# taz.de -- Grüne planen Satzungsänderung: Wurzelbehandlung mit Schmerzen
> Das Mitgliederwachstum bringt die Parteisatzung an ihre Grenzen. Die
> Spitze plant eine Reform. Eifrige Mitglieder fürchten um die
> Basisdemokratie.
(IMG) Bild: Basisdemokratisch? So 80er
Klemens Griesehop ist seit 1990 bei den Grünen. „Immer an der Basis“, wie
er betont. In den dreieinhalb Jahrzehnten seit seinem Eintritt hat die
Partei so einige Positionen geräumt – und der Lehrer aus Berlin-Pankow hat
es jedes Mal tapfer ertragen. Die Asylrechtsverschärfungen in der
Ampelkoalition waren hart für ihn, die Einladung [1][von Daimler-Chef
Dieter Zetsche auf einen Parteitag in den zehner Jahren,] der Kosovokrieg
sowieso. „Damals war ich drauf und dran, hinzuschmeißen“, sagt Griesehop.
„Aber der Hans-Christian hat mich überzeugt, zu bleiben.“
Das Grünen-Urgestein Hans-Christian Ströbele ist nun aber schon seit mehr
als drei Jahren tot, und mit dem Parteiaustritt könnte es für Griesehop
dieses Mal ernst werden. „Wenn sie die Basisdemokratie wirklich streichen,
dann wird sich die Frage für mich wieder stellen“, sagt er.
Die Grünen-Spitze plant eine umfassende Reform der Parteisatzung. Eine
Kommission unter Leitung der Politischen Geschäftsführerin Pegah Edalatian
hat in den vergangenen Monaten Vorschläge erarbeitet, in diesen Tagen
beendet das Gremium seine Beratungen. Im Februar sollen die Pläne vom
Bundesvorstand abgesegnet und der Partei vorgestellt werden. Im Juni sollen
dann die Mitglieder darüber abstimmen.
Die Grünen wollen eine „zeitgemäße“ Satzung. Diskutiert werden Änderungen
an den Führungsstrukturen, die seit Jahren Thema sind: Die
Geschäftsführungsposition könnte, wie bei anderen Parteien, zur
Generalsekretär*in aufgewertet werden. Der Parteirat – unterhalb des
Vorstands angesiedelt und mit vergleichsweise wenig Macht ausgestattet –
könnte gestärkt werden. Ob die Kommission beides tatsächlich empfiehlt, ist
noch offen.
## Mitgliederräte und neue Hürden
Klarer sind die Pläne zur Mitgliederbeteiligung. In einem internen Webinar
für die Parteibasis ließ Edalatian Mitte Januar zwei Vorschläge
durchblicken. Zum einen seien sich die Kommissionsmitglieder „sehr einig“
darüber, in die Satzung die Möglichkeit aufzunehmen, „Mitgliederräte“
einzuberufen. Sie sollen analog zu Bürgerräten funktionieren, mit denen in
den letzten Jahren unter anderem der Bundestag experimentiert hat.
2023 diskutierten dort [2][zufällig ausgewählte Bürger*innen vier Monate
lang zum Thema „Ernährung im Wandel“,] ihre Empfehlungen wurden hinterher
dem Parlament vorgelegt. Entsprechend könnten grüne Mitgliederräte künftig
Debatten führen und Beschlussvorschläge erarbeiten.
Zum anderen will die Kommission die Hürden für die Einreichung von Anträgen
und Änderungsanträgen auf Parteitagen erhöhen. Bisher sind sie,
entsprechend der basisdemokratischen Tradition der Grünen, vergleichsweise
niedrig: Nicht nur Parteigremien und Gliederungen wie Vorstände,
Bundesarbeitsgemeinschaften und Kreisverbände dürfen Anträge einreichen,
sondern auch Einzelmitglieder – sie müssen dafür nur 50
Unterstützerunterschriften aus der Partei sammeln. Zum Vergleich: Bei der
CDU müssen sich 500 Mitglieder hinter einen Antrag stellen, bei SPD und
Linkspartei sind einfache Mitglieder überhaupt nicht antragsberechtigt.
## Verhandlungen bis tief in die Nacht
Das großzügige Antragsrecht wird bei den Grünen ausgiebig genutzt. Für den
Sonderparteitag zum Bundestagswahlprogramm vor einem Jahr gingen
beispielsweise 1.900 Änderungsanträge ein. Das verursacht viel Arbeit.
Jeder Antrag muss die parteieigene Antragskommission durchlaufen. Auf die
Autor*innen wird einzeln eingewirkt, damit sie Anträge zurückziehen, sie
mit ähnlich lautenden Anträgen vereinen oder Kompromissen zustimmen. Die
Verhandlungen dazu ziehen sich in Hinterzimmern der Parteitage, oft bis
tief in die Nacht.
Die hohe Anzahl der Anträge führe mittlerweile zu einer „Überforderung“,
heißt es von der Kommission. Im Januar 2025 band die Bearbeitung in der
heißen Wahlkampfphase wochenlang Kapazitäten in der Parteizentrale.
Gleichzeitig hätten Delegierte und Mitglieder mittlerweile gar keine Chance
mehr, den Überblick über die Parteitagsdebatten zu behalten. Viele von
ihnen würden es angesichts der Antragsflut „mittlerweile als intransparent
empfinden, was da entschieden wird“, so Edalatian während des Webinars. Das
Quorum für Anträge soll jetzt hoch. Und zwar aus Sicht der Spitze nicht, um
die Basisdemokratie zu beschneiden, sondern um sie zu retten.
