# taz.de -- Satzungsreform der Grünen: Die Parteibasis stellt Machtfragen
> Die Grünen-Spitze will die Satzung ändern. