# taz.de -- Die Wahrheit: Eldorado an der Emscher
> Seit dem Rekordraub in einer Gelsenkirchener Sparkasse gilt der Ruhrpott
> als unermesslich reich.
(IMG) Bild: Nur Eingeweihte kannten den geheimen Eingang zur Gelsenkirchener Schatzkammer
„Dann zählen Sie halt noch einmal! Wir lassen uns doch nicht vom Ruhrgebiet
deklassieren“, brüllt Sparkassenleiter Rupert Happinger und wirft einen
Goldbarren nach seinem Mitarbeiter, der im Tresorraum der Starnberger
Filiale vor einem Haufen Bargeld, Schmuck und anderen Wertsachen sitzt. Mit
einem Spezialbohrer ist der Sparkassenvorsteher durch die Tiefgarage in
seine eigene Bank eingebrochen und hat die Schließfächer sämtlicher Kunden
ausleeren lassen, um sich einen Überblick über den Inhalt zu verschaffen.
„Es geht um den guten Ruf unseres Instituts“, rechtfertigt der Filialleiter
die schwer illegale Maßnahme im Spartempel an Bayerns teuerstem Seeufer.
„Vor allem geht es um den Rang Starnbergs als wohlhabendste Gemeinde
Deutschlands auf der nach oben offenen Krösus-Skala“, ergänzt der
CSU-Landrat, der den Einbruch angeordnet hat. Doch auch nach dem zweiten
Zählvorgang bleibt das Ergebnis enttäuschend. „Sogar wenn ich Falschgeld,
Koksbriefchen und Schokotaler mitzähle, komme ich bloß auf schnöde 99
Millionen Euro“, flüstert der Mitarbeiter. Gerade noch kann er seinen
fassungslosen Chef davon abhalten, sich vor Scham den goldenen Brieföffner
aus Fach 786 in den Leib zu rammen.
Seit dem spektakulären Einbruch im Gelsenkirchener Finanzinstitut an den
Weihnachtsfeiertagen herrscht Unruhe in der hiesigen Vermögensbranche. In
einer Sparkassenbaracke der als bettelarm verrufenen Ruhrgebietsstadt
leerten bislang unbekannte Diebe rund 3.200 Schließfächer, erbeuteten dabei
aber offenbar die sagenhafte Summe von 100 Millionen Euro. Auch wenn der
betroffene Gelsenkirchener Stadtteil Buer als vergleichsweise bürgerlich
gilt, hätten nicht einmal hartgesottene Lokalpatrioten dem proletarischen
Pott solche Finanzkraft zugetraut. Als bürgerlich gilt in Gelsenkirchen
allerdings schon, wer Pils aus dem Glas trinkt.
„Jahrzehntelang hat uns das Ruhrgebiet mit seiner ehrlichen Armut
belästigt“, macht der bayerische Landrat seinem Ärger Luft. „Und jetzt
stellt sich heraus, dass diese hinterfotzigen Malocher reicher sind als
halbseidene Erben, die in ihrem Leben nie einen Finger krumm gemacht haben.
Wo bleibt da die gesellschaftliche Gerechtigkeit?“
## Bonanza unter Zechentürmen
Auch in der nordrhein-westfälischen Zwangsgemeinschaft weckt die
überraschende Ruhrpott-Bonanza Begehrlichkeiten. Die
Ausschuss-Sondersitzung des Landtags, bei der NRW-Innenminister Herbert
Reul über den Stand der Ermittlungen aufklären sollte, geriet zum Tribunal.
„Offenbar ist den Kumpeln doch nicht die Kohle ausgegangen“, ätzte der
letzte in freier Wildbahn lebende FDP-Abgeordnete der bis über beide Ohren
verschnöselten Landeshauptstadt und forderte Reparationen für notleidende
Nobelboutiquen auf der Düsseldorfer Königsallee. Das Rheinland möchte vom
Ruhrgebiet ein jährliches „Sondervermögen Karneval“ bewilligt wissen und
die pekuniäre Millionenstadt Münster plant, die Pleitegeier aus Oberhausen
und Gladbeck wegen Insolvenzvortäuschung zu verklagen. Ostwestfalen will
gar eigene Truppen entsenden, um im Ruhrgebiet Stadtkassen zu plündern und
Legionsadler zu rauben.
