# taz.de -- Westliche Regierungschefs in Peking: Wie Donald Trump seine Alliierten in die Arme Chinas treibt
> Westliche Regierungschefs stehen aktuell Schlange für eine Audienz in
> Peking. China muss nicht mal Zugeständnisse dafür machen.
(IMG) Bild: Der britische Premierminister Keir Starmer (l) zu Besuch beim chinesischen Präsidenten Xi Jinping in Peking
Es ist das erste Mal seit acht Jahren, dass ein britischer Premier in
Peking aufschlägt. Und Keir Starmer hat nicht nur eine riesige
Wirtschaftsdelegation mit dabei, sondern auch äußerst wohlklingende Worte
für seinen Gastgeber parat: „Ich habe stets klar gesagt, dass das
Vereinigte Königreich und China eine langfristige, konsistente und
umfassende strategische Partnerschaft benötigen“, sagte Starmer am
Donnerstag nach seinem Treffen mit Xi Jinping.
Und mit dieser Botschaft steht der Vorsitzende der Labour Party nicht
alleine da. Tatsächlich stehen dieser Tage westliche Regierungschefs
regelrecht Schlange, um in der Großen Halle des Volkes eine Audienz beim
chinesischen Parteichef zu ergattern – und das, obwohl die Liste an
Konfliktthemen mit der Volksrepublik keineswegs kleiner wird.
Aus der Vogelperspektive betrachtet vollzieht sich hier ein geopolitischer
Paradigmenwechsel im Zeitraffer: Traditionelle US-Alliierte, die noch vor
Kurzem ihre transatlantischen Verpflichtungen betont hatten, suchen nun
eine Äquidistanz zu China.
## Keinerlei chinesisches Entgegenkommen nötig
Das Erstaunliche an dieser Entwicklung ist, dass sich die Volksrepublik für
diese diplomatische Glückssträhne bei den entscheidenden Streitthemen
keinen Zentimeter rühren musste. Peking tritt weiterhin genauso dominant
auf der internationalen Bühne auf wie zuvor, bietet keine Verbesserungen in
Richtung fairen Wettbewerbs an und verbittet sich nach wie vor jegliche
Kritik an Menschenrechtsfragen.
Dass in nur wenigen Wochen Emmanuel Macron (Frankreich), Micheál Martin
(Irland) und Alexander Stubb (Finnland) in die chinesische Hauptstadt
reisten, deutet man in Peking als pragmatisches Eingeständnis, dass es eben
nicht ohne die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt geht.
Pekings größter Coup im Januar kam aus Nordamerika: Der kanadische Premier
Mark Carney versprach einen diplomatischen Neustart mit China – vor wenigen
Jahren, [1][als der chinesische Sicherheitsapparat die zwei Kanadier
Michael Spavor und Michael Kovrig wegen eines politischen Streitfalls unter
angeblichen Spionagevorwürfen ins Gefängnis steckte], wäre dies noch
unvorstellbar gewesen.
## Donald Trump treibt Staatschefs nach Peking
Zu verdanken hat Xi Jinping dies einzig seinem vermeintlich größten
Widersacher. „Glückwunsch an die Trump-Regierung, dass sie Großbritannien,
Kanada, Australien und andere in die Arme Pekings getrieben hat“, schreibt
etwa der China-Experte Scott Kennedy von der Washingtoner Denkfabrik
[2][Center for Strategic and International Studies]. Damit seien nun die
Chancen endgültig vorbei, China im Ernstfall auf der internationalen Bühne
isolieren zu können.
„Peking macht sein Angebot weder attraktiver noch wird es weniger
aggressiv. Es präsentiert allerdings eine vorhersehbare Alternative“,
argumentiert Ryan Hass [3][von der Washingtoner Denkfabrik Brookings
Institution]: „Ich erwarte zwar nicht, dass sich die US-Alliierten Peking
annähern; sehr wohl jedoch, dass sie in den kommenden Jahren ein neues
Gleichgewicht zwischen den USA und China finden werden.“ Anders
ausgedrückt: Auch wenn wohl nur die wenigsten Politiker in Europa ein
naives Bild von China haben, wissen sie bei Peking doch zumindest, woran
sie sind. [4][Trump hingegen ist auch nach einem Jahr in seiner zweiten
Amtszeit völlig unberechenbar].
## Ausländische Investitionen in China
Der geopolitische Seitenwechsel schlägt sich durchaus auch in
wirtschaftlichen Zahlen nieder. Während Starmers Peking-Besuch hat der
britische Pharmariese AstraZeneca für die kommenden Jahre Investitionen in
Höhe von 15 Milliarden Dollar in China angekündigt, um die Produktion von
Medikamenten sowie die Forschung im Reich der Mitte deutlich auszubauen.
Zudem sind auch die Investitionen deutscher Firmen in der Volksrepublik
2025 um über 50 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum gestiegen.
„Anstatt Risiken zu minimieren, setzen deutsche Unternehmen in China noch
stärker auf Wachstum. Das wird alles in Tränen enden“, kritisiert der
China-Experte Andreas Fulda von der University of Nottingham.
## Auch Friedrich Merz bald in Peking
Ob es auch zu einer politischen Annäherung zwischen Berlin und Peking
kommt, wird sich zeigen. Noch ist kein offizieller Termin für Friedrich
Merz’ Antrittsreise nach China bekanntgegeben, aber dem Vernehmen nach soll
es Ende Februar so weit sein.
Der deutsche Kanzler hat früher als Transatlantiker der alten Schule stets
ein kritisches Bewusstsein für die systemischen Herausforderungen Chinas an
den Tag gelegt. Zuletzt sprach er [5][beim Weltwirtschaftsforum in Davos
davon], dass drei Entwicklungen die internationale Weltordnung nachhaltig
verändert haben: der russische Krieg gegen die Ukraine, die strategische
Neuausrichtung der USA unter Donald Trump – und der Aufstieg Chinas zur
Weltmacht.
Welche Schlussfolgerungen Merz aus letzterem ziehen wird, ist noch offen.
Dass die schwarz-rote Koalition zu einer Merkel’schen China-Politik
zurückkehren wird, welche die Unternehmensinteressen priorisiert, ohne
geopolitische Risiken abzuwägen, scheint zwar ausgeschlossen. Gleichwohl
ist klar: Wenn nicht nur China ein „systemischer Rivale“ ist, wie es im
Koalitionsvertrag ausdrücklich heißt, [6][sondern sich auch Donald Trump
zunehmend feindlich gegenüber Europa verhält], dann dürften die
realpolitischen Verhältnisse wohl eine gewisse Annäherung de facto
erzwingen.
30 Jan 2026
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(DIR) [2] https://www.csis.org/
(DIR) [3] https://www.brookings.edu/
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## AUTOREN
(DIR) Fabian Kretschmer
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