# taz.de -- Abdel-Samad über sein Verbot in Ägypten: „Bei Tabus muss ich intervenieren“
       
       > In „Was darf Israel?“ streitet Hamed Abdel-Samad mit einem Juden über den
       > Genozid-Begriff. In Kairo konnte er das Buch nicht wie geplant
       > vorstellen.
       
 (IMG) Bild: Ich liebe Ägypten, sagt der Autor Hamed Abdel-Samad. Seine Fans dort dürfen jetzt aber nichts mehr von ihm lesen
       
       Die taz erreicht Hamed Abdel-Samad telefonisch im libanesischen Beirut.
       Dort verbringe er jeden Winter, auch zu Kriegszeiten, erzählt er. Dass die
       kalte Jahreszeit im Nahost nicht so kalt ist wie in Berlin, liegt auf der
       Hand. Dass Abdel-Samad sich aber selbst in Libanon sicherer fühlt als in
       Deutschland, hat damit zu tun, dass der umstrittene Islamkritiker seit
       Jahren unter Polizeischutz lebt. „Ich habe die gleiche
       Sicherheitseinstufung wie der Bundeskanzler“, scherzt er. In seinem
       Heimatland Ägypten ist er seit Jahren nicht mehr gewesen, dort wurden
       mehrere Fatwas gegen ihn ausgesprochen.
       
       taz: Herr Abdel-Samad, die arabische Übersetzung von „Was darf Israel?“,
       eines streitlustigen Briefwechsels mit Philipp Peyman Engel, in Deutschland
       ein Spiegel-Bestseller, sollte vergangene Woche auf der Buchmesse in Kairo
       vorgestellt werden. Nun wurde das Buch offenbar verboten, bevor es
       überhaupt veröffentlicht werden konnte. Auch die Erscheinung Ihres neuen
       Romans „Die Wolkenfabrik“ ist wohl untersagt worden. Mit welcher
       Begründung?
       
       Hamed Abdel-Samad: Über diese Frage rätsele ich noch. Es gibt natürlich
       kritische Stellen in „Was darf Israel?“, vor allem was Philipp über die
       arabische und muslimische Welt im Allgemeinen und Ägypten im Besonderen
       schreibt. Da war er nicht zimperlich mit seiner Kritik, und das könnte eine
       Rolle gespielt haben. In meinem neuen Roman geht es um das Thema
       Sterbehilfe – ein Tabu in der arabischen Welt. Und dann kommt natürlich
       meine Person hinzu: Ich bin [1][in Ägypten] aus mehreren Gründen eine
       „umstrittene“ Person, was auch immer das bedeutet.
       
       taz: Inwiefern? 
       
       Abdel-Samad: Weil ich oppositionell bin und Präsident Sisi nicht
       unterstütze. Ich habe immer Menschenrechtsverletzungen in Ägypten
       thematisiert – gegenüber Kopten, Frauen, religiösen Menschen und Atheisten.
       Aber es gab einen Vorfall zehn Tage vor Beginn der Buchmesse, der etwas mit
       dem Verbot zu tun haben könnte.
       
       taz: Nämlich? 
       
       Abdel-Samad: Ich habe eine Videobotschaft an Sisi hochgeladen, in der ich
       kritisiere, dass [2][ägyptische Sicherheitsbehörden] Anfang November
       mehrere junge atheistische Aktivisten und Youtuber verhaftet und
       verschwinden ließen – ohne Haftbefehl oder Gerichtsverfahren. Ihre Familien
       wissen nicht einmal, wo sie sind. Und dafür ist der Präsident
       verantwortlich. Das Video ging viral. Und zwei Tage später tauchten
       zumindest einige der Jungs wieder auf und wurden der Staatsanwaltschaft
       vorgeführt. Nun gibt es ein geregeltes Verfahren.
       
       taz: Sie vermuten also, Sie werden mit dem Verbot Ihrer Bücher dafür
       bestraft? 
       
       Abdel-Samad: Ja, weil ich diesen großen Wurf gewagt habe, mich direkt an
       Sisi zu wenden. Das halten wohl einige im Machtapparat für einen Tabubruch.
       Und nun gibt es ein Verbot, wobei es wie so oft kein offizielles Schreiben
       gibt, dass die Bücher verboten sind.
       
       taz: Wie haben Sie von dem mutmaßlichen Verbot Ihrer Bücher erfahren? 
       
