       beschäftigt, seine Grundbedürfnisse zu befriedigen. Kunst und Kultur können
       davon ablenken, den Blick weiten, andere Sinne ansprechen und andere
       Empfindungen hervorrufen.
       
       Ukrainische Kulturinteressierte können die Ausstellung übrigens auch zu
       Hause besuchen – man kann eine virtuelle 3D-Tour auf unserer Website
       unternehmen. Allerdings braucht man dafür natürlich Strom. 
       
       ## Vitalii Tymtschak, 51, lebt in Letytschiw und arbeitet dort als
       Tierarzt.
       
       Ich wohne mit meiner Frau und unserer jüngsten Tochter in Letytschiw, im
       Südwesten der Ukraine. Hier leben 10.000 Menschen, aber bei uns gilt das
       als Dorf. Seit dem Ende der Winterferien findet kein Unterricht mehr in den
       Schulen selbst statt. Alles ist online, weil es sehr aufwändig ist, die
       Gebäude zu beheizen. Die Außentemperatur liegt bei minus 17 bis minus 20
       Grad. Seit mehreren Wochen haben wir eine Energieversorgung nach einem
       bestimmten Stundenplan: 2–6–2–6–2–6, das heißt: 2 Stunden mit Strom, 6
       Stunden ohne.
       
       Die zwei Stunden, in denen die zentrale Versorgung funktioniert, reichen
       nicht aus, um die Inverter vollständig aufzuladen. Klar beeilen wir uns,
       Wäsche zu waschen, etwas zu kochen und so viel Wasser wie möglich zu
       speichern. Denn ohne Strom gibt es auch keine Wasserversorgung. Unser
       gesamter Lebensrhythmus ist diesem Plan untergeordnet.
       
       In unserem Ort gibt es keine Zentralheizung. Manche Haushalte haben
       Gasboiler, aber meist heizen die Menschen mit Brennholz oder Holzpellets.
       Das ist sicherer und deutlich günstiger, obwohl die Preise für feste
       Brennstoffe steigen, da die Vorräte zur Neige gehen.
       
       Die Gasheizung ist ebenfalls ein Problem, weil ohne Elektrizität kein
       Wasser im Heizsystem zirkuliert. Diejenigen, die es sich finanziell leisten
       können, kaufen Generatoren. Benzinbetriebene Modelle sind besser, da es
       heutzutage schwierig ist, guten Diesel zu bekommen. Billiger Diesel friert
       bei großer Kälte ein. Draußen hört man ständig das typische Brummen der
       Generatoren.
       
       Alles, was in Letytschiw noch funktioniert, läuft nur dank dieser
       Generatoren. Zum Beispiel gibt es hier ein Mischfutterwerk, das mehrere
       Abnehmer im Ausland hat. Der Betrieb muss aufrechterhalten werden. Deshalb
       wurde es vollständig auf Generatorversorgung umgestellt. In unserer Region
       gibt es auch mehrere Solarkraftwerke, allerdings ist die Produktion im
       Winter nicht der Rede wert.
       
       Wir leben relativ ruhig, da es seit zwei bis drei Wochen keinen starken
       Beschuss gab. Anfang der Woche hat es jedoch ein Umspannwerk östlich von
       uns erwischt. Es liegt bereits im Gebiet Winnytsja, aber einige Dörfer in
       unserer Nähe sind jetzt gänzlich ohne Strom.
       
       Die Lage in der Tierzucht ist ebenfalls prekär, besonders die
       Eierproduktion. Kleine Ferkel in Schweineställen benötigen Temperaturen von
       25–30 Grad. Mit der Rinderzucht ist es etwas einfacher. In unserer
       Tierklinik beheizen wir nur wenige Räume, sonst schaffen wir es nicht bis
       zum Ende der Kälteperiode.
       
