# taz.de -- Mehr Nachhaltigkeit durch Verzicht: Ich sage nein, weil ich es kann
       
       > Wer seinen Konsum einschränkt, hat nicht weniger, sondern mehr: mehr
       > Zeit, Gesundheit, Lebensqualität. Man kann immer damit anfangen, zu
       > verzichten.
       
 (IMG) Bild: Schüler:innen auf einer Demonstration der Fridays-for-Future-Bewegung setzen sich für weniger Konsum ein
       
       Für überraschend viele individuelle wie gesellschaftliche Probleme gibt es
       eine bestechend einfache und günstige Lösungsformel: weniger. Weniger
       Zigaretten, [1][weniger Alkohol,] weniger Zucker. Weniger Schulden durch
       zurückhaltenderes Konsumverhalten. Weniger Umweltzerstörung durch
       [2][weniger Flüge], weniger Autofahrten, [3][weniger Fleisch]. Weniger von
       all den Dingen, die wir zwar wollen, aber nicht brauchen. Mehr
       Nachhaltigkeit ist kein Mehr an Technik, sondern ein Weniger an Übermaß.
       Man könnte zugespitzt sagen: Die ökologische Krise ist weniger ein
       Erkenntnisproblem als ein Maßlosigkeitsproblem. Die große Herausforderung:
       zurück zum richtigen Maß zu finden. Das Gefühl dazu ist uns in unser
       Tiktok-dynamisierten Alles-verfügbar-Welt völlig verloren gegangen.
       
       Das Attraktive am Weniger-Ansatz: Diese Lösung ist sofort verfügbar. Sie
       braucht keine neuen Infrastrukturen, keine Durchbrüche in der Forschung,
       keine langen Übergangsfristen, keine neuen Staatsschulden. Wir können den
       Schalter heute umlegen oder unseren Lebensstil schrittweise herunterregeln.
       Wir erleben dabei etwas, was gefühlt immer mehr aus unserem Leben
       verschwindet: Selbstwirksamkeit. Verzicht ist keine Ohnmacht, nicht
       Konsequenz eines von anderen auferlegten Verbots, sondern die Rückkehr von
       Gestaltungsmacht ins eigene Leben. Er bedeutet, nicht länger nur Objekt von
       Marketing, Gewohnheiten und Verlockungen zu sein, sondern wieder Subjekt
       der eigenen Entscheidungen. Ich sage nein, weil ich es kann.
       
       Zum Ausgleich für den Verzicht gibt es vieles, wovon wir mehr haben könnten
       – und sollten –, weil es unserem Wohlbefinden guttut und fast nichts
       kostet: Zeit, Schlaf, Bewegung, Gespräche, Kreativität, Engagement. Weniger
       Konsum hier und mehr Leben dort: Das wäre ein gigantisches
       sozial-ökologisches Gesundheitsprogramm. Ein Programm, das nicht auf Zwang,
       sondern auf Einsicht und Selbstermächtigung beruht. Und doch ist es ein
       Geschenk, das wir erstaunlich hartnäckig ausschlagen, als hätten wir uns an
       die Vorstellung gewöhnt, dass ein gutes Leben vor allem eines sein müsse:
       voll. Wir verschieben die Grenzen dessen, von dem wir erklären, dass wir
       einen natürlichen Anspruch darauf haben, immer weiter in Richtung möglichst
       schnelle Selbstvernichtung. Wir wissen es besser, aber sind unfähig, dieses
       Wissen zu nutzen.
       
       Stattdessen setzen wir auf Technik als Erlösungsversprechen.
       Kreislaufwirtschaft, [4][CO₂-Speicherung], KI: All das kann sinnvoll sein
       und ist teilweise unverzichtbar. Doch es dient oft als Beruhigungsmittel.
       Es nährt die Hoffnung, wir könnten so weiterleben wie bisher – nur
       effizienter, sauberer, optimierter. Technik wird zum Mythos, der uns die
       Zumutung erspart, unser eigenes Verhalten grundsätzlich zu verändern. Der
       einseitig technisch definierte Fortschritt soll richten, was unsere
       Lebensweise anrichtet. Das ist nichts weiter als Technikchauvinismus. Warum
       vertrauen wir unsere Zukunft eigentlich lieber technischen Fiktionen an,
       als sie selbst zu gestalten?
       
       Weil der Verzicht nicht zu unserem kulturellen Verhaltensrepertoire gehört,
       weil wir uns mit anderen vergleichen, die vermeintlich mehr haben und weil
       unser Gehirn das Bekannte und Bequeme bevorzugt. Es verteidigt den Status
       quo, selbst dann, wenn er offenkundig schädlich ist. Was wir „brauchen“,
       ist selten das Ergebnis nüchterner Abwägung, sondern das Echo unbewusster
       innerer Impulse. Maßhalten erscheint nicht als Stärke, sondern als Strafe.
       