       Abdel-Samad: Mein Verlag, Al-Mahrousa, hatte beide Bücher schon
       angekündigt, aber nach Beginn der Buchmesse schrieben mir mehrere Menschen,
       dass sie diese dort nirgendwo finden konnten. Der Verlag wollte mir dazu
       nichts sagen, ich war sauer. Und dann haben sie sich bei mir entschuldigt.
       Der Abteilungsleiter vom Verlag hat mir nicht gesagt, dass sie verboten
       wurden. Wenn er das sagen würde, könnte der ganze Verlag von der Buchmesse
       ausgeschlossen werden – ein [3][gängiges Mittel der Sicherheitsbehörden.]
       Inzwischen hat ein bekannter ägyptischer Autor, der mit mir bei einer
       Veranstaltung im Mai in Toronto auftreten sollte, seine Teilnahme wieder
       abgesagt – ihm wurde das von den Sicherheitsbehörden verboten, wegen meiner
       Person. Von ihm weiß ich, dass die Sicherheitsbehörden auch meine Bücher
       verboten haben.
       
       taz: Gibt es in der arabischen Welt einen Markt für eine Diskussion mit
       einem proisraelischen Juden über den 7. Oktober, die Kriegsführung Israels
       und den Nahostkonflikt? 
       
       Abdel-Samad: Der Verlag war von der Idee sehr begeistert, weil es dieses
       Format auf Arabisch einfach nicht gibt. „Gespräch mit meinem jüdischen
       Freund“ heißt das Buch in der Übersetzung. Klingt irgendwie so paradox.
       
       taz: „Gespräch“ ist ein freundlicher Ausdruck für einen teils sehr hitzigen
       Streit. Sie und Engel sind seit Jahren befreundet. Hat diese Freundschaft
       unter dem 7. Oktober und dem Krieg in Gaza gelitten? 
       
       Abdel-Samad: Es gibt ja die argumentative Dimension, da sind wir Meilen
       voneinander entfernt. Und dann gibt es die menschliche. Ich würde
       behaupten, das Buch hat uns eigentlich sogar näher gebracht, weil man mehr
       Einblicke gewinnt, nicht nur in die Gedankenwelt des anderen, sondern auch
       in seine emotionale Verfassung.
       
       taz: Was haben Sie über Engel gelernt? 
       
       Abdel-Samad: Ich weiß, was es für Philipp bedeutet, wenn er die Geschichte
       seiner jüdischen Mutter in Iran schildert, wenn er von den Bedrohungen
       berichtet, die er als Jude in Deutschland aushalten muss. Da fühle ich
       [4][als Islamkritiker,] als jemand, der selbst unter Polizeischutz steht,
       eine Nähe, da ich weiß, dass wir ja eigentlich im gleichen Boot sitzen.
       
       taz: Im Buch schreiben Sie auch, dass Sie „entsetzt“ über Engel seien. Sie
       suggerieren, dass er „der Pressesprecher der israelischen Regierung“ sei.
       Er sei „in den unsichtbaren Fesseln“ seiner jüdischen Identität gefangen.
       Das klingt nicht so freundlich. 
       
       Abdel-Samad: Etwas zu verstehen, bedeutet nicht, etwas zuzustimmen. Und das
       ihm zu sagen, ist ein Zeichen des Respekts und der Ehrlichkeit. Ich sage
       ihm das als Freund.
       
       taz: Direkt nach dem 7. Oktober haben Sie das Hamas-Massaker
       unmissverständlich verurteilt, danach ebenso deutlich die Kriegsführung
       Israels, die Sie für einen Genozid halten – letzteres war Auslöser des
       Briefwechsels mit Engel. Wegen dieser Kombination werden Sie von allen
       Seiten kritisiert. Haben Sie überhaupt noch Fans? 
       
       Abdel-Samad: Ich habe in beiden Debatten auf jeden Fall [5][viele Leser
       verloren,] aber als Schriftsteller, als Intellektueller, sehe ich nicht
       meine Aufgabe darin, irgendwelche Klientelen zu bedienen. Sondern in erster
       Linie in der Analyse nach bestem Wissen und Gewissen. Aber auch darin, die
       Grenzen des Sagbaren zu verschieben zugunsten der Meinungsfreiheit. Da, wo
       es große Tabus gibt, muss ich intervenieren und fragen, warum eigentlich?
       Warum ist es rassistisch, den Islam zu kritisieren? Und warum ist das Wort
       „Genozid“ so tabuisiert, obwohl man es weder hundertprozentig belegen noch
       widerlegen kann?
       
       taz: Ganz zu Beginn des Buches fällen Sie doch ein sehr eindeutiges Urteil:
       „Es gibt nur ein Wort, das das, was gerade in Gaza passiert, genau
       beschreibt: Genozid.“ Das ist keine ambivalente Fragestellung, sondern eine
       umstrittene Tatsachenbehauptung. 
       
