# taz.de -- Nationalismus bei Olympia: Plötzlich Italienerin
       
       > Die Shorttrackerin Arianna Fontana galt lange als unitalienisch. Nach
       > ihrem Medaillenrekord aber suchte Regierungschefin Giorgia Meloni ihre
       > Nähe.
       
 (IMG) Bild: Jetzt italienisch genug: die Shorttrackerinnen Elisa Confortola, Arianna Fontana, Chiara Betti und Arianna Sighel (von links)
       
       Die Emotionen des Vortags waren rausgelüftet, all der Schmalz der
       Darbietungen aus der Halle geputzt und die Eismaschinen hatten all die
       Tränen, die an einem [1][olympischen Eiskunstlaufabend] vergossen werden,
       sorgfältig in das Eis eingearbeitet. Nach dem Kurzprogramm der Frauen war
       wieder ein [2][Shorttrack]-Abend angesagt im Forum Assago zu Mailand.
       
       Statt um Grazie ging es um Tempo, es ging nicht um Sprünge, sondern darum,
       bei den irrwitzigen Fliehkräften in den engen Kurven auf der Bahn zu
       bleiben. Die Musik zwischen den Läufen war laut und voller harter Beats,
       nichts Klassisches, nichts Liebliches war zu hören. Zwei Wettbewerbe
       standen an diesem Mittwochabend auf dem Programm, die 500 Meter der Männer
       und die Staffel der Frauen über 3.000 Meter.
       
       In der wurde fest mit einer italienischen Medaille gerechnet.
       [3][Regierungschefin Giorgia Meloni] hatte sich eingefunden und wurde von
       Giovanni Malagò, dem Chef der Organisationsstiftung der Spiele, auf diesen
       Weiheabend des italienischen Sports vorbereitet. Dessen Hauptdarstellerin
       war Arianna Fontana. Die hatte sich zusammen mit Chiara Betti, Elisa
       Confortola und Arianna Sighel für das Staffelfinale der besten vier
       Quartette qualifiziert und lief tatsächlich als zweite hinter den
       Südkoreanerinnen über den Zielstrich. Es war ihre 14. olympische Medaille.
       Eine mehr als der bisherige Rekordhalter, der Fechter Edoardo Mangiarotti,
       der zwischen 1936 und 1960 13 Edelmetallplaketten gesammelt hatte.
       
       Am Ende suchte Meloni natürlich die Nähe der vier Eisschnellläuferinnen,
       die brav mit ihr für Fotos posierten. Und weil es ja ein großer
       italienischer Abend war, deutete die Nationalistin ganz Großes an. „Der
       Rekord von Fontana hat mich inspiriert. Olympische Sommerspiele – mal
       sehen. Eins nach dem anderen“, sagte sie und eroberte mit diesem Satz die
       Schlagzeilen der Sportseiten. Dass sich Italien eigentlich nur für die
       Winterspiele beworben hatte, weil die zahlreichen Versuche, Rom noch einmal
       zum Gastgeber von Sommerspielen zu machen, gescheitert waren, ist die
       Geschichte hinter diesen Schlagzeilen.
       
       ## Neue Nationalheldin
       
       Doch für Wundenlecken war an diesem Abend kein Platz. Italien hatte eine
       neue Nationalheldin. 2006 in Turin hatte sie ihre erste Olympiamedaille
       gewonnen – Bronze, ebenfalls in der Staffel. Danach kamen über die Jahre
       noch sechs Silber- und drei Goldmedaillen hinzu. Eine davon hat sie vor
       einer Woche in Mailand als Teil der Mixedstaffel gewonnen.
       
       Ausgerechnet danach war sie von einem, der mit ihr zu Gold gelaufen war,
       als unitalienisch bezeichnet worden. „Sie trainiert seit acht Jahren im
       Ausland, sie hat sich dafür entschieden. Ein Team sind wir ganz sicher
       nicht, abgesehen von den zweieinhalb Minuten auf der Bahn“, sagte Pietro
       Sighel und wollte wohl etwas auslösen, das man hierzulande am besten mit
       dem Wort Wohnortdebatte beschreiben kann.
       
       Nach dem Medaillenrekord und dem Handschlag mit Meloni wird nun wohl
       Schluss sein mit der Frage, ob sie italienisch genug ist. Ihre
       Sonderstellung als Einzelgängerin im Team, die mit ihrem Mann Anthony
       Lobello Jr. in den USA lebt und trainiert, wird der 35-Jährigen keiner mehr
       streitig machen.
       
       Dass sie 2019 zwei Teamkollegen angezeigt hatte, weil sie der Meinung war,
       die hätten sie im Training absichtlich zu Fall gebracht, wird allerdings
       auch immer zu ihrer Geschichte gehören. Was Pietro Sighel dazu gebracht
       haben mag, den Fall, der juristisch ohne Folgen für die Angezeigten blieb,
       ausgerechnet bei den Spielen von Mailand noch einmal anzusprechen, wird man
       wohl so schnell nicht erfahren. Arianna Sighel, Pietros ältere Schwester,
       die Teil der versilberten 3.000-Meter-Staffel war, sagte dazu auch nichts.
       
       ## Sturz nach Körperkontakt
       
       Ihr Bruder hatte auch seinen Auftritt an diesem Abend. Im Halbfinale des
       500-Meter-Wettbewerbs stürzte er nach einem Körperkontakt mit dem Kanadier
       Maxime Laoun. Als die Wiederholung der Szene auf den Videowänden in der
       Halle gezeigt wurde, tobte das Publikum. Die meisten waren sich sicher,
       dass Laoun den Italiener absichtlich abgedrängt hatte.
       
       Doch die Jury bewertete das Video anders, was die Halle ein weiteres Mal
       zum Brodeln brachte. Sighel, der in Peking vor vier Jahren Silber und
       Bronze gewonnen hatte, war derart bedient, dass er zum B-Finale gar nicht
       erst antrat. Alle Proteste der Italiener halfen nichts, die Entscheidung
       stand. Ein [4][VAR-Moment] bei diesen Spielen. Olympiasieger wurde dann der
       Kanadier Steven Dubois. Doch für den interessierte sich in dieser
       italienischen Nacht kaum jemand. Die ganze Aufmerksamkeit gehörte Arianna
       Fontana.
       
       19 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Andreas Rüttenauer
       
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