Nachdem im verwüsteten Gelsenkirchener Tresorraum auch noch ein Goldnugget
gefunden wurde, machen sich Abenteurer aus aller Herren Bundesländer auf,
um in der gottverlassenen Region ihr Glück zu finden. Erstmals seit dem
letzten Schimanski-Dreh herrscht wieder geschäftiges Treiben unter den
bröckelnden Zechentürmen. Immer neue Goldsucher-Camps entstehen in den halb
verlassenen Fußgängerzonen. In den Dönerbuden, Wettbüros und Ein-Euro-Läden
der Einheimischen tummeln sich neuerdings raubeinige Fremde, die seltsame
Gebräuche oder sogar Besteck mitbringen.
## Goldwäscher am Rhein-Herne-Kanal
Mit ihnen sind auch Hammerklang und Maschinendröhnen in die Arbeiterstädte
zurückgekehrt: Raubgräber aus Thüringen haben den heiligen Rasen der Arena
auf Schalke aufgerissen, weil sie darunter den Schatz des entrückten
Präsidenten Günter Eichberg vermuten. Am Rhein-Herne-Kanal stehen Sylter
Goldwäscher, um aus der Kloake vergeblich Spuren des Edelmetalls zu sieben.
Sächsische Schriftgelehrte durchforsten die unverständliche Lyrik Herbert
Grönemeyers nach geheimen Hinweisen auf versteckte Silberhorte oder das
ständig beknödelte „Grubengold“. Irgendwo muss die Patte ja versteckt sein,
glauben sogar Saarländer Mineure, die das Siegel der verfluchten Zeche
Auguste Victoria gebrochen haben, um die Grablege des letzten
sozialdemokratischen Pharaos Johannes Amenophis Rau zu finden.
Hartnäckig hält sich außerdem das Gerücht, besonders klein geratene
Ruhrpottler besäßen Töpfe voller Gold. Doch wer den kurzbeinigen, aber
flinken Wesen bis zum Ende des Regenbogens zu folgen versucht, landet
unweigerlich in einer Wattenscheider Trinkhalle, aus der es kein Entrinnen
gibt. Bislang ist es jedenfalls keinem der Schatzsucher gelungen, das
Eldorado an der Emscher zu finden.
## Gelsenkirchener Barock in neuer Blüte
In der Luxusenklave am Starnberger See stellt man sich trotzdem auf
zahlungskräftige Kundschaft aus dem Ruhrgebiet ein. Die Superreichen aus
dem Westen sollen die von Sanktionen vergraulten Superreichen aus dem Osten
ersetzen. „Schlimmer wie die Russen können’s a net sein“, glaubt ein
Nobelgastwirt. Auf seiner Karte hat er Blinis und Kaviar längst gegen
Currywurst und Pommes Schranke getauscht. Die Villa des Thai-Königs Maha
Vajiralonkorn wird im Stil des Gelsenkirchener Barocks renoviert, an der
Tutzinger Volkshochschule pauken einheimische Servicekräfte Ruhrdeutsch in
den Modulen „Hömma! (für Anfänger)“ und „Kumma! (für Fortgeschrittene)“.
Ministerpräsident Markus Söder trägt bei öffentlichen Auftritten neuerdings
Arschleder und singt das Steigerlied in fränkischem Dialekt. Außerdem hat
der CSU-Chef dem Sparkassenleiter Rupert Happinger und seinen Kunden ein
Ultimatum gestellt. Wenn die Million, die noch fehlt, um mit der
Ruhrpott-Beute wenigstens gleich zu ziehen, nicht bis Monatsende in den
Schließfächern der Starnberger Filiale auftaucht, will er der
Gelsenkirchener SPD beitreten und dort Schatzmeister werden. Glück auf!
19 Jan 2026
## AUTOREN
(DIR) Christian Bartel
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