# taz.de -- Rap, Reggaeton, Kehlkopfgesang: „Mehr Matriarchate wären gut“
> Drei Künstler*innen, drei Regionen Amerikas. Während in vielen Teilen des
> Kontinents rechte Kräfte erstarken, wird ihre Musik zum Gegenentwurf.
(IMG) Bild: Chocolate Remix macht Musik, um anderen zu zeigen, dass sie etwas verändern können
Rap-Artist Bobby Sanchez (USA): „Meine wichtigste Botschaft ist Wut!“
Zum Rap bin ich gekommen, weil ich nahe New York aufgewachsen bin. Die
Bronx ist die Geburtsstätte des Raps, also haben viele meiner Freunde
gerappt. Mit 18 hatte ich schon zwei Alben veröffentlicht. Mit 24 habe ich
mich als trans geoutet und bin nach Texas gezogen. Meine alte Musik, das
war nicht mehr ich. Meine erste EP als trans Frau 2021 fühlte sich wie mein
richtiges Debüt an. Seitdem rappe ich über Migration, Naturschutz [1][und
queere Akzeptanz,] oder die Befreiung der indigenen Völker, denn ich bin
selbst Quechua. Ich will, dass sich meine Communitys – indigene, trans und
Two-Spirit-Leute – in der Rap-Musik wiederfinden. Meine wichtigste
Botschaft ist Wut. Wir erleben Genozide und Ungleichheit überall. Wie soll
ich da fröhliche Lieder schreiben? An der Freude will ich noch arbeiten.
„Two-Spirit“ ist übrigens ein Begriff, der in den 1990er Jahren von
indigenen Gemeinschaften geprägt wurde, damit sich indigene Menschen
außerhalb der kolonialen LGBTQ-Kategorien definieren konnten. Er spiegelt
heilige Geschlechterrollen wider, die lange vor der Kolonialisierung
existierten. Das dringlichste Thema in feministischen Kämpfen ist für mich
das Verschwinden und die Ermordung von indigenen Frauen,
Two-Spirit-Menschen und Transpersonen. Indigene Frauen verschwinden
häufiger als jede andere Bevölkerungsgruppe in den USA. Ich habe ein Lied
darüber geschrieben: „Bring our sisters home“.
Ich wünsche mir da mehr Solidarität. Das bedeutet für mich, sich für einen
Kampf einzusetzen, der nicht „der eigene“ ist. Etwa, wenn
Zivilist*innen gegen die Einwanderungsbehörde ICE protestieren. Oder
wenn indigene Aktivist*innen sich für Palästina einsetzen. Du kannst
ein weißer, heterosexueller cis-Mann sein, aber wenn du dich für
Migrant*innen oder trans Personen einsetzt, ist das Solidarität. Leider
leben wir selbst innerhalb indigener Gemeinschaften manchmal in unseren
Blasen. Grenzen spalten unser Land und unsere Denkweise. Wir können es
besser machen. Mehr Matriarchate wären gut. Viele indigene Gesellschaften
waren matriarchalisch geprägt. Männer haben bewiesen, dass sie in
Führungspositionen nicht qualifiziert sind.
Dass ich solche Themen in meiner Musik anspreche, ist eine Bedrohung für
Andersdenkende. Auf rechten Plattformen verbreiten sie meine Songs, um mich
zu verspotten. Aber ich komme damit klar. Die USA zu verlassen, ist für
mich keine Option. Ich bin hier aufgewachsen, hier habe ich mein Netzwerk,
lieber kämpfe ich mit meiner Musik gegen die Zustände hier.
Und meine Botschaft an alle: Boykottiert Unternehmen, die mit Israel und
Trump in Verbindung stehen, und kauft lokal. Setze dich für Menschen ein,
die nicht wie du sind. Es ist okay, wütend zu sein. Nutze die Wut und setze
sie in Taten um.
## Reggaeton-Artist Chocolate Remix (Argentinien): „Seid einfach keine
Arschlöcher“
[2][Meine Musik ist stark vom Reggaeton und anderen Club-Sounds
Lateinamerikas beeinflusst]. Ich mag diese Genres sehr. Aber oft sind die
Texte heteronormativ und sexistisch; als lesbische Frau fühlte ich mich
darin nie repräsentiert.
Also begann ich, selbst Musik zu machen. Es begann mit einer queeren
Perspektive, aber mit der Zeit wurde meine Musik auch feministischer und
dann antifaschistisch. Genauso wie die queere Community hier in Argentinien
auch. Mit dem rechtsextremen Präsidenten, den wir mittlerweile haben,
konnte und wollte ich nicht umhin, politisch zu werden.
Unser Land brennt. Wir haben eine Wirtschaftskrise, in der die Menschen
sich mit mehreren Jobs über Wasser halten, während im Gesundheitssystem
oder bei der Unterstützung von Menschen mit Behinderungen gekürzt wird.
