# taz.de -- Satire „No Other Choice“: Der Arbeitsmarkt regelt alles
       
       > Park Chan-wooks Thriller „No Other Choice“ inszeniert Abstiegsangst mit
       > bitterer Komik: Ein geschasster Angestellter kämpft brachial um einen
       > Job.
       
 (IMG) Bild: Man-su (Lee Byung-hun) weiß: Er hat keine andere Wahl. Die brutale Konkurrenz bestimmt die Mittel im Kampf um den Job
       
       Wo von „keiner anderen Wahl“ die Rede ist, sind Zweifel angebracht. Denn
       eine solche andere Wahl gibt es im Grunde immer – wer die Floskel bemüht,
       beschreibt meist keinen Zwang, sondern sich selbst: sein Weltbild und damit
       jenes stille Ordnungssystem, das seinem Denken zugrunde liegt, das Terrain
       der eigenen Entscheidungsmöglichkeiten absteckt und sie sortiert, manche
       Handlungsoptionen als „vernünftig“ bewertet und andere direkt aus dem
       Bereich des Machbaren verbannt.
       
       Auch in Park Chan-wooks bitter-komischem Thriller zeigt sich dieses Muster:
       Dem Manager Yoo Man-su (Lee Byung-hun) wird nach über 25 Jahren in der
       südkoreanischen Papierindustrie gekündigt.
       
       Weil er sich weigert, eine Liste „entbehrlicher“ Mitarbeiter zu erstellen,
       steht am Ende sein eigener Name darauf. Man habe schlicht keine andere
       Wahl, erklären die neuen US-amerikanischen Eigentümer von Solar Paper
       letztlich unbeeindruckt.
       
       Aus der wohlfeilen Formel spricht ebenfalls mehr eine Überzeugung als eine
       Notwendigkeit: die, dass, was dem Profit und seiner Maximierung dient, nun
       mal das einzig Vernünftige ist – und deshalb selbst Entlassungen im großen
       Stil kaum einer Rechtfertigung bedürften. Nicht umsonst liegt schließlich
       im „Rationalisieren“ etymologisch bereits die Vernunft begraben.
       
       Park Chan-wook nimmt die behauptete Alternativlosigkeit beim Wort: In der
       treffend „No Other Choice“ betitelten Adaption des 1997 erschienen Roman
       „The Ax“ treibt er sie mit satirischer Konsequenz auf die Spitze.
       
       Was mit einer Kündigung beginnt, setzt eine Kette immer fatalerer
       Entscheidungen in Gang. Diese erscheinen im Lichte eines pervertierten
       Denkens, das die Bedeutung eines Menschen aus seiner wirtschaftlichen
       Brauchbarkeit ableitet, fast schon rational – oder gar alternativlos.
       
       Bislang hatte sich Yoo Man-su auf der richtigen Seite der Bilanz gewähnt.
       Sein Leben trägt die beruhigenden Insignien gesicherter
       Mittelstandsverhältnisse: ein gepflegtes Haus mit eigenem Gewächshaus im
       Garten, eine elegante und ihm hingebungsvoll zugewandte Ehefrau namens
       Mi-Ri (Son Ye-jin), ein notorisch genervter, aber zu ihm aufblickender
       Teenagersohn und eine in sich gekehrte, musikalisch hochbegabte junge
       Tochter.
       
       ## Wonnen des Alltags
       
       Es ist ein Alltag, dessen Harmonie der südkoreanische Filmemacher Park
       Chan-wook eingangs bei einem pittoresken Grillfest, untermalt von Mozarts
       Klavierkonzert Nr. 23, beinahe überdeutlich arrangiert. Natürlich muss da
       auf Man-sus im Überschwang familiärer Eintracht geäußertes „Ich habe
       alles!“ bald der Fall folgen.
       
       Entgegen seinem Mantra, binnen drei Monaten eine neue aussichtsreiche
       Anstellung zu finden, steckt er auch über ein Jahr später noch immer im
       Einzelhandel fest. Er muss in kafkaesk anmutenden Bewerbungsgesprächen
       seine eigene Tauglichkeit behaupten.
       
       Zu Hause wiederum beginnt Ehefrau Mi-Ri mit dem Wegrationalisieren dessen,
       was eben noch selbstverständlich war: erst der Zweitwagen, dann das
       Klavier, der Esstisch, der gemeinsame Tanzkurs, ihre Tennisstunden, das
       Netflix-Abo, schließlich das Haus. Selbst die Golden Retriever geraten zur
       Verhandlungsmasse.
       
       ## Papier schlägt Mensch
       
       Mit jeder gestrichenen Position schrumpft nicht nur der Besitz, sondern
       auch der Raum, in dem sich das Leben bislang selbstverständlich
       ausgebreitet hatte. Man-su erlebt diesen Prozess weniger als plötzlichen
       Absturz denn als schleichende Umdefinition seiner Existenz. Die Welt, die
       ihm eben noch Wert beimaß, beginnt ihn neu zu taxieren.
       