       Wir sind überfordert vom Alltag und sollen auch noch bewusst Nein sagen.
       Wir fühlen uns benachteiligt und sollen dann auch noch selbst kürzertreten.
       Wir suchen verzweifelt nach Status und Anerkennung und sollen auf die Dinge
       verzichten, von denen wir hoffen, dass sie uns genau das verschaffen. Und
       die anderen machen es ja auch nicht. Warum sollte ausgerechnet ich damit
       anfangen? Deshalb wird der Wochenendflug zur Identitätsfrage und [5][das
       Tempolimit] zum Kulturkampfthema, weil das Emotionale die Regie übernimmt.
       
       ## Angst vor Verzicht
       
       Der Aufruf zum Verzicht löst Angst aus. Was das bedeutet, davor hat der
       Philosoph und Politiker Edmund Burke bereits vor rund 300 Jahren gewarnt:
       „Kein Gefühl raubt dem Geist in solch einem Ausmaß die Fähigkeit, zu
       handeln und klar zu denken, wie die Angst.“ Was objektiv sinnvoll wäre,
       spielt dann kaum noch eine Rolle. Der innere Protest richtet sich nicht nur
       gegen politische Maßnahmen, sondern grundsätzlich gegen die Idee von
       Begrenzung. Umweltpolitik und Zukunftsgestaltung werden so zu einem
       sozialpsychologischen Projekt. Ohne die Fähigkeit, Angst, Verlustgefühle
       und Kränkungen zu verarbeiten, bleibt jede Nachhaltigkeitspolitik instabil.
       Psychische Reife ist keine Privatangelegenheit, sondern eine
       gesellschaftliche Voraussetzung für ein im ökologischen Sinne maßvolles
       Leben.
       
       Vielleicht liegt der größte Irrtum darin, dass wir Verzicht für Verlust
       halten. Was wir in der blinden Routine unseres Immer-mehr-Lebens komplett
       ignorieren: In Wahrheit haben wir durch unsere Maßlosigkeit längst so viel
       verloren: Aufmerksamkeit, Zeit, Beziehungen, innere Ruhe und den Glauben an
       eine lebenswerte Zukunft.
       
       Der bewusste Verzicht wäre dann keine Verarmung, sondern eine
       Rückeroberung: von Autonomie, Würde und Verantwortung. Nicht: „Wir müssen
       verzichten“, sondern: „Wir entscheiden uns, weniger fremdbestimmt zu
       leben.“ Verzicht ist in diesem Sinne keine asketische Übung, sondern eine
       kulturelle Technik. Eine Fähigkeit, die geübt werden muss. Wer nicht
       verzichten kann, ist nicht frei, sondern abhängig von Gewohnheiten,
       Erwartungen, Reizen. Vielleicht ist das die unbequeme These: Maßlosigkeit
       ist keine Freiheit, sondern eine Form der Unmündigkeit. Verzicht könnte zum
       Maßstab von Fortschritt werden, als Ausdruck von Reife im Umgang mit
       Grenzen, mit Macht, mit Möglichkeiten und Bedürfnissen.
       
       Große Transformationen beginnen selten mit Gesetzen. Sie beginnen mit neuen
       Gewohnheiten. Millionen kleiner Entscheidungen formen neue Normalitäten.
       Wenn Mäßigung als Freiheit erlebt wird und nicht mehr als Strafe oder
       Verlust, kann eine leise, aber tiefgreifende Revolution des Alltags
       entstehen. Ich verzichte, also bin ich. Das ist das Narrativ des
       ökologischen Aufbruchs.
       
       10 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Pastis-trinken/!5992844
 (DIR) [2] /Privatjets-in-Hamburg-Fuhlsbuettel/!5930239
 (DIR) [3] /Ernaehrungsexperten-ueben-Kritik/!6144552
 (DIR) [4] /Klimakrise/!6140865
 (DIR) [5] /Verbaende-fordern-Tempolimits-Weniger-Unfaelle-und-mehr-Klimaschutz/!6150512
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Udo Kords
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Verzicht
 (DIR) Nachhaltigkeit
 (DIR) Alltag
 (DIR) Rauchen
 (DIR) Konsum
 (DIR) Fleisch
 (DIR) Fliegen
 (DIR) Umweltzerstörung
 (DIR) GNS
 (DIR) Schwerpunkt Klimawandel
 (DIR) Ernährung
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Schäden durch Erderhitzung: Obligatorischer Schutz gegen Klimaschäden kommt bald
       
       Naturkatastrophen werden immer zerstörerischer. Die Regierung will eine
       Pflichtversicherung gegen diese Gefahr. Die Versicherungsbranche lehnt das
       ab.
       
 (DIR) Deutsche trinken immer weniger Bier: Hopfen und Malz verloren
       
       Der Absatz von Bier ist 2025 erneut deutlich gesunken – so viel wie noch
       nie seit Beginn der Zeitreihe. Alkoholfreies Bier legte absatzmäßig zu.
       
 (DIR) Veganuary und Dry January: Im Januar werden viel weniger Fleisch und Alkohol verkauft
       
       Viele Menschen wollen im ersten Monat des Jahres gesünder und nachhaltiger
       leben als sonst. Das macht sich wirtschaftlich bemerkbar.