# taz.de -- Inklusion im Sport: Worte finden für das, was andere nicht sehen
> Ob Fußball oder Holiday on Ice: Tomke Koop und Florian Eib sorgen dafür,
> dass blinde und sehbehinderte Menschen Events erleben und genießen
> können.
(IMG) Bild: 2017 lernten sich Tomke Koop und Florian Eib in Lübeck kennen, heute leben sie zusammen in Leipzig – mit Hund Bo
Florian Eib und Tomke Koop machen alles gemeinsam. Sie teilen sich die
Wohnung, ihre Arbeit und auch die Musik.
Draußen: Das Paar lebt im südlichen Zentrum von Leipzig, direkt am
Floßplatz, einer kleinen Grünfläche mit Bänken und einer Tischtennisplatte.
Im Winter ist nicht viel los, im Sommer bevölkern Jugendliche von der
Schule gegenüber und Angestellte in ihrer Mittagspause den Platz.
Drinnen: Koop und Eib haben ihre Wohnung spartanisch eingerichtet. Im
Arbeitszimmer ein grünes Sofa, auf dem der Pudel Bo ruht. Ein Klavier,
darüber eine Collage aus getrockneten Stiefmütterchen. Florian Eibs
Arbeitsplatz im Nebenzimmer dient zugleich als Tonstudio und Abstellraum,
dort werden Mikrofone, Kopfhörer, Funkgeräte und andere Technik gelagert.
Ein Teil der Ausstattung befindet sich gerade noch in der Arena Leipzig,
weil Koop und Eib dort mit einer Gruppe [1][blinder und sehbehinderter
Menschen] bei „Holiday on Ice“ waren.
Sichtbares hörbar machen: Ob Eiskunstlaufshow, Turnmeisterschaft,
Fußballspiel, Theater oder Ballett – große Sport- und Kulturveranstaltungen
sind Tomke Koops und Florian Eibs Arbeitsfeld. 2019 gründete das Paar das
Unternehmen HörMal, um solche Ereignisse für blinde und sehbehinderte
Menschen zugänglich zu machen. Zudem beraten sie Veranstalter*innen zu
Barrierefreiheit und Inklusion und bilden Sprecher*innen für
Audiodeskription aus. Diese beschreiben dabei live das, was gerade zu sehen
ist. Sichtbares hörbar machen ist das Ziel. Inzwischen begleitet HörMal
deutschlandweit bis zu 100 Veranstaltungen im Jahr. Doch die
Audiodeskription, sagt Koop, sei nur ein Teil des Jobs, „die Kirsche auf
der Sahnetorte“.
Erlebnis: Bei einer Veranstaltung wie „Holiday on Ice“ sind Eib und Koop
bereits Stunden vor Beginn mit ihrer Gruppe vor Ort, so ist es mit den
Veranstalter*innen abgesprochen. Der Lichttechniker erklärt seine
Abläufe. Die Besucher*innen dürfen die Kostüme anfassen. Anhand einer
Holzpuppe, die sich verbiegen lässt, gehen sie gemeinsam die Pirouetten
durch, die die Eiskünstler*innen später auf der Eisfläche zeigen
werden. Dank eines Lego-Modells bekommen sie eine Idee davon, was sich wo
in einer Szene befindet. „Wir versuchen, den Menschen immer etwas auf den
Weg mitzugeben, damit der Abend für sie auch ein Erlebnis ist“, erklärt
Eib.
Rundumservice: Es gibt auch viel drumherum zu organisieren. Für ihre Gäste
sei es wichtig zu wissen, wie sie von der Haltestelle zum Veranstaltungsort
kommen, wo sich die Toiletten befinden oder wo es etwas zu essen gibt, sagt
Koop. Vieles, was für sehende Menschen selbstverständlich sei, sei es für
ihre Gäste nicht. Koop und Eib bieten einen „Rundumservice“, wie sie es
nennen. Zu dem gehört auch eine feste Ansprechperson.
Glücksgefühle: „Es ist nicht so, dass wir nach dem Absetzen der Kopfhörer
Feierabend haben“, sagt Tomke Koop. Nach jeder Veranstaltung holen sie sich
Feedback ein. Was hat gefehlt? Was war hilfreich? Oft melden sich die
Gäste, um sich zu bedanken. „Das habt ihr toll gemacht, das war schön.“ Das
löse bei ihr Glücksgefühle aus, erzählt sie. Was Florian Eib besonders mag?
„Ich bin ein großer Freund davon, Menschen etwas in die Hand zu geben“,
sagt er. Etwa einen Basketball oder Handball. Gewicht, Form,
Sprungverhalten – all das mache begreifbar, wovon gesprochen wird.
Wörter finden: Auch die Suche nach den richtigen Wörtern für eine
Audiodeskription mache ihm Spaß, sagt Eib. Durch die Arbeit bei HörMal habe
er die deutsche Sprache neu lieben gelernt. Auch Tomke Koop betrachtet
Wörter seit ihrer Arbeit für blinde und sehbehinderte Menschen anders. Beim
Filmeschauen fragt sie sich: „Wie würde ich dies oder das beschreiben?“
Kotzen: Bei einem Theaterstück muss die Audiodeskription auch den Ton des
Textes treffen. „Shakespeare ist etwas anderes als ein Kindertheaterstück“,
sagt Florian Eib. „Wenn ein Stück vulgär ist, sagen wir nicht ‚sich
übergeben‘, sondern ‚kotzen‘“, fügt Tomke Koop hinzu. Die echte
Herausforderung liege darin, das Geschehen so schnell und präzise wie
möglich zu beschreiben, sowohl für Zuhörer*innen, die später im Leben
erblindet sind, als auch für blind Geborene.
