# taz.de -- Kampf gegen Gasförderung in der Nordsee: Nett hier. Aber waren Sie schon mal auf Borkum?
> Für Klimabewegung und Grüne ist erstmals seit langem wieder ein
> gemeinsamer Erfolg in Sicht. Wären da nicht die Landtagswahlen im
> Südwesten.
(IMG) Bild: Watt denn jetzt, Grüne? Proteste gegen die Gasförderung in der Nordsee am Weststrand von Borkum
Es passt alles in diesem Konflikt: ein Konzern als Gegner, eine
Bevölkerung, die sich um ihre Insel sorgt und eine Bohrplattform, die vom
Nordseestrand zu sehen ist. „Borkum ist eines der wichtigsten Projekte, das
wir im Moment haben“, sagt [1][Nele Evers, 21, bei Fridays for Future
verantwortlich für die Gasproteste.] „Hier wird der Kampf gegen die
Fossilen ganz konkret.“
Bewegungen brauchen Orte, die als Symbol taugen. Das war schon bei den
AKW-Protesten so: Wyhl, Wackersdorf, Gorleben. Die Klimabewegung konnte
zuletzt mit Lützerath mobilisieren, dem Dorf im Rheinland, das Kohlebaggern
im Weg stand. Den Kampf dort verloren die Aktivist*innen am Ende
jedoch, [2][aus ihrer Sicht, weil ihnen die Grünen als Regierungspartei in
den Rücken fielen.]
Drei Jahre später bietet ihnen Borkum die Chance, nach einer langen
Durststrecke endlich wieder etwas zu bewirken – mithilfe der Grünen. Im
Bundesrat, der ein letztes Wort mitzureden hat, hat die Partei noch ein
bisschen Macht. Diesmal will sie an der Seite der Bewegung stehen.
Aber stehen im entscheidenden Moment wirklich alle Grünen? Und stellen sie
dann überhaupt noch genügend Mitglieder im Bundesrat? Die Landtagswahlen im
März könnten die Mehrheitsverhältnisse verändern. Die Zukunft von Borkum,
das zu Niedersachsen gehört, könnte sich in Baden-Württemberg und
Rheinland-Pfalz entscheiden.
## Erdgas mit Ökostrom
Der Konflikt dreht sich um das Erdgasfeld „N05-A“, das 20 Kilometer vor
Borkum unter dem Meeresboden liegt. Es befindet sich teils auf
niederländischem und teils auf deutschem Hoheitsgebiet. Der Energiekonzern
One-Dyas wollte dort schon lange Gas fördern. Als 2022 der Ukrainekrieg
begann und Russland kein Gas mehr lieferte, machte die damalige
rot-schwarze Landesregierung in Hannover den Weg frei. Die Grünen vor Ort
protestieren, die im Bund hatten aber gerade Wichtigeres zu tun: den Bau
von LNG-Terminals und die Suche nach Lieferanten im Ausland.
Juristisch wurden die Gasbohrungen angefochten. Zuletzt klagte die Deutsche
Umwelthilfe dagegen, dass One-Dyas ein Seekabel durch geschützte Riffe
verlegt, um die Förderinsel mit Strom eines nahen Offshore-Windparks zu
versorgen. Erfolg hatte sie nicht. Andere Verfahren laufen noch, aber vor
Ort darf One-Dyas Tatsachen schaffen.
Die Plattform steht und die Gasförderung hat nach Unternehmensangaben
begonnen. Ein Liefervertrag wurde mit dem deutschen Energiekonzern EWE
geschlossen, der Kund*innen in großen Teilen Norddeutschlands versorgt.
Die Unternehmen preisen ihr Gas als ökologisch wertvoll an. Verglichen mit
Flüssigerdgas aus den USA setze die Förderung kaum Treibhausgase frei.
## Einer der letzten Hebel
Kritiker*innen halten dagegen, es sei widersinnig, mit Windenergie noch
mehr Fossile zu fördern, statt sie dadurch zu ersetzen. Greenpeace führt in
einem Gutachten an, es verstoße gegen Völkerrecht und Grundgesetz, neue
Gasprojekte zu realisieren. Andere argumentieren mit Gefahren für das
Wattenmeer, mit möglichen Havarien und Erdbeben. Auf Borkum hat man Sorge,
dass der Tourismus leidet.
Gegen das Projekt bleiben aber nur noch wenige Hebel. Die Entscheidung im
Bundesrat ist einer der letzten. Es geht um das Unitarisierungsabkommen,
einen Vertrag, den die Bundesregierung mit den Niederlanden geschlossen
hat. Er soll laut Wirtschaftsministerium den Rechtsrahmen für die Förderung
im Grenzgebiet schaffen. Auf Regierungsebene ist er schon unterschrieben.
Als Nächstes muss ihn der Bundestag absegnen, wobei die Koalitionsmehrheit
sicher scheint. Danach ist der Bundesrat dran.
