# taz.de -- Ersatzfreiheitsstrafen belasten Justiz: Weniger Verurteilungen, höhere Kosten
> In Berlin werden immer weniger Menschen verurteilt. Doch die Kosten im
> Justizvollzug steigen weiter. Das liegt auch an den
> Ersatzfreiheitsstrafen.
(IMG) Bild: WIrd immer unbeliebter und kostet viel: Die Justizvollzugsanstalt Tegel
Immer weniger Berliner:innen wandern in den Knast, doch die Kosten für
den Justizvollzug steigen weiter an. Das ergeben die neusten Zahlen der
Justizsenatsverwaltung, die der taz exklusiv vorliegen.
Aus der parlamentarischen Anfrage der SPD-Abgeordneten Sebastian
Schlüsselburg und Jan Lehmann geht hervor, dass vor allem die Zahl der
Verurteilungen in den letzten zwei Jahren deutlich abgenommen hat.
Verhängten die Berliner Gerichte 2023 noch 1.501 Freiheitsstrafen ohne
Bewährung, waren es 2025 nur 909.
Bei den Geldstrafen und Verurteilungen mit Bewährungen ist ein Rückgang von
rund 30 Prozent innerhalb der vergangenen zwei Jahre zu beobachten.
Dementsprechend sank die Zahl der Erstaufnahmen. Waren es 2024 noch 6.019
Insassen, waren es 2025 nur noch 5.144.
Eine finanzielle Entlastung bedeuten die sinkenden Verurteilungen jedoch
nicht. Der Etat des Justizvollzugs stieg in den beiden vergangenen Jahren
kontinuierlich an. 2025 waren es über 300 Millionen Euro. [1][Auch die
durchschnittliche Belegung sank nur leicht:] von 3.644 Insassen 2024 auf
3.597 Insassen im Jahr 2025. Nach wie vor sind 95 Prozent der Inhaftierten
männlich.
## Ineffizientes System
Der scheinbare Widerspruch sei auf ein ineffizientes Justizsystem
zurückzuführen, kritisiert Schlüsselburg „Wenn Verurteilungen deutlich
zurückgehen, die Kosten des Vollzugs aber steigen, dann fehlt es nicht an
Härte, sondern an Steuerung. Ein liberaler Rechtsstaat muss mit weniger
Strafe mehr Wirkung erzielen.“
Schlüsselburg und Lehmann schlagen vor, Alternativen zur Haft konsequenter
zu nutzen. Der größte Hebel dafür dürften die sogenannten
[2][Ersatzfreiheitsstrafen] sein. Menschen, die zum Beispiel mehrmals ohne
ÖPNV-Tickets erwischt wurden und ihre Strafe nicht zahlen können, sitzen
dafür wochenlang ein.
Laut der Anfrage waren 2025 rund 22 Prozent der Erstaufnahmen in Berlin
[3][auf Ersatzfreiheitsstrafen] zurückzuführen. Das ist nicht nur ethisch
fragwürdig, sondern auch ein riesiges Verlustgeschäft für das Land. Ein
durchschnittlicher Hafttag kostete 2024 laut der Anfrage 226,97 Euro.
Rein rechnerisch gab das Land Berlin damit 2025 mindestens 5 Millionen Euro
aus, um Schwarzfahrer:innen zu bestrafen. Es könnten sogar deutlich
mehr sein. Die Senatsverwaltung listet auf, dass weitere 65.870 Tagessätze
durch „Zahlung, Arbeit und Ersatzfreiheitsstrafe“ oder „Zahlung und
Ersatzfreiheitsstrafe“ abgeleistet wurden. Wie viele Tage die Säumigen
davon tatsächlich einsaßen, ist nicht aufgeschlüsselt. Doch geht man von
einem Drittel der Tagessätze aus, wären das rund weitere 5 Millionen Euro
pro Jahr.
## Reformen nötig
Dabei mussten in den beiden Haushaltsjahren 2024 und 2025 schon jeweils
rund 3 Millionen Euro eingespart werden. Zahlreiche
Resozialisierungsprojekte fielen damals dem Rotstift zum Opfer. [4][So muss
das Knasttheater Aufbruch mit 70 Prozent weniger auskommen; der Fortbestand
ist unsicher.]
Schlüsselburg und Lehmann fordern daher, Ersatzfreiheitsstrafen in Zukunft
grundsätzlich im offenen Vollzug zu vollstrecken. Die beiden
SPD-Abgeordneten appellieren dabei an die Justizsenatorin Felor Badenberg
(CDU): „Wenn wir jetzt endlich im neuen Strafvollzugsgesetz die Grundlage
dafür schaffen, muss das auch Realität werden.“
[5][Initiativen wie der Freiheitsfonds,] die sich seit Jahren gegen die
Praxis der Ersatzfreiheitsstrafen einsetzen, fordern hingegen, Delikte wie
das Fahren ohne Fahrschein gänzlich zu entkriminalisieren. Betroffene
müssten dann weder in den offenen noch in den geschlossenen Vollzug.
Eine Abschaffung wäre auch eine spürbare Entlastung für das
Gefängnispersonal. Denn das ist chronisch unterbesetzt, wie die Zahlen
belegen. Laut der Anfrage hat sich der Personalmangel im Vergleich zu 2024
zwar deutlich verbessert, schwankt aber immer noch zwischen 5 und 10
Prozent. Besonders drastisch ist die Unterbesetzung im ärztlichen Dienst:
Statt der vorgesehen 35 Ärzt:innen arbeiten nur 23 im Justizvollzug.
8 Feb 2026
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## AUTOREN
(DIR) Jonas Wahmkow
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