# taz.de -- Die Epstein Files und die Moral: Das hat Pizzagate-Potenzial
> Die Epstein Files symbolisieren ein neofeudales Zeitalter. Und das
> braucht keinen Marquis de Sade, es hat Jeffrey Epstein und seine
> Getreuen.
(IMG) Bild: Die Abgründe sind tief – was wird aus der Wahrheit?
Adam Smith war der Moralphilosoph, der den modernen Kapitalismus mit
erfand. In seinem Hauptwerk „Theory of Moral Sentiments“ aus dem Jahr 1759
schrieb er: „Die große Quelle sowohl des Elends als auch der Unruhen im
menschlichen Leben scheint darin zu liegen, dass man den Unterschied
zwischen einer dauerhaften Situation und einer anderen überbewertet. Die
Habgier überbewertet den Unterschied zwischen Armut und Reichtum, der
Ehrgeiz den zwischen einer privaten und einer öffentlichen Stellung, die
Eitelkeit den zwischen Unbekanntheit und großem Ansehen. Wer unter dem
Einfluss einer dieser übertriebenen Leidenschaften steht, ist nicht nur in
seiner tatsächlichen Situation unglücklich, sondern neigt oft dazu, den
Frieden der Gesellschaft zu stören, um das zu erreichen, was er so töricht
bewundert.“
Der Kapitalismus kann nach Smiths zweitem Hauptwerk, „An Inquiry into the
Nature and Causes of the Wealth of Nations“, erschienen im Jahr der
amerikanischen Unabhängigkeitserklärung vor genau 250 Jahren, daher als ein
System der Moral gesehen werden. Die Gesellschaft, die er schafft, muss
sich an der Frage messen lassen, wessen „übertriebene Leidenschaften“
Menschen dazu treiben, den Frieden anderer zu stören.
[1][Virginia Giuffre etwa, die sich am 25. April 2025 umbrachte], ein paar
Monate bevor ihr Buch „Nobody’s Girl“ erschien, in dem sie unter anderem
davon berichtet, wie sie im Jahr 2001 in Donald Trumps Spukschloss
Mar-a-Lago von dem stets befriedigt grinsenden Jeffrey Epstein und seiner
Gespielin Ghislaine Maxwell entdeckt wurde. Sie war das richtige Material,
jung, hübsch, gefährdet. Das erste Verhältnis hatte sie mit [2][Andrew, dem
jüngeren Bruder des britischen Königs Charles III.], einem Aschenputtel des
neoliberalen Zeitalters.
Denn das Vierteljahrhundert, das die Epstein-Saga umfasst, diese sich mit
immer neuen E-Mails und Fotos von barfüßigen Milliardären in Bermudashorts
entfaltende Schauergeschichte einer [3][verkommenen Elite von Adel, Geld,
Politik und Tech], ist das Vierteljahrhundert, in dem die Lehre von Adam
Smith endgültig zur Ideologie pervertiert wurde.
Die Lässigkeit, mit der all die, die mit dem verurteilten Sexverbrecher
Epstein verkehrten, die Legalität oder eben Illegalität seiner Taten
wegwischten und wegwischen, bleibt frappierend. Was also ist im Kern die
Geschichte der Epstein Files, die wie der Rohstoff eines Romans im
Tiktok-Zeitalter in millionenfach zerhackten E-Mails der Mächtigen und der
Unmoralischen erscheinen?
Ist es die Frage, welchen Einfluss Jeffrey Epstein, dessen Reichtum immer
noch schwer erklärbar ist (Erpressung steht als Verdacht im Raum), auf die
Männer hatte, die sich ihm so in Freundschaft und Liebe, wie sie
bekundeten, zuwandten? Oder ist es die Frage, in welcher Welt diese Männer
lebten, dass sie dachten, sie könnten tun und lassen, was sie wollten?
Wir brauchen eine moralische Revolution, sagte neulich der niederländische
Historiker Rutger Bregman in den vier Vorträgen, die er für die BBC hielt –
die Insel Little Saint James von Jeffrey Epstein wäre demnach so etwas wie
das Versailles eines Sonnenkönigs im virtuellen Zeitalter, wo Männer, die
eine immer spekulativere und irrealere Welt bauten, sehr reale Verbrechen
begangen. Es sind Männer wie Leon Black, der mit seiner
Private-Equity-Firma Apollo Global Management Milliarden machte, Bill
Clinton oder der heutige Handelsminister von Donald Trump, Harold Lutnick,
der Kontakt zu Epstein hielt, lange nach dessen Verurteilung 2006.
Diese Verurteilung war „der Deal seines Lebens“, wie es der Miami Herald
nannte: Epstein war wegen organisiertem Sex mit zum Teil 14 Jahre alten
Mädchen und Frauen angeklagt und kam mit 13 Monaten Gefängnis nicht nur
sehr milde davon – der Deal schloss im Grunde künftige Ermittlungen aus und
sollte vor den beschuldigenden Frauen verheimlicht werden. Der Mann, der
den Deal aushandelte, Alex Acosta, war Arbeitsminister im ersten Kabinett
von Donald Trump.
Auch Paranoiker haben Feinde, so heißt es. Auch wüste Verschwörungstheorien
können eine Verbindung zur Wahrheit haben, könnte man ergänzen. Die
Enthüllungen über die Beziehungen von Donald Trump, Elon Musk, Richard
Branson, Bill Gates, mächtigen anderen Männern aus der Finanzwelt oder
doppelgesichtigen Schlüsselfiguren dieses Zeitalters wie Peter Mandelson,
der die britische Labour-Partei in den neunziger Jahren auf neoliberalen
Kurs brachte, reichen zurück in die Zeit, in der die Post-Truth-Welt, in
der wir heute leben, Gestalt annahm.
Eine der wichtigsten und womöglich mit wahlentscheidenden
Verschwörungstheorien dieser Zeit ist das Pizzagate aus dem Jahr 2016 – die
Geschichten von einem Ring von vor allem US-Demokraten mit Hillary Clinton
als zentraler satanischer Gestalt, die Pädophilie feierten und einen Ring
von jungen Mädchen zu Sexspielen unterhielten. Die Geschichte, könnte man
sagen, stimmte in etwa. Nur, dass der Ort nicht die Pizzeria Comet Ping
Pong in Washington, D. C., war, sondern die Insel Little Saint James in der
Karibik. Und dass die Beteiligten nicht die Demokratin Clinton, sondern
männliche Milliardäre waren.
Die Epstein Files liefern damit mehr als ein Sittengemälde des „Elends als
auch der Unruhen im menschlichen Leben“, wie es Adam Smith ausdrückte. Sie
sind so etwas wie der Schlüssel, um das Wesen dieser Zeit, unserer Zeit zu
verstehen. Die Verrottung der Eliten, so suggerieren die guten Wünsche und
intimen Botschaften zwischen mächtigen Männern, ist real und sie ist
wirkungsvoll. Die Taten waren individuell, die Organisation der Taten, ihre
Netzwerke, ihre Machbarkeit waren systemisch. Dieses neofeudale Zeitalter
braucht keinen Marquis de Sade, es hat Jeffrey Epstein.
4 Feb 2026
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## AUTOREN
(DIR) Georg Diez
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