# taz.de -- Veröffentlichung der Epstein-Files: Wir werden zu Wölfen gemacht
       
       > Daten als Rohmaterial für die Reaktionsmaschinerie der sozialen Medien:
       > Die Epstein Files lösen die Grenze zwischen Aufklärung und Ragebait auf.
       
 (IMG) Bild: Die Reaktionsmaschine ist das einzige was im Fall Epstein läuft
       
       Wie hat es CNN einmal so schön formuliert? Die Trump-Regierung hat ihre
       Stimme gefunden – in Memes und Ragebait. Täglich posten Trump und das Weiße
       Haus neue, provokante KI-Bilder ([1][das rassistische Obama-Video lässt
       grüßen]), in der Hoffnung auf möglichst starke Reaktionen und Verbreitung
       durch ihre digitale Armee von „Meme Warriors“. ICE online sozusagen.
       
       Wie sehr die Trumpʼsche Meme-Regierung die Logik der Reaktionskultur
       verinnerlicht hat, zeigt nun die [2][Veröffentlichung der Epstein Files].
       Millionen Dokumente, unkommentiert, ohne redaktionelle Einordnung, ohne
       Priorisierung nach Relevanz und schon gar nicht mit Rücksicht auf den
       Schutz der Opfer. Vielmehr dienen die Daten als Rohmaterial, kalkuliert
       platziert für die Reaktionsmaschinerie der sozialen Medien. Sie werden uns
       wie Wölfen zum Fraß vorgeworfen.
       
       Das Material kann nun bis zur Unkenntlichkeit zerfleischt, willkürlich
       analysiert, interpretiert, instrumentalisiert werden. Die Files werden zu
       Content. Creator, Aktivisten, politische Akteure haben das Material sofort
       für sich verwertbar gemacht. True-Crime-Formate fanden einen unendlichen
       Quell für ihre Geschichten. Kunstgeschichts-Accounts analysierten die
       Gemälde im Hintergrund der Fotografien. Promi- und Gossip-Kanäle nahmen
       sich eine Figur nach der anderen vor.
       
       Und je länger man durch all diese Bilder und Videos scrollt, desto mehr
       werden Namen zu Charakteren, Dokumente zu potenziellen Plot-Twists,
       Verdachtsmomente zu Cliffhangern. Desto mehr wird die Realität von der
       Fiktion überschrieben.
       
       Die Files werden dabei vielfach missverstanden und (politisch) missbraucht.
       Manchmal aus Versehen, weil die wenigsten ausgebildet sind, Akten zu lesen,
       den rechtlichen Kontext herzustellen oder zwischen Erwähnung und Belastung
       zu unterscheiden. Manchmal aber auch ganz gezielt.
       
       ## Die Grenze zwischen Material und Manipulation verschwimmt
       
       KI-generierte Bilder kursieren neben echten Dokumenten. Aus dem Kontext
       gerissene Stellen werden zu vermeintlichen Beweisen montiert. Die Grenze
       zwischen authentischem Material und Manipulation verschwimmt bis zur
       Unkenntlichkeit.
       
       [3][Zur Aufklärung hat die Veröffentlichung der Files bislang also wenig
       beigetragen]. Sie ist vielmehr Camouflage, ja, die vermeintliche
       Transparenz verstärkt vor allem Desinformation und führt zu Nivellierung
       (einzelne Fälle werden zu wenigen Namen unter vielen), Überforderung und
       Ermüdung. Und sie führt zu Ohnmachtsgefühlen. Namen werden genannt,
       Verbindungen werden aufgedeckt, Dokumente verweisen auf scheußliche Taten.
       
       Noch nie war so viel sichtbar, und doch hat es (zumindest in den USA) nur
       wenig Konsequenzen. Diese Diskrepanz ist schwer auszuhalten. Es fühlt sich
       nach einer perversen Form der Demütigung an: Schaut her, hier sind die
       Beweise. Und jetzt? Nichts weiter. Scrollt weiter.
       
       ## Wir sind Komplizen
       
       Dieses Gefühl der Ohnmacht treibt die Dynamik zusätzlich an. Denn wenn
       schon keine realen Konsequenzen folgen, dann wenigstens soziale! Und so
       wird umso mehr ausgestellt, vorgeführt, angeprangert.
       
       Je stärker die Debatte um Listen, Namen und Lagerkämpfe kreist, desto mehr
       geraten die Betroffenen aus dem Fokus. Wie muss sich dieses Ausschlachten
       für die Opfer anfühlen? Wie erstarrt blicken sie wohl auf das
       veröffentlichte Material, einer möglichen Enttarnung oder Retraumatisierung
       entgegen.
       
       Und wir, die wir tagtäglich scrollen, liken und posten? Wir sind Komplizen,
       indem wir die Reaktionsmaschine füttern. Manchmal in dem Glauben,
       aufzuklären, manchmal, um einen Umgang mit dem krassen Material zu finden
       oder einen anderen zu ermöglichen. Doch während wir reagieren, wirken wir
       mit an der Meme-Werdung von Menschen, die dringend Menschen bleiben müssen,
       damit ihre Taten ernst genommen werden.
       
       Die Epstein Files sind nicht nur Rohstoff für virale Formate, sondern
       passen auch ideal in das Geschäftsmodell von Meta, X und Co: Plattformen,
       die an Empörung verdienen, Algorithmen, die nachvollziehbare Reflexe gegen
       uns wenden, und eine Politik, die gelernt hat, mit Memes zu regieren – im
       Bündnis mit Tech-Milliardären. Wir werden zu Wölfen gemacht.
       
       10 Feb 2026
       
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