       Als Gattin Mi-Ri schließlich auch noch eine Stelle als Zahnhygienikerin in
       der Praxis eines jungen, auffallend attraktiven Arztes annimmt, ist die
       stille Demütigung komplett – und Man-sus Entschluss gefasst: Um seine
       Chancen im Kampf um Anstellung und Anerkennung zu verbessern, bleibt ihm
       „keine andere Wahl“ als konkurrierende Bewerber auszuschalten.
       
       Mit einer Mischung aus beinahe kindlicher Tüftlerlust und kühler Präzision
       folgt „No Other Choice“ dem Plan, den Man-su daraufhin entwirft: Er
       platziert eine verführerisch formulierten Anzeige für eine hoch dotierte
       Position in einem frei erfundenen Papierunternehmen.
       
       Dann sichtet er akribisch die Lebensläufe, sortiert die vielversprechenden
       aus und stellt – gar nicht einmal besonders diskret – jenen Kandidaten
       nach, die ihm am geeignetsten und damit am gefährlichsten erscheinen.
       
       ## Gegeneinander ausspielen
       
       Beim Inszenieren der Ausführung dieses Vorhabens überrascht Park Chan-wook
       mit Slapstick-Szenen und einer beinahe körperlichen Komik. Die verleiht „No
       Other Choice“ einen deutlich größeren Hang zur Albernheit, als man es aus
       [1][südkoreanischen Filmen wie „Parasite“ (2019)] kennt, in denen sich
       sozialkritische Schärfe mit einem deutlich finstereren, spöttischen Humor
       die Balance hält.
       
       Dadurch geht bisweilen analytischer Biss verloren: Man-su tötet nach und
       nach Männer, die nicht nur seine ohnehin seltene Leidenschaft für Papier,
       sondern auch die gleiche prekäre Situation teilen und in ihrer Sorge um
       ihre Existenz dem Alkohol verfallen sind. Wie er reiben sie sich für eine
       bessere Zukunft der eigenen Kinder auf oder fühlen sich im Blick ihrer
       Ehefrauen nicht mehr begehrenswert: Die darin mitschwingende Tragik
       auszustellen, gelingt Park Chan-wook nicht immer deutlich genug.
       
       Dieses Versäumnis ist bedauerlich: „No Other Choice“ erscheint ja zu einer
       Zeit, in der ein Politikstil wieder in Mode gekommen ist, der Kürzungen
       beim Sozialstaat oder Einschnitte bei Arbeitnehmerrechten – unter dem
       Etikett der „Alternativlosigkeit“ verkauft und rhetorisch wie praktisch
       eine ganz ähnliche Dynamik befeuert: Diese besteht darin, Arbeitnehmer
       gegeneinander auszuspielen oder die Angst der Mitte vor dem sozialen
       Abstieg gegen jene am unteren Rand zu wenden, also auf die ökonomisch
       Schwächsten zu lenken, statt auf jene, die von dieser Dynamik noch
       profitieren.
       
       ## Der unbezwingbare Konkurrent
       
       In anderer Gestalt aber zeigt sich diese Tragik dann im bitteren
       Schlusspunkt von „No Other Choice“ doch. Da nämlich tritt ein Mitbewerber
       auf, der sich nicht ohne Weiteres „ausschalten“ lässt, und der ebenfalls
       mit der Beschwichtigung, im Hinblick auf die Wettbewerbsfähigkeit „gar
       keine andere Wahl zu haben“, zum Einsatz gebracht wird: die künstliche
       Intelligenz.
       
       Wenn man so will, wirkt der Film selbst wie ein Anarbeiten gegen diese
       Logik. Einerseits, weil „No Other Choice“ ausgerechnet von der Faszination
       für Papier erzählt, diesem analogen Relikt im Rauschen des Tech-Booms.
       
       Aber auch, weil [2][Park Chan-wooks Kino] selbst wie kaum ein zweites für
       die Liebe zum künstlerischen Handwerk steht: Durch präzise komponierte
       Bilder (Ryu Seong-hee), sorgsam eingesetzte Musik (Jo Yeong-wook), Schnitte
       (Kim Sang-beom) im rhythmischen Eigenwillen und eine Kamera (Kim
       Woo-hyung), die nicht erfasst, sondern erschafft.
       
       Dieser bestechend schön arrangierte Film atmet die Erhabenheit einer
       Arbeit, die ihren Wert gerade daraus bezieht, das Ergebnis vielfältiger
       menschlicher Hingabe und ineinandergreifender Gewerke zu sein. Vielleicht
       liegt darin die leise Erkenntnis des Endes: dass im Angesicht dieses
       Gegners das Gegeneinander endgültig an seine Grenzen gelangt. Gegenüber der
       KI bleibt womöglich gar keine andere Wahl, als Unersetzlichkeit als ein
       Gemeinschaftsprojekt zu begreifen.
       
       5 Feb 2026
       
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