# taz.de -- Die Wahrheit: Die vier Reittherapeuten der Apokalypse
> Mit Hilfe eines US-Milliardärs hat der Antichrist ein beeindruckendes
> Comeback hingelegt – ausgerechnet in Lüdenscheid.
Der Antichrist sieht müde aus, aber er lächelt, als er uns Kaffee
einschenkt. „Das Abendland geht nicht von alleine unter, auch wenn manche
Herrschaften das glauben“, seufzt der Widersacher der Menschheit. „Das
Ausbringen der bösen Saat ist Handarbeit.“
Und so quält sich die steinalte Entität jeden Morgen zum Klang der ersten
Posaune aus dem Bett, das überraschenderweise in Lüdenscheid steht. Doch
der Antichrist wohnt gern in der westdeutschen Provinz. „Besonders an
trüben Tagen erinnert mich die Landschaft an Gehenna“, beschwört der
melancholische Erzschelm den höllischen Ort herauf, an dem laut Evangelist
Markus „der Wurm nicht stirbt und das Feuer nicht erlischt“. In diesem
grauenhaften Abgrund wurden die verdammten Seelen gemartert. „Ganz wie im
Sauerland“, scherzt der altböse Feind, der das erstaunlichste Comeback des
abgelaufenen Jahres vorweisen kann.
Seit Äonen bewohnt der Antichrist die Einliegerwohnung im Souterrain eines
Mehrfamilienhauses. Unter Nachbarn gilt der kosmische Tyrann als höflicher,
aber unauffälliger Zeitgenosse. „Die Miete zahlt er immer pünktlich“, weiß
der Vermieter zu berichten. „Ich darf sogar Haustiere halten“, erzählt der
Antichrist und stellt dem Tier mit zehn Hörnern und sieben Köpfen ein
Näpfchen Katzenfutter hin. „Selbst lebe ich aber vegan“, lispelt der
Antichrist scheu. Das neu erwachte Medieninteresse ist der Personifizierung
des Bösen eher unangenehm.
Kein Wunder, in den vergangenen Jahrhunderten war es still geworden um den
Gegenspieler Christi. Zuletzt musste sich der Altstar der Eschatologie als
Nebendarsteller in der Popkultur verdingen. „Ich durfte immer mal wieder
ein Metal-Album inspirieren oder in einer ulkigen Lars-von-Trier-Klamotte
mitspielen, aber davon kann man ja nicht leben“, gibt der Endzeitfürst zu.
## Treue ohne Gewinn
Auch die wenigen Liveauftritte vor einer Handvoll Satanisten, die ihrem
Meister neben hartgesottenen Bibel-Fundamentalisten die Treue hielten,
warfen kaum noch Gewinn ab. Auf ein nahrhaftes Menschenopfer wagte der
Antichrist längst nicht mehr zu hoffen, nur hin und wieder ritzte sich ein
jugendlicher Fan die Pulsadern auf oder pfählte seinen Hamster.
„Nicht einmal katholische Theologen wollten in der Öffentlichkeit mit mir
gesehen werden, beruflich war ich seit der Aufklärung so gut wie erledigt.“
Wie die Vier-Säfte-Lehre, das geozentrische Weltbild oder Impro-Theater
galt die Vorstellung von Harmagedon im Zeitalter der Moderne als alberner
Spinnkram.
„Ich musste sämtliches Personal entlassen“, bekennt der Antichrist, der
einst über Heuschreckenschwärme und Heerscharen von Dämonen gebot. Den
Kontakt zu ehemaligen Mitarbeitern ließ er in diabolischer Voraussicht aber
nie abreißen. Sie alle wohnen in der Nähe. Die Hure Babylon betreibt einen
Tretbotverleih am Möhnesee, die vier apokalyptischen Reiter arbeiten als
Pferdetherapeuten mit Shetlandponys auf einem Hof bei Finnentrop.
„Wir haben schließlich einen Auftrag von Gott, wir müssen irgendwann die
Band wieder zusammenbringen“, glaubt der Widersacher der Christenheit, ohne
den der Herr beim Staffelfinale der Menschheit kein Jüngstes Gericht halten
kann.