Die Parteispitze argumentiert [3][mit der gestiegenen Mitgliederzahl]: Bei
180.000 Mitgliedern müssten andere Regeln gelten als früher. Wie viele
Unterschriften ein Antrag zukünftig genau benötigen soll, ist noch nicht
bekannt. Denkbar ist eine Regelung wie in Nordrhein-Westfalen: Dort braucht
es ein Promille der Mitglieder – auf Bundesebene wären das derzeit 180.
## Wenig Einfluss, viele Anträge
„Dann ist die Basisdemokratie erster Klasse beerdigt“, sagt der Berliner
Basis-Grüne Griesehop. „Wie soll ein normales Mitglied so viele
Unterstützer finden? Das geht doch gar nicht.“ Griesehop ist Teil der
„Unabhängigen Grünen Linken“, einer kleinen Gruppe, die personell keinerlei
Einfluss in der Partei hat, aber umso eifriger von der Möglichkeit der
Parteitagsanträge Gebrauch macht.
Inhaltlich sind manche davon unter Grünen zwar anschlussfähig. Griesehop
nimmt für seine Gruppe in Anspruch, sie habe in den letzten Jahren bei
Parteitagsverhandlungen zum Lieferkettengesetz, zu Glyphosat oder zum
Klimageld Formulierungen durchgesetzt.
Gleichzeitig ist vieles an der Basisgruppe aber ziemlich retro:
Hans-Christian Ströbele sei zu Lebzeiten regelmäßig als Gast bei ihren
Treffen aufgetaucht, sagt Griesehop. Entsprechend sehe man sich heute „ein
Stück weit als Vertreter von Ströbi und Petra Kelly“. Auf Parteitagen
treten die Mitglieder oft in einheitlichen Motto-Shirts auf, 2024 zum
Beispiel mit einer Friedenstaube und dem Schriftzug „Diplomatie jetzt!“.
Für den letzten Parteitag stellte Griesehop einen Antrag gegen
„Kriegstüchtigkeit“, „Militarisierung“ und „Zwangsdienst bei der
Bundeswehr“.
Und zuletzt verteidigte die Gruppe in einem offenen Brief den umstrittenen
Beschluss des EU-Parlaments zum Freihandelsabkommen Mercosur – während
Grüne mit Einfluss [4][ihn mittlerweile durch die Bank als Fehler
bezeichnen], selbst diejenigen, die im EU-Parlament für ihn gestimmt haben.
## Nicht der erste Versuch
Man kann also sagen, dass Griesehop und seine Mitstreiter*innen ein
Faible für aussichtslose Kämpfe haben. Doch mit dem Kampf um die Satzung
könnte jetzt sogar ihre Leidensfähigkeit ein Ende haben. Allerdings ist
noch nicht gesagt, dass sie den Streit wirklich verlieren.
Schon 2022 wollte der damalige Bundesvorstand die Hürden für
Parteitagsanträge stark erhöhen. 20 Unterstützer*innen reichten bis
dahin aus. Der Vorstand wollte 1 Promille, wie in Nordrhein-Westfalen. Nach
Widerständen aus der Partei gab er sich mit einem Kompromiss zufrieden:
Damals wurde die Hürde auf die heute gültigen 50 Unterschriften erhöht.
Mehr hätte die Spitze wohl nicht durchbekommen: Zur Abstimmung stand die
Änderung damals auf einem Parteitag. Für Satzungsänderungen braucht es dort
eine Zweidrittelmehrheit bei mindestens 50 Prozent Beteiligung. So gern
eine Mehrheit der Grünen auch mit der Zeit geht – diese Hürden sind nicht
ohne.
## Rechtsstreit mit Tradition
Ob sie auch für eine Satzungsänderung per Mitgliederbefragung gelten, ist
umstritten. Die Satzung ist an der Stelle nicht eindeutig formuliert. Die
Parteispitze vertritt die Auffassung, dass bei einer Urabstimmung auch eine
einfache Mehrheit reicht – selbst dann, wenn nur ein kleiner Teil der
Mitglieder abstimmt. Damit ließe sich eine Satzungsänderung leichter
durchsetzen als auf einem Parteitag. Griesehop sieht es anders und droht
schon jetzt: „Notfalls ziehen wir vor Gericht. Es geht schließlich um den
Kern der Grünen.“
Auch diese Debatte ist nicht neu. 2002 wollte der Vorstand die strikte
Trennung von Amt und Mandat lockern und Parteivorsitzenden erlauben, im
Bundestag zu sitzen. Ein Parteitag lehnte den Antrag ab, weil die nötige
Zweidrittelmehrheit fehlte. Wenige Monate später folgte eine Urabstimmung
zur gleichen Frage.
Schon damals erklärte die Parteiführung, eine einfache Mehrheit genüge.
[5][Die Gegner*innen drohten mit Klagen]. Doch das Ergebnis machte den
Streit überflüssig: Mehr als die Hälfte der Mitglieder stimmte ab, und
66,89 Prozent befürworteten die Satzungsänderung.
[6][Im taz-Interview musste daraufhin sogar] einer der hartnäckigsten
Verfechter der alten Regelung die Niederlage eingestehen. „Ich gehe davon
aus, dass es nicht mehr zu einer juristischen Auseinandersetzung kommen
wird. Das wäre das Letzte, was wir jetzt noch gebrauchen können“, sagte am
Tag nach der Auszählung: Hans-Christian Ströbele.
1 Feb 2026
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## AUTOREN
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