# taz.de -- Rapperin an Berliner Universität: Gratulation, Frau Professorin Bitch Ray
       
       > Bekannt wurde Reyhan Şahin aka Lady Bitch Ray mit ihrer provokanten
       > Kunst. Zu Porno, Rap und Emanzipation gesellen sich nun Professur und
       > Habilitation.
       
 (IMG) Bild: Lady Bitch Ray übernimmt eine Gastprofessur in der UdK Berlin
       
       Wo sie hinkam, knallte es. Dass Reyhan Şahin alias Lady Bitch Ray eine
       hervorragende Provokateurin ist, zeigt die beeindruckende Menge an
       Skandalvideos, die sich von ihr im Internet finden lassen. Unter anderem:
       die Konfrontation mit Ulf Poschardt [1][in der Talkshow „Willkommen in
       Österreich“ 2008], der für seinen abfälligen Kommentar über sie („eine
       solche Nervensäge“) von Şahin ein beherztes „Fuck off, Poschi“ und ein Glas
       Wasser ins Gesicht serviert bekam. Zum kulturellen Kanon legendärer
       deutscher TV-Momente gehört ihr Auftritt bei „Schmidt & Pocher“ 2008, bei
       dem sie Letzteren mit einer Dose „Fotzensekret“ so aus dem Konzept brachte,
       dass es am Ende der Sendung noch [2][zum live gesendeten Streit zwischen
       dem Moderatorenduo kam].
       
       Männer – vorzugsweise solche, die sich als Filetstück der Evolution
       betrachten – waren und sind ihr liebstes Ziel. Dabei musste sie die oft gar
       nicht groß anvisieren. Um Moderatoren, Journalisten oder Rapper zum Zetern
       zu bringen, genügte in der Regel ihre Präsenz: eine Deutschtürkin mit wenig
       Textil auf der Haut und noch weniger Blatt vor dem Mund. Dass eine Frau,
       die im Fernsehen so über Geschlechtsteile redet wie andere über ihr
       Mittagessen, ausgerechnet promovierte Linguistin ist, irritierte und
       faszinierte viele zusätzlich.
       
       ## Zwischen „plumpen Pornofantasien“ und Emanzipation
       
       Ihre Songs, in denen sie unbefangen über Sex und weibliches Begehren
       rappte, wurden als „plumpe Pornofantasien“ bezeichnet – ungeachtet dessen,
       dass zur gleichen Zeit männliche „Porno-Rapper“ mit Künstlernamen wie
       Frauenarzt, King Orgasmus oder Prinz Porno Erfolge feierten. Sendungen, in
       denen sie auftrat, landeten im Giftschrank. Ihr Buch „Bitchism“ wollte der
       Verlag Bastei Lübbe nach Fertigstellung nicht veröffentlichen. Was Şahin
       schon in den 00er Jahren durch Mittel der Provokation zeigen konnte, war:
       Die Empörung über „böse Wörter“ ist oft eine scheinheilige, vielmehr geht
       es darum, wer sie sagen darf.
       
       Dass fast 20 Jahre später nach wie vor diskutiert wird, inwiefern die
       Selbstbeschreibung als „Fotze“ feministisch gelesen werden kann, kürt
       Şahins Kunst rückblickend zur Pionierinnenleistung. Nur war der Betrieb ihr
       gegenüber bei Weitem nicht so aufgeschlossen, wie er das heute [3][bei
       Rapperinnen wie Ikkimel ist].
       
       Ihr Beharren auf unbeschränkte Ausdrucksfreiheit kostete sie einst einen
       Moderatorinnenjob beim Radio, machte aber den Weg frei für eine
       beeindruckende Karriere als Künstlerin, Autorin, Modedesignerin,
       Schauspielerin. Trotz jahrelanger, teils heftiger Kritik an ihrem Auftreten
       etablierte sich Şahin hartnäckig weiter als popkulturelle Figur. Ihrerseits
       öffentlich gemachte Erkrankungen an Brustkrebs und Depressionen erzwangen
       Schaffenspausen, aufhalten ließ sie sich davon nicht.
       
       ## Von der Erstakademikerin zur Prof. Bitch Ray
       
       Nun verliert die einstige Skandal-Rapperin keine Jobs mehr, sondern bekommt
       stattdessen Angebote: Seit dem Wintersemester 2025/26 darf die
       Postdoktorandin Reyhan Şahin nun offiziell den Zusatz „Prof.“ tragen. An
       der Berliner Universität der Künste trat sie im Wintersemester 2025/2026
       eine Gastprofessur für Kulturwissenschaft und Philosophie an. Neben der
       Sprache interessiert sich Şahin in ihrer Forschung seit Jahren für den
       großen Themenkomplex Diskriminierung – so etwa in ihrer
       Habilitationsschrift mit dem Titel „Rassismus, Rechtsextremismus, Islam und
       Gender“.
       
       „Bring deine Schule/Ausbildung/Abitur zu Ende, wenn Du kannst, dann
       studier“, riet sie in ihren „10 Geboten des Vagina Style“ einst ihren
       Leserinnen und Fans – und ging stets mit bestem Beispiel voran. Als Tochter
       von Gastarbeiter*innen und Erstakademikerin ihrer Familie trägt sie
       jetzt einen der höchsten akademischen Titel in Deutschland – eine Leistung,
       zu der man nur gratulieren kann: Herzlichen Glückwunsch, Frau Prof. Dr.
       Bitch Ray.
       
       6 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.youtube.com/watch?v=yEa1w_sW5Mk
 (DIR) [2] https://www.youtube.com/watch?v=qfxWuBinR74
 (DIR) [3] /Feministisches-Reclaiming/!6138540
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Konstantin Nowotny
       
       ## TAGS
       
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