# taz.de -- Spielfilm „Winter in Sokcho“: Hier wird vortrefflich aufgekocht
> In seinem stillen, genau beobachteten Spielfilmdebüt „Winter in Sokcho“
> erzählt der Regisseur Koya Kamura vom Leben in einer südkoreanischen
> Kleinstadt.
(IMG) Bild: Das beschauliche Leben von Sooha (Bella Kim) wird in „Winter in Sokcho“ durch die Ankunft eines Fremden durcheinandergewirbelt
Es soll ein besonderes Abschiedsgeschenk sein. Eine lokale Spezialität, die
im schlimmsten Fall die letzte Mahlzeit ist. Sooha (Bella Kim) bereitet
[1][einen Fugu zu, jenen Kugelfisch], der nicht nur in Japan, sondern auch
in Südkorea eine Delikatesse ist und bei falscher Zubereitung tödlich sein
kann. Zuerst hackt sie den Kopf ab, dann schneidet sie die Haut an der
Unterseite bis zur Schwanzflosse ein und zieht sie dem Fisch in einem Zug
ab. Vor allem die Haut und die Eingeweide sind giftig. Ein falscher Schnitt
entscheidet über Leben und Tod.
Das rohe, milchig-weiße Fleisch schneidet sie in hauchdünne Scheiben, die
sie kunstvoll in der Form eines Fächers auf einem Teller drapiert. Dazu
serviert sie Sojasauce und Zitronenscheiben. Ob Sooha ihren Fugu richtig
zubereitet hat, bleibt ungewiss. Wie so vieles in diesem stillen,
vielschichtigen und unscheinbaren Film.
„Winter in Sokcho“ ist das Langfilmdebüt des französisch-japanischen
Regisseurs Koya Kamura und gleichzeitig die Verfilmung des gleichnamigen
Romans von Elisa Shua Dusapin. Im titelgebenden Sokcho, einer kleinen
Küstenstadt im Osten Südkoreas, lebt die Anfang zwanzigjährige Sooha. Im
Sommer ist die Stadt ein beliebter Ausgangspunkt für Wanderungen in die
nahegelegenen Berge. In der kalten Jahreszeit scheint sie einen
Winterschlaf zu machen.
Auf den Straßen sind kaum Menschen unterwegs, die Restaurants wirken leer,
und in der Pension, in der Sooha arbeitet, übernachten nur wenige Gäste. In
dieser beschaulichen Stadt führt die junge Frau ein ruhiges und
gemächliches Leben, das eines Tages durch die Ankunft von Yan Kerrand
([2][Roschdy Zem]), einem französischen Autor und Illustrator, gehörig
durcheinandergewirbelt wird.
## Spiel mit Erwartungen
Koya Kamura macht keinen Hehl daraus, warum der mürrische Gast eine große
Faszination auf seine Protagonistin ausübt. Sooha hat ihren Vater, einen
Franzosen, nie kennengelernt. Eine Leerstelle in ihrem Leben. Und plötzlich
taucht dieser geheimnisumwundene Künstler auf, der sich auch noch für
mehrere Wochen in der Pension einmietet.
Der Film könnte im weiteren Verlauf brav das Topos eines herbeiprojizierten
Ersatzvaters mit all den auftretenden Konflikten durchdeklinieren. Es wäre
nur ein allzu rührseliger, sentimentaler und nicht zuletzt erwartbarer Film
geworden. „Winter in Sokcho“ hingegen spielt mit dieser Erwartung, nur um
sie immer wieder ins Leere laufen zu lassen. Sein Erzählmodus ist jener der
Auslassungen und Einsparungen.
Soohas Faszination für Yan ist offensichtlich und bleibt doch rätselhaft.
Äußert sich in ihr nur der starke Wunsch nach einer Vaterfigur, wenn sie
Yan heimlich durch den Spalt eines kaputten Papierfensters in seinem Zimmer
beobachtet? Sucht sie in ihm einen Ausweg aus der provinziellen Enge? Fühlt
sie sich von ihm gar sexuell angezogen?
Soohas Identität, so viel ist sicher, steht auf tönernen Füßen. Nicht nur
wegen des abwesenden Vaters. Es sind kleine Momente, die Kamura hier und da
einflechtet und die auf ein Selbstbild hinweisen, das unter Beschuss steht.
Die nette Straßenverkäuferin grüßt die für koreanische Verhältnisse
großgewachsene Sooha jeden Tag als [3][„Bohnenstange“]. Ihre Mutter, eine
Fischverkäuferin am Hafen, wirft ihr beiläufig zu, es sei schön zu sehen,
wie gut sie esse. Aber zu viel solle sie auch nicht essen.
## Grassierender Schönheitswahn
Im traditionellen Badehaus, in das beide regelmäßig gehen, fällt Soohas
Blick immer wieder auf die älteren Frauen und ihre nackten, faltigen und
vom Lauf der Zeit gezeichneten Körper. Und in der Pension bedient sie jeden
Morgen eine grotesk wirkende Frau, die ihr Gesicht machen ließ und deren
Kopf rundum einbandagiert ist. Der in Südkorea grassierende Schönheitswahn
(in dem Land gilt Schönheit als Zeichen von Respekt) ist auch im Film
allgegenwärtig. Soohas Freund, ein angehendes Werbemodel, mit dem sie eine
recht leidenschaftslose Beziehung führt, legt ihr nahe, sich doch operieren
zu lassen. Schließlich machen das alle.
„Winter in Sokcho“ besticht vor allem durch seine genauen Beobachtungen und
der so kontemplativen wie naturalistischen Erzählweise. Die abstrakten
Animationen, die Soohas Innenleben zum Ausdruck bringen sollen, stören da
nur. Ebenso Yans Figurenzeichnung. Er ist das Klischee eines
Künstlergenies, wie es im Buche steht: unnahbar, wortkarg und kühl. Ein
Mann, der sich nicht in seine (gebrochene) Seele schauen lässt.
Soohas Gastfreundschaft (sie zeigt ihm die Stadt und ihre Umgebung), so
kann man sein erratisches Verhalten lesen, ist nur nützlich, insofern sie
seinem neuen Werk dient, an dem er manisch in seinem Kämmerchen arbeitet.
Ihren Kochkünsten (in diesem Film wird vortrefflich aufgekocht) hingegen
begegnet er wie ein ignoranter Bock.
Am Ende ist Yan auch nur ein Gast, der kommt und wieder geht. Ebenso wie
der Winter. Das weiß auch Sooha, die ihren Gefühlen stoisch trotzt. Denn
auf jede Dunkelheit folgt irgendwann auch wieder Licht.
4 Feb 2026
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## AUTOREN
(DIR) Tobias Obermeier
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