Am Küchentisch: Routine und Erfahrung helfen dabei. Auch zusammen mit nicht
sehenden Kolleg*innen und Ehrenamtlichen zu arbeiten ist wesentlich.
Gemeinsam mit ihnen gehen Eib und Koop Texte durch, sie lassen sich von
ihnen beraten und arbeiten mit ihnen Hand in Hand. Was die Arbeit zudem
erleichtert? Lachend sagt Florian Eib: „Tomke und ich haben sehr kurze
Arbeitswege.“ Am Küchentisch entstehen neue Ideen, planen sie die nächsten
Schritte, diskutieren sie über Begriffe.
Nordlicht: „Hätte ich Flo nicht getroffen, wäre ich vielleicht nie zu
meinem aktuellen Beruf gekommen“, sagt Tomke Koop. Medieninteressiert war
sie schon immer, studierte jedoch Marketing. Die 32-Jährige stammt
eigentlich [2][aus Lübeck]. „Ich bin Nordlicht im Herzen.“ Das berühmte
Lübecker Marzipan, die historische Altstadt, die Nähe zum Meer, all das mag
sie. Nur der Liebe wegen verließ sie 2020 ihren Heimatort, um in Leipzig zu
wohnen. Kennengelernt hatten sich Tomke Koop und Florian Eib aber bereits
2017, drei Jahre lang führten sie eine Fernbeziehung. Inzwischen fühle sich
Koop in Leipzig zu Hause, sagt sie. Und die Arbeit gefalle ihr sowieso.
Sportbegeisterung: Florian Eib wurde in Erfurt geboren. 2010 zog er zum
Studium nach Leipzig. Als Sprach- und Sprechwissenschaftler sowie als
Radiojournalist ist der 35-Jährige gewohnt, mit Wörtern zu arbeiten. Zum
Thema Barrierefreiheit für blinde und sehbehinderte Menschen kam er, als er
Zeitungsartikel vorlas. „Damals haben das noch Menschen gemacht, keine
KIs.“ Er war schon immer sportbegeistert und fand seinen Weg zu
Audiodeskriptionen bei Sportveranstaltungen. „Als der [3][RB Leipzig] 2014
in die Zweite Bundesliga aufstieg und rund 20.000 Zuschauer kamen, wurde
klar, dass nicht sehende Fans Unterstützung brauchten“, erzählt er. „Wir
gingen durchs Stadion, sprachen gezielt Menschen an, die einen Stock oder
drei Punkte hatten.“
Blindenfußball-EM: Zu Beginn kam nur ein nicht sehender Gast zu den
Spielen. Bald waren es zwanzig. Im Gespräch mit ihnen merkte Florian Eib:
Abgesehen vom Fußball hatten sie kaum Zugang zu Sportevents. „Wenn es mit
Fußball klappt, warum nicht auch mit anderen Sportarten?“, dachte er.
Handball und Basketball kamen hinzu, später Volleyball und Leichtathletik.
2017 fand die Blindenfußball-Europameisterschaft in Berlin statt. Da war
auch Tomke Koop das erste Mal dabei. Die beiden hatten sich ein paar Monate
zuvor kennengelernt, die Europameisterschaft war so etwas wie ihr zweites
Date.
Das erste Date: Es passierte im Sommer jenen Jahres. Während Florian Eib
mit seinem Bruder und der gemeinsamen [4][Singer-Songwriter-Band
Strandheizung] durch Norddeutschland tourte, arbeitete Koop in der
Sparkasse in Lübeck. Ein Radiomoderator schlug vor, in der Filiale ein
Studio aufzubauen und ein Strandheizung-Konzert mit zu organisieren, um ein
junges Publikum anzusprechen. Tomke Koop war für die Organisation
zuständig. „Ich hatte das Gefühl, der Moderator wollte uns verkuppeln“,
erzählt sie. Anfangs sei sie nicht interessiert gewesen. „Aber dann haben
wir doch Nummern ausgetauscht. Ich habe ihn auf dem Weg zum Bus auf ein Eis
eingeladen – und dann ging alles sehr schnell.“ Inzwischen ist sie sogar
Teil der Band, spielt Piano und Gitarre.
Highlights: Ist das nicht zu viel – zusammen wohnen, arbeiten und in der
Freizeit auch noch in einer Band spielen? Für Tomke Koop ist die Antwort
eindeutig: „Nein.“ Im Gegenteil, sagt sie. „Während andere Paare beim
gemeinsamen Fernsehen erzählen, welche langweilige Büromeetings sie hatten,
erleben wir unsere Highlights zusammen.“
Teilhaben: Beide finden ihren Job nicht nur spannend, sondern auch
sinnvoll. „Wenn Menschen nicht vom kulturellen Leben ausgeschlossen sind,
wenn sie mitmachen dürfen und können, steigert das ihre Lebensqualität“,
sagt Tomke Koop und Florian Eib nickt. Barrierefreiheit sei nur eine von
vielen Möglichkeiten, sich politisch zu engagieren, sagt Koop. „Ich bin
glücklich, etwas beitragen zu können, und das mit der Person, mit der ich
mein Leben teilen möchte. Was kann ich mir mehr wünschen?“
1 Apr 2026
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