Was genau daraus folgt, wenn er Nein sagt, ist umstritten. Das
niedersächsische Umweltministerium, jetzt grün geführt, schreibt auf
Anfrage: „Ohne das Abkommen kann das geförderte Gas nicht genutzt werden.“
Umgekehrt würde es mit dem Abkommen leichter, künftig weitere Gasfelder
neben N05-A anzubohren – woran One-Dyas arbeitet. Der Konzern antwortet auf
die gleiche Frage, das Abkommen berühre „nicht die Gasproduktion selbst“.
Auch auf künftige Pläne wirke es sich nicht aus. Möglich also, dass sich
mit den tatsächlichen Konsequenzen erneut die Gerichte beschäftigten
müssten. Für die Gegner*innen wäre aber schon das besser als nichts.
## Chance auf neues Vertrauen
NGOs und Fridays for Future spitzen den Konflikt seit Monaten auf die Frage
zu, ob das Abkommen durchkommt. Mit der Zeit brachten sie das Thema so auch
überregional auf die Tagesordnung der Grünen. Der Partei bietet es nicht
zuletzt eine Chance, nach den Ampeljahren das Vertrauen der
Klimaschützer*innen zurückzugewinnen – und das der
Naturschützer*innen gleich mit.
Für den Parteitag im Herbst gab es einen Antrag gegen die Gasförderung.
Manche Regierende aus den Ländern sahen ihn kritisch. Nach langen
Gesprächen schrieben die Delegierten aber fest, dass sie das Abkommen
ablehnen. Die sieben Umweltminister*innen, die die Grünen stellen,
[3][kündigten ihr Nein im Bundesrat an.]
An der Stelle beginnt das Rechnen: Entfallen im Bundesrat 35 Stimmen auf
Nein oder Enthaltung, scheitert das Abkommen. Die Länder mit grüner
Regierungsbeteiligung haben zusammen nur 32. Aber auch die Linke ist gegen
die Gasförderung und könnte durch ihre Regierungsbeteiligung in
Mecklenburg-Vorpommern die entscheidenden drei Stimmen bringen. Fliegen die
Grünen jedoch in Rheinland-Pfalz aus der Regierung, sind vier wieder weg.
Verlieren sie auch Baden-Württemberg, fehlen weitere sechs. Für ein Veto
sieht es dann schlecht aus.
## Rheinland-Pfalz ist deutlich
Viele der Gas-Gegner*innen hoffen daher, dass der Bundestag schnell
entscheidet und der Bundesrat an der Reihe ist, bevor in den Ländern neue
Regierungen stehen. Zu schnell sollte es aber auch nicht gehen: Stimmt der
Bundestag schon nächste Woche zu, ist der Bundesrat in seiner nächsten
Sitzung am 6. März dran – zwei Wochen vor der Wahl in Rheinland-Pfalz und
zwei Tage vor Baden-Württemberg.
Zählt dann für alle Grünen der Beschluss des Parteitags? Oder zieht eher
die Angst vor dem Vorwurf, die Grünen riskierten die nächste Energiekrise,
weil sie Deutschland trotz Trump abhängig von US-Gas machen?
Für die Grünen in Rheinland-Pfalz stellt sich die Frage nicht.
Spitzenkandidatin ist Umweltministerin Katrin Eder. Sie sagt: „Wir werden
uns dafür einsetzen, dass Rheinland-Pfalz im Bundesrat nicht zustimmt.“ Ihr
Landesverband liegt in Umfragen bei 10 Prozent und muss
Stammwähler*innen mobilisieren. Ein Klima-Votum hilft da eher.
## Zweifel bei den Fridays
Aber Baden-Württemberg, wo es im Zweikampf mit der CDU stärker um die Mitte
geht? Auch hier bleibt Umweltministerin Thekla Walker beim Bekenntnis vom
Parteitag. Ihr Ministerium macht keinen Hehl daraus, dass man das Abkommen
am liebsten ablehnen möchte. Walker hat Einfluss: Bleiben die Grünen in der
Regierung, ist sie eine der ersten Kandidat*innen fürs Kabinett.
Dagegen legt sich das Staatsministerium von Ministerpräsident Winfried
Kretschmann auf Anfrage noch nicht fest: Über Voten im Bundesrat werde im
Kabinett entschieden, wenn es soweit ist.
Und vielleicht hat das wirklich noch Zeit: Aus dem Parlament heißt es, dass
der Bundestag schon nächste Woche abstimmt, sei nicht die wahrscheinlichste
Variante. Entsprechend könnte es für den Bundesrat auch erst in seiner
übernächsten Sitzung Ende März ernst werden. Die alten Landesregierungen
amtieren dann noch geschäftsführend, müssen aber keine Rücksicht mehr auf
den Wahlkampf mehr nehmen. Und dann ist doch alles klar?
Zumindest in der Klimabewegung verlässt man sich darauf nicht. „Es wäre
fatal für die Grünen, wenn eins ihrer Länder aus der Reihe tanzt. Es geht
dabei um ihre Glaubwürdigkeit – wir haben schließlich Erfahrungen wie
Lützerath gemacht“, sagt Nele Evers, die Fridays-Aktivistin.
Sicherheitshalber werde man bis zur Abstimmung noch viele Gespräche mit der
Politik führen. Nicht nur mit den Grünen.
21 Feb 2026
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