# taz.de -- Die große Olympia-Bilanz: Ganz viele verschiedene Spiele
       
       > So nachhaltig zersplittert waren Olympische Winterspiele noch nie. Das
       > Event ist zu groß und sehr politisch geworden. Finale Stimmungseindrücke.
       
 (IMG) Bild: Der Franzose Jonas Chollet findet Trost nach dem Ausscheiden im Halbfinale, Snowboard Cross Finale, im Livigno Snow Park
       
       Zu spät. Wer nicht schon zum Springen des Teamwettbewerbs in der Nordischen
       Kombination nach Predazzo gefahren ist, für den gibt es keine Shuttlebusse
       mehr vom Bahnhof Auer. Eine junge Frau, aus deren Rucksack eine finnische
       Fahne herauslugt, steht ratlos da. Zwei Japaner versuchen herauszubekommen,
       wie der Nahverkehr von Südtirol ins Trentino funktioniert. Ein Volunteer
       versucht zu beraten.
       
       „Alle Busse haben Verspätung“, sagte er. Ein Linienbus kommt noch. Doch ob
       der ohne Schneeketten hochkommt ins Skistadion von Tesero, kann der Fahrer
       nicht garantieren. Es schneit. 30 Zentimeter Neuschnee sind angesagt. Etwa
       50 Olympiafans steigen ein. Ein paar geben auf und bleiben im Tal.
       
       Spontan bildet sich eine Gruppe von Olympiatouristen, die sich ein
       Großraumtaxi teilt. So sitzen zwei Münchnerinnen, zwei Männer aus dem
       Schwarzwald, ein Biathlonfan aus Dresden, der Reporter der taz und ein
       Australier zusammen in einem Kleinbus. Und alle hoffen, dass es der recht
       waghalsige Fahrer beim Versuch, es noch rechtzeitig zum Start der Läufer
       nach Tesero zu schaffen, nicht übertreibt. Er gibt sein Bestes. Rechtzeitig
       zum Sturz von Vinzenz Geiger sind alle an der Strecke.
       
       Doch allein die Fahrt beschert ihnen schon das, was man vielleicht einen
       olympischen Moment der Begegnung nennen kann. Die Münchnerinnen staunen
       über den Dresdner, der schon seit ein paar Tagen in der Gegend ist. Bei den
       Staffeln war er, hat gesehen, wie die deutschen Langläuferinnen Bronze im
       Teamsprint gewonnen haben, und er hat noch Karten für den Massenstart im
       Biathlon.
       
       ## Was macht der denn hier?
       
       40 Euro hat er pro Karte gezahlt, weil er sich schon zu Vorverkaufsbeginn
       als Interessent hat registrieren lassen. Die Schwarzwälder sind im
       Langlaufurlaub und wollen mal olympische Luft schnuppern. Den Münchnerinnen
       geht es ähnlich. Ihnen würde es reichen, wenn sie die Siegerehrung sehen
       könnten. Und der Australier? Was macht der denn hier? Er ist für die 50
       Kilometer der Männer am Samstag angereist. Da startet sein Schulfreund Seve
       de Campo. Er zeigt ein paar Fotos, die ihm sein Freund [1][von der
       Eröffnungsfeier] geschickt hat.
       
       Am Ende der zwei olympischen Wochen, nach unzähligen
       Medaillenentscheidungen, ist der Auftakt dieses Megaevents fast schon
       vergessen. Damals ist wenig über die nette Show gesprochen worden, bei
       welcher der unvermeidliche Andrea Bocelli wieder einmal sein
       unvermeidliches „Nessun Dorma“ geschmettert hat. ICE war das große Thema
       zur Eröffnung der Spiele.
       
