# taz.de -- Der Hausbesuch: Drag und Travestie sind sein Leben
       
       > Timo Neumann hat sich als Kind schon gern verkleidet, stand später als
       > Dragqueen auf der Bühne und schneidert heute Kostüme für andere
       > Künstler:innen.
       
 (IMG) Bild: „Freunde sagten irgendwann, ich könnte das doch showmäßig machen“, sagt Neumann alias Tina Glamor
       
       Tausende Erinnerungen von Travestiekünstler:innen lagern im Haus, in dem
       Timo Neumann in Remstal wohnt. Aus einer nebensächlichen Leidenschaft
       entstand ein Archiv. 
       
       Draußen: Das Einfamilienhaus aus den 1950er-Jahren am Rande der Gemeinde
       Urbach sieht aus, als wäre es kürzlich renoviert worden. Schneeweiße
       Fassade, das Dach mit Solarpaneelen belegt. Der Ort zählt knapp 10.000
       Einwohner und liegt im malerischen Remstal, 35 Kilometer östlich von
       Stuttgart.
       
       Drinnen: Vom 50er-Jahre-Flair ist innen nichts mehr übrig. Timo Neumann und
       sein Partner haben es komplett umgebaut, Wände rausgerissen. Die offene
       Wohnküche im Erdgeschoss ist das Herzstück. Die Rückseite zum großen Garten
       hin ist komplett verglast, sodass Licht den gesamten Raum durchflutet.
       Weiße Wände, grüne Palmen, langer Holztisch, alles wirkt dezent und
       elegant. Dann öffnet Timo Neumann die Tür zu seinem kleinen Atelier, und es
       wird bunt.
       
       Atelier: Den Raum nehmen pompöse Abendkleider und Kostüme ein.
       Schaufensterpuppen tragen pinke Turmfrisurperücken, grüne Federboas und
       paillettenbesetzten Kopfschmuck. Es funkelt und glitzert in allen Farben.
       An der rechten Wand steht ein Nähtisch. Die Wände schmücken Fotos von
       Dragqueens. Madame Chou Chou, Amanda Champagne oder die berühmte Mary vom
       Duo [1][Mary & Gordy]. Auf fast allen Fotos stehen Grüße und Widmungen für
       eine gewisse Tina. Tina Glamor ist Timo Neumann.
       
       Kostüme: Verkleiden war schon in seiner Kindheit ein Thema. „Ich komme aus
       einer Fastnachtsfamilie.“ Aber nicht nur zu Fasching, eigentlich habe man
       sich gerne zu allen passenden Gelegenheiten verkleidet. „Bei Familienfeiern
       haben wir immer ‚Mini-Playback-Shows‘ veranstaltet. Wir sind eine lustige
       Familie“, sagt er.
       
       Club-Tür: Richtig ernst wurde die Sache mit dem Verkleiden, als er so 15
       oder 16 Jahre alt war. [2][Es war Fasching] und Timo Neumann wollte mit
       älteren Freunden in Stuttgart in einem Club feiern gehen. Die Türsteher
       wiesen den Jugendlichen ab, weil er nicht volljährig war. „Ich sagte zu
       meinen Freunden: Wisst ihr was, ich fahr heim, ziehe mich um und komme
       wieder“, erinnert er sich und muss lachen, wenn er an die ungläubigen
       Gesichter seiner Freunde zurückdenkt, als sie ihn wiedersahen. „Ich bin an
       den Kleiderschrank meiner Schwester, habe mich geschminkt, Wimpern
       aufgeklebt und eine Perücke aufgesetzt. Die Türsteher waren irgendwie
       überfordert und haben mich durchgewunken“, erzählt er.
       
       Nähmaschine: Ihm gefällt es, sich als Frau zu verkleiden. „Freunde haben
       irgendwann gemeint, ich könnte das doch showmäßig machen“ – und so sei aus
       Fasching Travestie geworden. Aus Timo wurde Tina, Tina Glamor. „Es gibt
       natürlich nichts Schlimmeres, wie wenn man das Gleiche anhat wie jemand
       anderes auf der Party. So habe ich dann angefangen, mir die Sachen selbst
       zu machen.“ Anfangs auf ganz simple Art, denn Timo Neumann ist von Beruf
       Bauzeichner und kein Schneider. „Ich habe mich auf den Stoff gelegt und bin
       mit dem Stift außen herum. Dann habe ich so lange genäht, bis es gepasst
       hat.“ Zunächst opferte er Gardinen und Vorhänge seiner Oma. Später kaufte
       er Schnittmuster und fertige Kleider, die er „aufmotzte“. Seine Kreationen
       kamen an und irgendwann seien die Anfragen nach Kostümen größer gewesen als
       die Showanfragen. Tina Glamors Garderobe wurde zur Marke.
       
       Kostüme: Dragqueens und Travestiekünstler:innen zählen heute zu seinen
       Kund:innen. „Aber mittlerweile sind es auch Fastnachtsvereine, Theater, die
       Schweizer Staatsoper.“ Und Heiratswillige. Brautkleider bestickt er mit
       Pailletten und Perlen. Ihm mache das alles Spaß. Es scheint kaum eine
       Nische zu geben, die er nicht bedient. Für den Mainzer Karneval hat er mal
       für jemanden eine lebensgroße Fleischwurst kreiert. Während andere nach der
       Arbeit Netflix schauen, näht Neumann am Abend und am Wochenende Kostüme.
       
