# taz.de -- Gasbohrungen vor Borkum: Der Ministerpräsident und die Gas-Lobby
> Neue Runde im Tauziehen um die Bohrungen vor Borkum: Umweltverbände
> werfen Olaf Lies (SPD) vor, sich mit dem Gasförderer gemeinzumachen.
(IMG) Bild: Schnell weg: Olaf Lies, damals noch Wirtschaftsminister in Niedersachsen, im Mai 2023 mit E-Scooter vor Plakaten von Greenpeace
Es sind schwere Vorwürfe, die [1][die Deutsche Umwelthilfe (DUH) erhebt]:
Von einer „engen Verflechtung“ zwischen dem niedersächsischen
Ministerpräsidenten Olaf Lies (SPD) und dem niederländischen Gaskonzern
One-Dyas ist die Rede. Von zahlreichen Treffen und Briefen. Es geht einmal
mehr um die umstrittenen Gasbohrungen vor der Küste Borkums.
Schon im Dezember sickerte durch, dass Lies bei seinem Parteigenossen,
Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD), interveniert hatte, um eine
Verschärfung der Meeresschutzgesetzgebung zu verhindern. Lies bezeichnete
dessen Gesetzentwurf als „übereilt“, da dieser ein falsches Signal sende
und die Belange der Wirtschaft und die Versorgungssicherheit nicht
hinreichend berücksichtige.
In diesem Schreiben fällt ein Satz, der Lies von der DUH nun besonders
angekreidet wird: „Die One-Dyas B.V. hat bei der Investitionsentscheidung
von rund 500 Mio. EUR auf die bestehende deutsche Rechtslage vertraut.“
Constantin Zerger, Leiter des Bereichs Energie und Klimaschutz bei der DUH,
ist der Meinung, dass Lies hier bewusst Angst vor angeblich horrenden
Entschädigungssummen schürt, um das Gesetz im Sinne von One-Dyas
auszubremsen. Ein Gutachten seiner eigenen Beamten zeige jedoch, dass das
Kostenrisiko für Niedersachsen erheblich niedriger sei. Das von der DUH
gleich mit veröffentlichte Papier kalkuliert es auf 2 bis 17 Millionen
Euro.
## Lies hat in dieser Frage eine 180-Grad-Kehrtwende vollzogen
Für viele Umweltverbände – neben der DUH trommeln vor allem der BUND,
Greenpeace und Fridays for Future seit vier Jahren unermüdlich gegen das
Projekt – passt das ins Bild. Tatsächlich hat sich Olaf Lies’ Position in
den vergangenen Jahren um 180 Grad gedreht.
Als das niederländische Unternehmen One-Dyas 2020 plante, von einer
Plattform auf niederländischem Gebiet aus über Querbohrungen das Erdgasfeld
auch im deutschen Teil des Wattenmeeres anzuzapfen, war Olaf Lies noch
Umweltminister. Er bezeichnete das Vorhaben damals ziemlich umgehend als
„widersinnig“, da es den Klimaschutzzielen widerspreche und den wertvollen
Nationalpark Wattenmeer gefährde.
Das war allerdings vor dem Angriff Russlands auf die Ukraine und der daraus
resultierenden Gasmangellage. Vor dem Hintergrund dieser Ereignisse war
Lies nicht der Einzige, der seine Bewertung änderte. Auch der
niedersächsische Landtag revidierte seinen Beschluss, keine Öl- und
Gasbohrungen im Wattenmeer mehr zuzulassen.
2022 wechselte Lies wieder ins Wirtschaftsministerium und zog sich
zunehmend auf die Argumentation zurück, kaum politischen Ermessensspielraum
zu haben. Laut Bundesbergbaurecht sei ein solches Projekt zu genehmigen,
sofern keine anderslautenden Gesetze dem entgegenstünden. Die Umweltrisiken
sollten durch Auflagen und ein engmaschiges Monitoring beherrschbar sein.
## Widerstand gibt es fast nur noch da, wo Grüne mitregieren
Doch diese Kehrtwende [2][überzeugt weder die Umweltverbände noch viele der
betroffenen Inselbewohner]. Sie fürchten nach wie vor irreparable
ökologische Schäden und den Verlust des Unesco-Weltkulturerbe-Titels für
das Wattenmeer.
Und das bei einem vergleichsweise geringen Ertrag: Selbst die
optimistischen Prognosen des Förderunternehmens gehen davon aus, dass nur
etwa drei Prozent des deutschen Gasbedarfs gedeckt werden können.
„Das ist es nicht wert“, glaubt auch Susanne Gerstner, Landesvorsitzende
des BUND in Niedersachsen. Sie hofft, dass am Ende der Bundesrat das
Schlimmste verhindert. Denn dieser muss voraussichtlich im März das
Unitarisierungsabkommen ratifizieren, mit dem die Aufteilung der Erträge
und die Aufsicht über das Gasfeld zwischen den Niederlanden und Deutschland
vertraglich geregelt werden.
[3][Eine erste Befassung im Dezember] hatten die Bundesländer verhindert,
in denen die Grünen mitregieren, sowie das rot-rote Mecklenburg-Vorpommern.
Auch in Niedersachsen hat sich Umweltminister Christian Meyer (Grüne) immer
wieder sehr deutlich gegen das Bohrprojekt ausgesprochen.
Er hält es für überflüssig, weil der Gasbedarf derzeit problemlos aus
anderen Quellen gedeckt werden könne – und langfristig sowieso zurückgehen
werde, je weiter der Ausstieg aus fossilen Energien und der Umstieg auf
regenerative Energien voranschreite.
## Zeit läuft davon, Bohrungen könnten bald starten
Die Befürworter des Projekts argumentieren, dass die heimische
Gasproduktion erheblich umweltfreundlicher und klimaschonender sei als
beispielsweise aus den USA importiertes LNG, das häufig Fracking-Gas ist.
Als „Brückentechnologie“ sei es vor allem für den Ausstieg aus der Kohle
noch bis mindestens 2045 nötig.
Den Gegnern läuft die Zeit davon. Zwar laufen noch diverse Klagen, doch die
Landesbergbaubehörde hat einen sogenannten Sofortvollzug des
Planfeststellungsbeschlusses angeordnet. Das bedeutet, dass One-Dyas mit
seinen Bohrungen beginnen kann; die Klagen haben keine aufschiebende
Wirkung mehr. Diese Anordnung hat das Oberverwaltungsgericht Lüneburg Ende
Januar noch einmal bestätigt.
Die Hoffnung der Umweltschützer ruhen nun im Wesentlichen auf dem Bundesrat
– dessen Zusammensetzung sich im Zuge der kommenden Landtagswahlen ja aber
auch noch ändern wird.
3 Feb 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.duh.de/presse/pressemitteilungen/pressemitteilung/deutsche-umwelthilfe-veroeffentlicht-interne-dokumente-zur-engen-verflechtung-zwischen-olaf-lies-und/
(DIR) [2] /Gasbohrungen-in-der-Nordsee/!6139728
(DIR) [3] /Gasfoerderung-in-der-Nordsee/!6139962
## AUTOREN
(DIR) Nadine Conti
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