       Dass die mörderischen Truppen Donald Trumps, die zur Abwehr von Migration
       vor nichts zurückschrecken, [2][auch in Mailand anwesend waren,] um
       Sicherheitsaufgaben im Zusammenhang mit dem Olympiabesuch von
       US-Vizepräsident JD Vance zu übernehmen, hatte die Stadtgesellschaft
       aufgewühlt. Bei der Eröffnungsfeier erntete Vance Pfiffe von dem nicht
       gerade als besonders aktivistisch verschrienen Olympiapublikum.
       
       An den anderen Olympiaorten, in Bormio, in Livigno, Predazzo, Tesereo und
       Cortina d’Ampezzo war die Aufregung weit weniger groß. Dort hatte man auch
       nicht miterleben müssen, wie ein paar Tage ganze Straßenzüge mit massivem
       Polizei- und Militäraufgebot abgesperrt wurden, damit die Wagenkolonne des
       US-Vizepräsidenten freie Fahrt zu den Wettkampfstätten hatte, die er
       besucht hat. Am Platz vor dem Duomo sah es einmal fast so aus, als würde
       eine Art Militärparade vorbereitet.
       
       Aber so war das eben bei dieser Ausgabe der Olympischen Winterspiele. Jeder
       Austragungsort hatte seine eigene Stimmung. [3][In Livigno, wo im
       Snowpark,] auf der Buckelpiste und an den Aerialschanzen auf Ski und
       Snowboard getrickst wurde, sah es bisweilen so aus wie an einem
       Globetrotterhotspot irgendwo auf der Welt, wo junge Menschen aus den USA,
       Kanada, Australien, Japan oder Neuseeland zusammenkommen, um mit dem immer
       gleichen Bier zur immer gleichen Musik die immer gleiche Party zu feiern.
       Dass auch die herausragenden Sportlerinnen und Sportler, deren Salti und
       Schrauben in atemberaubender Höhe wahrhaft spektakulär sind, vermitteln, es
       sei alles nur Spaß, was sie da treiben, passt da nur allzu gut.
       
       ## „Did you have fun?“
       
       Michela Moioli, die in Italien so verehrte Snowboarderin, die Silber und
       Bronze im Boardercross gewonnen hat, schlüpfte einmal bei der
       Champions-Parade im Fan-Village in die Moderatorinnenrolle und fragte die
       kanadische Freeskierin Megan Oldham, was sie bei ihren Sprüngen von der
       Big-Air-Schanze empfunden habe: „Did you have fun?“ Ja, was denn sonst.
       Natürlich hatte die Olympiasiegerin Fun.
       
       Eine Busstunde von Livigno entfernt, hinter dem 2.200 Meter hohen
       Foscagno-Pass, unten im Tal, war die Stimmung weit weniger gut. In Bormio,
       wo die Alpinski-Wettbewerbe der Männer sowie [4][das neue
       Ski-Mountaineering stattgefunden haben], musste man bisweilen auf die
       Straßenbeflaggung mit den fünf Ringen schauen, um sicherzugehen, dass da
       gerade Olympische Spiele stattfinden.
       
       Hätten die Schweizer Spitzenskifahrer nicht so viele Fans, wäre es auch an
       den Renntagen wohl eher ruhig geblieben. Und so ist [5][auch um Lucas
       Pinheiro Braathen,] den extrovertierten brasilianischen
       Riesenslalom-Olympiasieger aus Norwegen, nicht wirklich die ganz große
       Party ausgebrochen.
       
       Der deutsche Slalomspezialist Linus Straßer, der sein Rennen auf Platz neun
       beendet hatte, sprach gar von einer „sterilen“ Atmosphäre. Im alpinen
       Rennzirkus gibt es gewiss größere Events. Im Vergleich zu den Partyrennen
       von Kitzbühel oder Schladming kommen die Spiele fast schon vornehm daher.
       Dass man das neue Zielhaus an der Piste Stelvio so gebaut hat, dass die
       erste Zuschauerreihe fünf Meter über dem Auslauf ist, war der Stimmung
       sicher nicht gerade zuträglich.
       