       ## Oxana Trusch, 49 Jahre alt, lebt in Saporischschja.
       
       Ich wohne am rechten Ufer am Stadtrand von Saporischschja, unser Viertel
       heißt Welykyj Luh. Die Frontlinie verläuft etwa 12 Kilometer von der Stadt
       entfernt. Täglich hören wir Drohnen – wie sie fliegen und dann abgeschossen
       werden. Heute dauerte der Luftalarm 23 Stunden.
       
       Gerade haben wir viel Schnee und es ist sehr kalt. Im Januar lagen die
       Temperaturen nachts meist bei –13 °C und tagsüber bei –9 °C. In unserem
       Haus haben wir eine Fußbodenheizung, die bei einem Stromausfall von fünf
       bis sechs Stunden vollständig auskühlt. Zwar besitzen wir einen Inverter
       und einen Akku, beides reicht aber nicht für einen Dauerbetrieb der
       Heizung. An besonders kalten Tagen nutzen wir daher den Kamin. Bereits im
       November wurden feste Stromabschaltpläne eingeführt, drei Stunden mit und
       sechs Stunden ohne Strom. Wir haben uns daran gewöhnt, so zu leben.
       Geschäfte, Cafés und andere Einrichtungen arbeiten mit Generatoren. In der
       Stadt ist es ständig laut, überall riecht es nach Diesel.
       
       In der Innenstadt werden die Heizungen in den Wohnungen nicht abgeschaltet.
       Allerdings sind die Nebenkosten stark gestiegen. 5000 Hrywnja, also 100
       Euro, im Monat für eine 70-Quadratmeter-Wohnung. Auch Strom ist extrem
       teuer geworden: 1 Kilowattstunde kostet etwa 0,80 Euro. Meine Mutter
       bekommt umgerechnet 70 Euro Rente. Sie lebt mit ihrem Mann, der noch
       arbeitet, in einer Zweizimmerwohnung. Mehr als 30 Prozent ihres Budgets
       geben sie für Versorgungsleistungen aus.
       
       Auch Lebensmittel gehen jetzt richtig ins Geld. Gurken und Tomaten kosten
       mindestens 4 Euro, das günstigste Brot 0,80 Euro, ein besseres bis zu 1,50
       Euro – bei einem Mindestlohn von etwa 170 Euro. Der Hausmeister im Hof
       meiner Mutter verdient weniger als 200 Euro, vor kurzem wurde er
       eingezogen. Insgesamt gibt es deutlich weniger Männer in der Stadt,
       Bauarbeiter und Handwerker sind kaum noch zu finden.
       
       Die Stadt ist leerer geworden, dennoch gibt es fast keine freien Wohnungen.
       Darin leben jetzt Geflüchtete aus Front- oder besetzten Gebieten.
       
       In der Stadt wurden drei Schulen gebaut. Alle haben Luftschutzkeller, die
       fünf Stockwerke in die Erde hinunter gebaut sind. Alle anderen Kinder
       lernen zu Hause. Fast alle Kindergärten sind zu. Trotz der Gefahr sind
       viele Familien geblieben, auch Kinder werden geboren. Allerdings gibt es
       inzwischen eine Entbindungsklinik weniger: Am 1. Februar wurde sie von
       einer russischen Kamikaze-Drohne getroffen, sechs Menschen wurden verletzt.
       
       Der Feind beschießt regelmäßig die Eisenbahn. Seit zwei Wochen fahren keine
       Züge mehr nach Dnipro – bislang die einzige Bahnverbindung nach
       Saporischschja. Einen Teil der Strecke muss man nun mit dem Bus
       zurücklegen.
       
       Fragen Sie mich nicht, ob ich wegziehen möchte. Wir haben unser Haus selbst
       gebaut. Der Gedanke, es zu verlassen, tut weh. Das fühlt sich an, als würde
       man sein eigenes Kind zurücklassen.
       
       8 Feb 2026
       
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 (DIR) Barbara Oertel
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