# taz.de -- Sucht durch Duolingo: Auf Kreuzfahrt mit Carbony und Dioxy
       
       > Mitmach-Apps sollen süchtig machen. Das zu kritisieren ist einfach, sagt
       > unser Autor. Aber kann es auch einfach die richtige Sucht sein?
       
 (IMG) Bild: Wird zunehmend mit KI generiert und nervt mit vielen Fehlern: Sprachlern-App Duolingo
       
       Seit einem Jahr steht zwischen mir und meiner Frau eine grüne Eule. Wenn
       Mitternacht naht, heißt es häufig: „Fast vergessen! Ich muss noch schnell
       diese Lektion fertigmachen!“ Mit der [1][grünen Eule von Duolingo] lernt
       meine Liebste Spanisch. Nichts wäre schlimmer, als den „Streak“ zu
       verpassen, wenn sie mal einen Tag nicht auf die Fragen von Lilly, Junior
       oder Eddy geantwortet hat. Oder einen virtuellen Diamanten für braves
       Lernen zu versäumen. Die Anspannung lässt erst nach, wenn aus dem Handy die
       Fanfare „Dä-dää!“ den Abschluss der Lektion verkündet.
       
       Nichts gegen die lautlosen Schleichjäger. Es hat bestimmt einen Grund, dass
       die Eule für Weisheit steht. Und meine Frau macht wirklich Fortschritte
       beim Spanisch. Sie kann inzwischen sogar fragen, ob es nicht nur einen
       gelben, sondern auch einen roten Rock gibt. Manche Sucht hat ihre guten
       Seiten.
       
       Faszinierend ist aber: Wie es Mitmach-Apps auf dem Handy schaffen, uns mit
       einfachen Tricks zu fesseln: Da wird gelobt, belohnt, erpresst und unter
       Zeitdruck gesetzt, wie man es sich bei den eigenen Kindern nie getraut hat.
       Niedliche Tierchen mit Kulleraugen zwingen uns per Liebesentzug zum
       Weitermachen, dazu lustige Filmchen mit eingängigen Melodien.
       
       Vernünftige Menschen werden zu Sklaven und lassen sich von [2][Fitness-Apps
       rumkommandieren]. Früher sind wir von zuhause ausgezogen, weil unsere
       Mütter uns zum Aufstehen und Spanischlernen nötigten. Heute laden wir uns
       dafür „freiwillig“ eine kostenpflichtige App runter.
       
       ## Echtes Leben im Netz
       
       Das ist natürlich der Untergang des Abendlandes, aber eigentlich auch eine
       Chance: Könnten wir durch Chatten nicht auch mal die Welt retten? Mit einer
       professionell manipulativen App die Menschen nach Klimaschutz,
       Artenvielfalt, Müllbekämpfung, Energiesparen, zu-Fuß-Gehen und
       Lebensmittel-Retten süchtig machen?
       
       Dann könnten die Avatare Carbony und Dioxy uns drängen, die Heizung
       runterzudrehen oder zum Einkaufen zu Fuß zu gehen, um virtuell einen
       kleinen Baum wachsen zu lassen. Den [3][Urlaubsflug in eine Bahnreise
       verwandeln] und die vegane Currywurst nehmen, brächte uns lachende
       Sonnensmileys und virtuelles Schulterklopfen. Aber auch das Schuld-Klopfen
       dürfte nicht fehlen: Der [4][Frustkauf von Fast Fashion] und die Kreuzfahrt
       vor Sansibar würden unseren Score dann aber aus der Himmels-Liga in die
       Fossilhölle bringen: Entsetzte Gesichter voller Klimascham am Bildschirm!
       
       Vielleicht müsste unsere App „WorldSaver“ auch im wahren Leben gar nicht
       wirksam werden. Es könnte ja auch reichen, die Menschen an den mobilen
       Endgeräten zu halten – solange diese mit Ökostrom betrieben werden. Wer mit
       Carbony und Dioxy daddelt, fährt nicht Auto, grillt kein Fleisch und
       [5][schafft nicht den Emissionshandel ab].
       
       Wenn irgendwann die Kreuzfahrt virtuell zu genießen ist und das Testosteron
       beim Sound eines Formel-1-Boliden auch über Datenbrille und Kopfhörer
       ausgeschüttet wird, können wir die Welt da draußen vielleicht endlich in
       Ruhe lassen. Die [6][Natur wird es uns danken], der Ausstoß von
       Treibhausgasen sinken, der Wald sich erholen und die Wölfe, Bären und Elche
       werden Deutschland wieder besiedeln, ohne dass wir es merken. Dann kommt
       mir auch die Duolingo-Eule nicht mehr spanisch vor.
       
       13 Feb 2026
       
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