       In Cortina d’Ampezzo, [6][wo die Frauen ihre alpinen Skirennen ausgefahren
       haben,] sah die Zieltribüne auch nicht anders aus als in Bormio. Die
       Stimmung war aber weitaus besser an dem Ort, an dem der italienische
       Skisport so etwas wie seine Zentrale hat, während Bormio zwar eine schwere
       Abfahrt, aber eben keine große Wintersporttradition hat. Als dann noch
       Federica Brignone zweimal Gold für Italien auf der Piste gewonnen hat,
       kannte der Jubel in Cortina kaum Grenzen.
       
       Darüber hätten die Männer vielleicht gerne in der Kantine des Olympischen
       Dorfs mit den Skirennläuferinnen gesprochen. Derartige Begegnungen waren
       bei diesen Spielen, die sich von der Lombardei über das Trentino bis nach
       Venetien und Südtirol erstreckt haben, nicht möglich.
       
       Und so waren vor allem die Athleten [7][in Bormio] in ihrem olympischen
       Dorf, das aus drei umzäunten Hotels bestand, ein wenig einsam. Dass Straßer
       behauptete, da sei die Stimmung vor vier Jahren in Peking ja noch besser
       gewesen, ist angesichts der irrwitzigen Hygieneblase, in die Sportlerinnen
       wegen der noch grassierenden Coronapandemie damals eingesperrt waren, dann
       doch ein wenig verwunderlich.
       
       ## Ungemütliche Großstädte im Winter
       
       Wer die vielen Fans aus Skandinavien mit ihren kleinen Fahnen im
       Langlaufstadion oder an der Loipe gesehen hat, die beinahe schon
       hysterische Stimmung beim Eiskunstlauf in Mailand erleben durfte, die
       Besetzung [8][der Eisschnelllaufhalle] durch Fans aus den Niederlanden oder
       die Lautstärke während der Spiele der Eishockeyteams aus den USA oder
       Kanada, wird kaum sagen können, den Spielen habe es an Stimmung gefehlt.
       
       Während es in den Hallen brodelte, war es nicht ganz so einfach, an einem
       verregneten Tag bei vorfrühlingshaften Temperaturen in Mailand in
       Wintersportstimmung zu kommen. Da konnten die Sponsoren noch so viele
       Pavillons mit irgendwelchen Produktpräsentationen und viel schneeweißer
       Farbe im Stadtraum platzieren.
       
       Großstädte im Winter können eben auch ungemütlich sein. Aber da lassen sich
       die großen Hallen finden oder unterbringen, dort gibt es genug Hotelbetten
       für die Fans der Eissportarten. Der riesige Platzbedarf für die Produktion
       der Fernsehbilder ist ebenso vorhanden wie Räumlichkeiten für das
       Medienzentrum oder die organisatorische Leitung der Spiele. Die sind
       einfach zu groß geworden, um sie in einem Ort in den Bergen unterzubringen.
       
       Einmal keine neue Biathlonanlage zu bauen, sondern einfach das bestehende
       und vor allem von den Fans aus Deutschland so geschätzte Stadion von
       Antholz mit olympischen Weihen zu versehen, ist der Weg der Nachhaltigkeit,
       den das IOC mit seiner Agenda 2020 eingeschlagen hat.
       
       2030 finden die Winterspiele in den französischen Alpen statt. Auch das
       werden Spiele der weiten Wege. Das Zentrum soll in Nizza sein. Wer von da
       mit Bus und Bahn zu den alpinen Skirennen nach Val-d’Isère fahren möchte,
       ist mehr als zehn Stunden unterwegs. Auch in vier Jahren wird es das
       olympische Gemeinschaftsgefühl nicht geben, und die Fans in der Stadt
       werden nicht spüren können, wie sich Olympia an der Langlaufstrecke von La
       Clusaz in Hochsavoyen anfühlt.
       