Ältere können nicht mehr von ihrer Rente leben. Es gibt mehr
Obdachlosigkeit. Das alles führt auch zu mehr Kriminalität und
Sicherheitsproblemen, weshalb die Regierung die Polizei stärkt. Sie ist
brutaler und tötet öfter. Und inmitten all dessen haben wir einen
Präsidenten, der unsere queeren, trans und feministischen Communitys zum
Hauptfeind des Volkes erklärt. Er versucht, Queersein mit Pädophilie zu
verbinden, dabei sehen wir gerade jetzt ganz klar, dass nicht wir die
Pädophilen sind.
Es bilden sich gerade viele Allianzen. Zum Beispiel gibt es hier in einem
Viertel von Buenos Aires, wo es viel Sexarbeit gibt, eine Gewerkschaft für
Sexarbeiterinnen. Als dort ein Mann von der Polizei erschossen wurde, waren
es die Sexarbeiterinnen, die Geld für seine Beerdigung sammelten. Es ist an
der Zeit, dass sich Kämpfen zusammenschließen: von Queers, Feministinnen,
rassifizierten Menschen, Indigenen – aber auch zum Beispiel von älteren
Menschen.
Der Feind war noch nie so klar wie heute: der Aufstieg des Faschismus. Sehr
wenige Menschen besitzen sehr viel und sie versuchen, uns gegeneinander
aufzuhetzen, damit wir das nicht erkennen. Wir müssen uns
zusammenschließen, auch international, zu einem antifaschistischen
Widerstand. Wir haben drei Jobs, die uns Zeit, Energie und Lebensfreude
stehlen. Es gibt viel Traurigkeit und Isolation. Deshalb ist es so wichtig,
dass wir uns austauschen, zusammen tanzen, einander zuhören. Mit meiner
Musik möchte ich Menschen motivieren, damit sie erkennen, dass sie etwas
verändern können.
Meine Botschaft: Lasst uns das gemeinsam tun, seid einfach keine
Arschlöcher und passt aufeinander auf.
## Kehlkopfsängerin Cynthia Pitsiulak vom Duo Silla (Kanada): „Unser Sound
ist von Natur aus politisch“
Wir sind Kehlkopfsängerinnen aus der Arktis. Inuit Frauen haben unsere Art
zu singen, seit Tausenden Jahren weitergegeben. Traditionell waren die
Männer in der Arktis früher oft lange auf Jagd. Die Frauen blieben bei den
Kindern und Familien. Für sie war das Singen Unterhaltung. Dabei standen
sich zwei Frauen gegenüber und hielten sich an den Händen; die Vibrationen
halfen ihnen auch, sich warmzuhalten. Die Praxis hat auch eine spirituelle
Dimension.
[3][In den Generationen meiner Großmutter und Mutter] wurde der Gesang von
Missionaren und Kolonisatoren verboten; wenn überhaupt, heimlich
praktiziert. Heute findet eine starke Rückbesinnung statt. Was meine
Gesangspartnerin Charlotte und ich machen, ist sowohl traditionell als auch
modern. Wir singen uralte Lieder, aber auch neue Stücke, die von Rock und
elektronischer Musik beeinflusst sind. Manche bezeichnen die Kultur der
Inuit als „primitiv“, das ist falsch. Wir entwickeln uns ständig weiter.
Kehlkopfgesang ist von Natur aus politisch. Indem wir diese Tradition
wiederbeleben, bewahren wir unsere Sprache, unser Wissen und unsere
Bräuche.
Ich habe die [4][Stärke und Resilienz der Inuit-Frauen erlebt]. Das Leben
in der Arktis ist ohnehin hart. Dann löschte der Kolonialismus unsere
Traditionen aus. Wir wurden brutal gezwungen, uns an ein System anzupassen,
das indigene Völker und Frauen unterdrückte. Feminismus bedeutet für mich
daher auch, dafür zu kämpfen, dass man sich ohne Angst so ausdrücken kann,
wie man möchte. Sei es feminin, queer oder noch anders. Es bedeutet,
Geschlechterrollen zu durchbrechen und sich von den Erwartungen an Frauen
freizumachen. Ich trage die Stärke vieler Generationen von Inuit-Frauen in
mein modernes Leben.
Da wir als Inuit so viel erdulden mussten, verbünden wir uns tendenziell
mit anderen indigenen Völkern, First Nations, Schwarzen und queeren
Communitys. Wir sind alle Opfer der kolonialen Systeme. Und gerade jetzt
wird deutlich, dass der Kapitalismus und das Patriarchat nicht
funktionieren; sie schaden der Natur und unserer Lebensweise.
Ich hoffe, dass wir in Zukunft mehr im Einklang mit der Erde leben, und
dass der Feminismus zu mehr Empowerment und Sicherheit führt. Dass wir
keine Angst haben, egal wie wir aussehen oder uns präsentieren. Dann blühen
wir auf. Ich glaube, dass wir uns langsam vom Patriarchat entfernen. Mit
jeder abgelegten toxischen Überzeugung wird der Wandel hin zum Matriarchat
deutlicher.
8 Mar 2026
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## AUTOREN
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