# taz.de -- Darf's ein bisschen weniger sein: Gier, auch Sachzwang genannt
       
       > Nein, es sind nicht nur die bösen Konzerne, die überhöhte Mieten
       > verlangen. Es sind ich und du. Und was Sachzwang genannt wird, ist so
       > zwingend nicht.
       
 (IMG) Bild: Das Angebot ist knapp: Wohnungsgesuch an einem Ampelmast in Hannover
       
       Kürzlich erzählte mir ein Bekannter, dass er wieder einen Untermieter
       suche. Es ist ein netter Bekannter und ich hatte jemanden im Kopf, der
       gerade etwas sucht, deswegen fragte ich nach der Miete. 750 Euro, sagte der
       Bekannte und schob mit so etwas wie entschuldigendem Unterton hinterher:
       „Ich muss ja die Wohnung finanzieren.“
       
       Die Wohnung kostet 1.500 Euro und hat vier Zimmer, das ist für den
       Hamburger Westen nicht mal viel. Der Bekannte nimmt für ein Zimmer die
       Hälfte der Mieter. Früher hat er mit mehr Menschen in dieser Wohnung
       gelebt, nach einer Trennung lebt er dort allein. Ich sagte nichts, ich bin
       nicht die Moralpolizei. Aber ich war befremdet und ich bin es immer noch.
       
       Es ist schräg, für ein Viertel des Kuchens den halben Preis zu nehmen und
       jeder Kunde in der Bäckerei würde hohnlachend den Laden verlassen, wenn man
       das bei ihm versuchte. „It's the Wohnungsmarkt, stupid“, pfeift es von den
       Dächern, und danke, ich [1][kenne den Wohnungsmarkt] und die magische
       Gleichung zwischen Angebot und Nachfrage.
       
       Was mich beschäftigt, ist die Verbindung zwischen „Ich muss die Wohnung
       finanzieren“ und dem entschuldigenden Unterton, dem Wissen, dass es unfair
       ist und dem Verweis auf die Umstände. Kürzlich erzählte mir eine Freundin
       eine ähnliche Geschichte, es fehlte nur die entschuldigende Zweitmelodie.
       
       ## Weil es geht
       
       Die hatte lange mit einer Frau zusammengewohnt, mit der sie gelegentlich
       über die Hamburger Mietpreise klagte, bis die Mitbewohnerin eine
       Eigentumswohnung kaufte und sie ihr zur Miete anbot. Der Preis war
       astronomisch und als sie nach dem Grund fragte, sagte die neugebackene
       Vermieterin: „Weil es geht.“
       
       Man kann lange darüber nachdenken, ob das Ganze mit oder ohne
       entschuldigenden Unterton unappetitlicher ist. In einer kurzen Pause kann
       man „Mieter helfen Mietern“ anrufen und fragen, ob das Urteil, mit dem
       [2][der Bundesgerichtshof kürzlich das gewinnbringende Untervermieten
       verboten hat], praktische Konsequenzen dafür haben wird.
       
       Das Urteil sei erst mal super, heißt es dort, aber praktisch gesehen gebe
       es ein paar Fragezeichen: Es gibt keine öffentliche Stelle, die
       Untervermietungen überprüft. Und für die Untermieter sei es ohnehin riskant
       nachzufragen, weil sie nicht automatisch in der Wohnung bleiben dürften.
       Und schließlich: Ob es auch für Teil-Untervermietungen gelte, sei unklar.
       
       Aber die Untervermietungen, sagt die Mitarbeiterin von „Mieter helfen
       Mietern“ seien gar nicht das Hauptproblem – die Vermieter:innen
       insgesamt holten raus, „was man rausholen kann“. Das Rausholen, genauer,
       das „Alles rausholen“, ist hierzulande der Ausweis gesundes
       Menschenverstandes, notwendige Zutat zum Überleben im Kapitalismus. Wer
       will, streicht eben noch die Sachzwänge drauf.
       
       Die Sachzwänge betreffen häufig Menschen, die so viel Wohnraumüberschuss
       haben, dass sie ihn vermieten können, somit keine Wasser-und-Brot-Existenz
       führen. Ein Lieblingssachzwang sind die studierenden Kinder, ein andere ist
       die Alterssicherung – aber was ist das für eine Sicherung, für die andere
       bluten müssen?
       
       Alles egal, sagen die Strukturveränder:innen, böse sind nur die großen
       Immobilienunternehmen. Aber siehe da, mehr als die Hälfte der Wohnungen in
       Deutschland werden von privaten Kleinvermieter:innen vermietet, von
       meinem Bekannten und mir und dir sozusagen. Und dass man nur bei einer
       Wohnung Wucher betreibt, weil man leider nicht mehr zur Verfügung hat,
       macht es nicht geistig hochstehender.
       
       Natürlich, [3][neu gebauter Wohnraum würde das Geschäftsmodell erschweren].
       Aber bis der steht, wird es dauern, und die Erfahrungen mit der
       Mietpreisbremse zeigen, dass das „Alles rausholen“ mit Verve
       weiterbetrieben wird. Ich habe keine Antwort auf die Frage, [4][wie man den
       Mietmarkt entspannen kann]. Ich fände es schön, wenn Leute nicht von
       Sachzwängen sprächen, wo keine sind. Ich fände es noch schöner, wenn Gier
       nicht als Smartness durchgewunken würde.
       
       21 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Studie-zu-Mietpreisen/!6146577
 (DIR) [2] /Urteil-des-BGH/!6149421
 (DIR) [3] /Parlamentsbericht-zur-Wohnmisere/!6153450
 (DIR) [4] https://www.diw.de/de/diw_01.c.932455.de/100_jahre_diw/wohnungsmarktpolitik__von_truemmerlandschaften_zur_mietpreisbremse.html
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Friederike Gräff
       
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