       Auch 2030 wird es eine Herausforderung sein, die Fanmassen in die
       Alpentäler zu bekommen. Schön war das bei italienischen Spielen wirklich
       nicht immer. Wer nach einem Rennen vom Langlaufstadion noch einmal
       hochgeschaut hat ins malerisch gelegene Bergdorf Tesero, dem wird der
       Geruch von Dieselabgasen in die Nase gekrochen sein.
       
       Das Motorbrummen der unzähligen Reisebusse war für die Fans vor Ort wohl
       das typische Geräusch dieser Spiele. Obwohl die Anreise mit privatem Pkw zu
       den Wettkampforten in den Bergen nicht erlaubt war, krochen vor und nach
       dem Start eines Rennens stundenlang Wagenkolonnen durch die Orte. VIP-Gäste
       mussten natürlich nicht im Bus mit Krethi und Plethi anreisen, die
       wichtigen Funktionäre ebenso wenig. Der Aufwand, der für die
       TV-Übertragungen getrieben wurde, fand seinen Niederschlag in einer Unzahl
       von Fahrzeugen.
       
       Zusammengebunden wurden die Wettbewerbe sowieso allein durch die
       Übertragungen. Die Medien haben aus den über Norditalien verteilten Spielen
       ein Gesamtwerk gemacht. Die Ringe und das Logo der Spiele sehen eben [9][an
       der Skisprungschanze in Predazzo] genauso aus wie beim Curling in Cortina.
       Unzählige Mitarbeiter des IOC und der Sportverbände achten auf ein
       einheitliches Erscheinungsbild. Und so muss sich ein Sportler auch schon
       mal von irgendeiner offiziellen Person mit Knopf im Ohr anschnauzen lassen,
       weil er den falschen Weg in die Mixed Zone zu den Journalisten
       eingeschlagen hat.
       
       Und ein anderer muss gar den Wettbewerb verlassen, weil er gegen irgendeine
       Regel verstoßen hat. [10][Der Ausschluss von Wladyslaw Heraskewytsch war
       der Skandal dieser Spiele.] Der ukrainische Skeletoni hatte auf seinem Helm
       Bilder von 20 Sportlerinnen und Sportlern aufbringen lassen, die im Krieg
       der Russischen Föderation gegen sein Heimatland ums Leben gekommen sind.
       
       Das war dem IOC, zu viel der Erinnerung an die Realitäten der Welt da
       draußen. Unterdessen schiebt das IOC ausgerechnet in diesem harten Winter,
       in dem Russland die ukrainische Energieversorgung ein ums andere Mal
       attackiert, die Rückkehr russischer Hoheitszeichen in den Weltsport an.
       
       Mit den Realitäten in der Heimat [11][hatten auch Sportlerinnen und
       Sportler aus den USA während der Spiele zu kämpfen.] Nicht wenige von ihnen
       haben ihren inneren Zwiespalt formuliert, ihre Heimatliebe in die Arenen
       getragen, nicht ohne vorher klargestellt zu haben, wie unwohl sie sich
       damit derzeit fühlen. Auch einige der immer sehr zahlreichen
       Olympiatouristen aus den USA haben ihren Unmut über die Zustände in der
       Heimat in die Arenen getragen.
       
       Die Ankündigung Donald Trumps, zum Ende der Spiele nach Italien zu kommen,
       muss ihnen wie ein Hohn vorkommen. Allein mit seiner Ankündigung hat er
       gerade zu dem Zeitpunkt die Spiele regelrecht gekapert, als man gerade
       vergessen hatte, wie unangenehm die Anwesenheit seines Vize zu Beginn der
       Spiele war. 2028 finden die Sommerspiele in Los Angeles statt. Gut möglich,
       dass die Welt sich dann ein wenig wehmütig an die Stimmung der Spiele in
       Italien erinnert.
       
       22 Feb 2026
       
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