       Abdel-Samad: Im Buch unterscheide ich zwischen einerseits der
       legalistischen Dimension, was ein Genozid ist – das müssen andere
       beurteilen, nämlich der internationale Gerichtshof, die Vereinten Nationen
       und Genozidforscher. Viele sind bereits der Meinung, es handele sich hier
       um einen Genozid, andere bestreiten das und benötigen weitere Beweise. Und
       andererseits dem Begriff „Genozid“ als Warnung und Hilferuf. Man hat nicht
       vom Holocaust gesprochen, bis er vorbei war – und das war ein Fehler.
       
       taz: Vergleichen Sie allen Ernstes den Krieg in Gaza mit der Schoah? 
       
       Abdel-Samad: Bitte legen Sie diese Vergleichskeule beiseite! Ich spreche in
       diesem Zusammenhang von der Verwendung des Begriffs „Genozid“ erst, wenn
       alles zu spät war. Auch in Ruanda und Bosnien wurde der Begriff „Genozid“
       erst verwendet, nachdem Hunderttausende ihr Leben verloren hatten.
       
       taz: Schon am 7. Oktober selbst, als Hamas-Kommandos noch durch den
       jüdischen Staat wüteten, gab es Menschen, die Israel einen Genozid in Gaza
       vorgeworfen haben. Ein verfrühtes Urteil ist nicht unbedingt ein
       zutreffendes. Der Internationale Gerichtshof muss seine Arbeit erst mal
       unabhängig und vorurteilsfrei machen können. 
       
       Abdel-Samad: Ja, absolut. Ich verneine ja nicht, dass es Menschen gibt, die
       von Anfang an darauf lauerten, dass Israel irgendeinen Fehler macht, um das
       G-Wort in die Welt zu setzen. Es gibt Leute, die Israel aus mehreren
       Gründen hassen, vor allem aus ideologischen. Aber die falsche Verdächtigung
       am Anfang bedeutet nicht, dass das am Ende nicht so war.
       
       taz: Konnte Engel Sie in dieser Frage auf irgendeine Art umstimmen? 
       
       Abdel-Samad: Ich habe auf jeden Fall nachgedacht über die Wirkung von
       Worten. Wenn also jemand Genozid, Genozid, Genozid ruft, hat das eine
       Wirkung auf Juden weltweit. Man bringt sie in Verbindung mit
       antisemitischen Stereotypen – als Kindermörder und Genozidbetreiber, die
       die Menschheit hassen.
       
       taz: Was wird nun nach dem Verbot mit den beiden Büchern passieren? 
       
       Abdel-Samad: In Ägypten kann anscheinend nie wieder ein Buch von mir
       veröffentlicht werden, denn alle wissen, dass ich nun offenbar auf dem
       Index stehe. Aber ich habe bereits drei Angebote für die Werke von anderen
       Verlagen bekommen, in Libanon, Tunesien und von einem arabischen Verlag in
       Toronto.
       
       taz: Was macht das mit Ihnen, dass Sie in Ihr Heimatland weder einreisen
       noch dort Bücher veröffentlichen können? 
       
       Abdel-Samad: Ich diffamiere Ägypten nicht, sondern ich will nur das Beste
       für das Land. Ich liebe Ägypten. Und ich habe dort immer noch viele Fans,
       auch im Regime, nur würden sie das nie öffentlich sagen. Vom Ausland aus
       kann ich viele Sachen kritisieren, die dort keiner so sagen dürfte. Das
       halte ich für ein Privileg – und eine Pflicht. Und genauso wie in
       Deutschland ist es auch in Ägypten und überall in der arabischen Welt so:
       Es gibt viele Menschen, die mich sehr mögen und viele Menschen, die mich
       sehr hassen. Aber es gibt kaum jemanden, dem ich egal bin.
       
       5 Feb 2026
       
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