Doch seit letztem Jahr darf sich der Antichrist über den Beistand einer
noch höheren Macht freuen. Tech-Milliardär und Überwachungsfetischist Peter
Thiel hat einen Narren an dem biblischen Bösewicht gefressen und den
uralten Schmonzes vom Antichrist in seinen wirren Vorträgen wieder
salonfahig gemacht. Prompt werden die ketamininduzierten Hirnfürze des
übergeschnappten Krösus auch in deutschen Feuilletons als sinnvoller
Debattenbeitrag durchgekaut. „Ich bin selber erstaunt, dass ich im 21.
Jahrhundert ernsthaft diskutiert werde“, bekennt der bescheidene
Weltenvernichter.
Doch hat der paläolibertäre Knallkopf dem Antichrist eine reichlich
ungewohnte Rolle auf den schuppigen Leib geschrieben. „Dass ich Greta
Thunberg und Eliezer Yudkowsky als Vorboten beschäftige, konnte ich zuerst
nicht glauben. Den KI-Kritiker musste ich erst googeln.“
Ferner fremdelt die Bestie, die zur sechsten Posaune ein Drittel der
Menschheit mit Feuer, Rauch und Schwefel vernichten wird, mit ihrer Rolle
als woker Chefbürokrat einer UN-Weltregierung, der die Menschheit mit
Steuern, Klimagesetzen und Tech-Regularien kasteit, statt sie einfach in
den Feuersee zu schmeißen. „Darauf hatte ich mich am meisten gefreut“,
schmollt der erzböse Lindwurm. Die UN wollen dem Antichrist bislang nicht
einmal eigene Büroräume zur Verfügung stellen.
„Auch dass ich Harmagedon plötzlich mit Diversity-Programmen herbeiführen
soll, kam für mich unerwartet. Da musste ich mich erst einarbeiten“, seufzt
der Antichrist.
## Drangsal der Vielfalt
Trotz aller Widrigkeiten hat sich der altgediente Bösnickel ein
beachtliches Tagespensum auferlegt, um die große Drangsal der Vielfalt zu
verbreiten. „Dann wollen wir mal die Kelter des Zornes Gottes treten“, sagt
der wackere Widerchrist, trinkt den Kaffee aus und verschwindet im Nebel
des Lüdenscheider Morgens. Zur Erbauung überlässt er uns eine signierte
Erstausgabe der Johannes-Offenbarung, aber es bleibt uns ein Buch mit
sieben Siegeln.
Als wir den Menschheitsfeind abends wiedertreffen, hat er eine
beeindruckende Liste von Teufeleien abgearbeitet. Morgens hat er
Vorschulkinder mit Sexualerziehung verdorben, dann die göttliche Ordnung
mit einer Inklusionsklasse gestört, in der Mittagspause den Herrn mit einer
Petition zur Vermögensteuer gelästert, um ihn nachmittags mit Workshops zur
Klimakrise zu erzürnen, bevor er abends dem Charity-Event für ein
unterfinanziertes Frauenhaus die Höllenpforte öffnete.
„Ich habe mich lange machtlos gefühlt“, erzählt der hundemüde Widerpart,
als er die wehen Füße endlich auf die Bundeslade legen darf. „Aber seit ich
mich gemeinsam mit Gleichgesinnten für das Böse engagiere, sehe ich wieder
eine Zukunft.“
Basisdemokratisch und diskriminierungsfrei will der Agent Satans die
Menschheit jeden Tag ein wenig mehr verderben, bis er die apokalyptischen
Reittherapeuten aus Finnentrop auf ihren Shetlandponys zum großen Finale
ruft. „Hand in Hand, Schritt für Schritt, solidarisch der Apokalypse
entgegen“, formuliert der Antichrist nicht ohne Pathos, dann schläft das
Böse zufrieden auf dem Sofa ein, während das scharlachrote Tier behaglich
auf seinem Schoß schnurrt.
31 Dec 2025
## AUTOREN
(DIR) Christian Bartel
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