       Kleinstadtleben: In die Großstadt zog es ihn eigentlich schon, er mag den
       Trubel, arbeitet bei einem großen Unternehmen in Stuttgart. In Urbach
       landete er der Liebe wegen. Die Nachbarschaft sei eher 70 plus, aber es sei
       „super“ hier auf dem Land. „Und jetzt, da ich mehrmals in der Zeitung war,
       werden mir die Berichte ausgeschnitten und in den Briefkasten geworfen.“
       
       Travestie: Neumann erinnert sich gut an ein „Schlüsselerlebnis“. Seine
       Tante erzählte ihm schon früh von Mary & Gordy. Sie war in den
       1980er-Jahren schwer begeistert von dem berühmten Travestie-Duo. Seine
       Tante sei überzeugt gewesen, Mary sei eine Frau. In der letzten Szene der
       Show kommt Gordy als Mann umgezogen auf die Bühne und singt „So leb dein
       Leben“, eine [3][Interpretation von Frank Sinatras] „My Way“. Mary schminkt
       sich währenddessen auf der Bühne ab. Die Tante war perplex, Mary war auch
       ein Mann. Als die Tante das erzählte, war Neumanns Neugier geweckt. „Ich
       kaufte mir die Autobiografie von Georg Preuße ‚Mary – Mein Leben in ihrem
       Schatten‘“.
       
       Spuren: Beim Lesen der Biografie habe er dann vieles nachgeschlagen, wie
       zum Beispiel einschlägige Lokalitäten und Namen. Dabei ist er auf den
       Travestiekünstler Gloria Duval gestoßen. Duval stammte aus der Gegend,
       genauer gesagt aus Waiblingen, war aber bereits 2006 verstorben. Neumann
       fiel auf, dass es über Duval keine Infos zu finden gab. „Das war eben noch
       dieser alte Schlag, in dem es familiär oft schwierig wurde, wenn jemand so
       aus der Reihe tanzte. Als Gloria Duval dann verstarb, hat die Familie
       regelrecht versucht, alles unter den Teppich zu kehren – als hätte dieser
       Mensch nie existiert.“ Neumann beschäftigt es sehr, dass Andenken auf diese
       Art ausgelöscht werden. Bei weiteren Recherchen merkte er, dass dies auf
       viele ältere und einstige Travestiekünstler:innen zutrifft.
       
       Glanzlichter: „Oftmals sind sie auf der Bühne Glanzlichter“, sagt Neumann,
       „teilweise waren diese Menschen ja mit Marlene Dietrich oder mit Zarah
       Leander befreundet. Und sie hatten so ein Wissen über andere Menschen. Da
       finde ich es einfach schade, wenn das nachher alles auf dem Müll landet.“
       Seit nunmehr 20 Jahren beschäftigt er sich mit der Thematik. Auf Facebook
       und Instagram hat er die [4][„Travestie Erinnerungen“] ins Leben gerufen.
       Hier lädt er Dokumente, Bilder und Videos hoch. Häufig kommentieren
       einstige Wegbegleiter:innen unter den Posts.
       
       Archiv: Mit der Zeit hat er ein großes Netzwerk aufgebaut, seine Passion
       fürs Sammeln hat sich europaweit herumgesprochen. „Oft melden sich die
       Angehörigen von verstorbenen Menschen bei mir und schicken mir den
       Nachlass. Ich arbeite auch mit dem [5][Schwulen Museum] in Berlin zusammen.
       Die haben natürlich viel mehr Platz.“ Mittlerweile umfasst seine Sammlung
       mehr als 12.000 Bilder, Zeitungsberichte, Musikaufnahmen, Hunderte Videos
       und vereinzelt Kostüme sowie Schmuck von Travestiekünstler:innen.
       
       Wissen: Neumann versucht, sensibel mit den Nachlässen umzugehen. Es sei ihm
       wichtig, nicht einfach alles unbedacht zu veröffentlichen. „Es ist oftmals
       wirklich ein kompletter Nachlass. Und manchmal ist der Mensch auf einem
       Foto vielleicht nicht schön getroffen, und das muss dann auch nicht gezeigt
       werden“, findet er. Auch habe er Beispiele von Personen, die die Travestie
       oder das Kabarettleben als Sprungbrett genommen hätten. „Die sagen
       manchmal, sie möchten mit der Vergangenheit nichts mehr zu tun haben."
       
       Geheimnis: Besonders bewegt hat ihn die Geschichte von Mimi Doré. „Mimi ist
       irgendwann von der Bühne, hat sich zur Ruhe gesetzt, hat in München dann
       ein bürgerliches Leben geführt und ist 2015 im Alter von 87 verstorben.“
       Als die Familie die Wohnung ausräumte, sei sie auf Dinge wie
       Frauenkleidung, Perücken, Schminke und Fotos gestoßen. Sie vermuteten, ihr
       Onkel hätte ein Verhältnis mit der Dame auf den Bildern gehabt. „In den
       Alben entdeckten sie dann das Kabarett Pulverfass auf der Reeperbahn. Sie
       riefen dort an, um besagter Mimi vom Ableben des Onkels zu erzählen.“ Die
       im Pulverfass hätten gesagt: „Entschuldigung, ihr Onkel war die Mimi.“
       Alles an der Geschichte ist dokumentiert, „die Kostüme und der
       Schminkkoffer waren so sauber, als würde er am nächsten Tag auf die Bühne
       gehen“, sagt Neumann. Dorés Nachlass lagert heute im Schwulen Museum.
       Andere Geschichten sind ähnlich spannend. Timo Neumann hofft, sie alle
       werden einmal ausgestellt .
       
       25 Apr 2026
       
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 (DIR) [5] http://www.schwulesmuseum.de
       
       ## AUTOREN
       
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