# taz.de -- 1.421 Tage Krieg in der Ukraine: Länger als der Große Vaterländische Krieg
       
       > Russland führt jetzt schon länger Krieg gegen die Ukraine als
       > Nazideutschland gegen die Sowjetunion. Die Menschen sind demoralisiert.
       
 (IMG) Bild: Gräber ukrainischer Soldaten, die im Krieg gegen Russland gefallen sind, auf dem Friedhof der Stadt Sumy, am 1.9.2025
       
       Russlands vollumfänglicher Krieg gegen die Ukraine dauert, Stichtag 12.
       Januar, genauso lange wie der Krieg Nazideutschlands gegen die
       kommunistische Sowjetunion. In der UdSSR wurde die Zahl „1418“ häufig
       verwendet, um den Heldenmut des sowjetischen Volkes im sogenannten Großen
       Vaterländischen Krieg hervorzuheben. Diese Narrative wurden später von
       Putins Russland übernommen, wobei der Fokus auf dem außergewöhnlichen
       Beitrag der Russen zum Sieg über den Nationalsozialismus lag.
       
       In der Ukraine werden Anfang 2026 die 1.418 Tage des deutsch-sowjetischen
       Krieges von 1941 bis 1945, die Wladimir Putin heilig sind, mit dem Fiasko
       seiner Pläne einer schnellen Eroberung der Ukraine in Verbindung gebracht.
       Wie die Naziführung setzte auch Putin auf einen Blitzsieg. Doch dieser Plan
       scheiterte.
       
       Der Preis für dieses Versagen ist auf dem städtischen Friedhof von Sumy
       deutlich sichtbar. Dort wehen überall blau-gelbe Fahnen sowie Banner der
       Kampfbrigaden der Gefallenen. Ein Trauerzug bewegt sich auf einer durch
       Netze vor Drohnen geschützten Straße in Richtung Friedhof. Nur 20 Kilometer
       weiter befinden sich russische Truppen.
       
       Die Mutter von Oleksandr Steblin, einem gefallenen Soldaten der
       Ljubart-Brigade, bedankt sich bei den Kameraden ihres Sohnes, die zur
       Bestattung gekommen sind. „Danke, dass ihr Sascha vom Schlachtfeld geholt
       habt, damit ich meinen Sohn ein letztes Mal berühren kann“, sagt die Frau
       unter Tränen. Der Vater des Verstorbenen singt die ukrainische
       Nationalhymne, während der Sarg seines Sohnes in das Grab hinabgelassen
       wird. Beim anschließenden Gedenkessen bittet er die Freunde des
       Verstorbenen, ihm zu versprechen, den Krieg zu überleben und auf sich
       selbst aufzupassen.
       
       Die 1.418 Tage der beiden größten Kriege in Europa innerhalb von 100 Jahren
       hatten unterschiedliche Dimensionen. In der ersten Phase des Krieges in der
       UdSSR rückte die Wehrmacht über 1.500 Kilometer vor und stand bei Moskau
       und Stalingrad. Russlands „Erfolge“ im Krieg gegen die Ukraine beschränkten
       sich bislang jedoch auf nur einige Hundert Kilometer.
       
       Hitler hatte keine effektiven Langstreckenwaffen, um Moskau anzugreifen.
       Russland erwies sich, wie schon das Dritte Reich zuvor, als unfähig, allein
       Krieg zu führen – es rekrutierte Verbündete aus Iran, Nordkorea und Söldner
       aus aller Welt.
       
       Putin wartete bis zum strengen Frost Anfang Januar, um in der Ukraine mit
       Raketen die Energieinfrastruktur zu zerstören. Auf dem Rückweg von Sumy
       [1][war das gesamte linke Ufer Kyjiws in Dunkelheit und Kälte versunken]
       da. Nur Autoscheinwerfer erhellten die Nacht. Die Menschen hatten Feuer in
       den Innenhöfen angezündet und grillten Fleisch. Auf Gaskartuschen erwärmten
       sie Wasser und füllten es in Wärmflaschen für ihre Kinder. Der starke
       Schneefall in der Ukraine, zum ersten Mal seit fünf Jahren, bereitet wenig
       Freude. Der Bürgermeister rief die Leute auf, Kyjiw temporär zu verlassen.
       Ähnlich lange Stromausfälle hatte es schon in den Millionenstädten Odessa
       und Dnipro gegeben.
       
       Während sich unser Auto seinen Weg durch die Schneewehen der dunklen
       Hauptstadt bahnt, lese ich auf meinem Handy die Ergebnisse der neuesten
       Umfrage des [2][Kyjiwer Internationalen Instituts für Soziologie (KIIS)].
       Ende Dezember 2025 waren noch 68 Prozent der Ukrainer bereit, den Russen so
       lange Widerstand zu leisten, wie es nötig ist. „Aber die Erzählung von
       einer ‚düsteren und hoffnungslosen Zukunft der Ukraine‘ demoralisiert die
       Menschen. Und obwohl derzeit selbst unter den Pessimisten noch die Meinung
       vorherrscht, den Widerstand gegen den russischen Feind fortzusetzen, sehen
       wir dennoch eine große Neigung, einen ‚Frieden um jeden Preis‘ anzunehmen“,
       kommentiert KIIS-Direktor Anton Hrushetskyi die Umfrageergebnisse.
       
       Aus dem Russischen Barbara Oertel
       
       14 Jan 2026
       
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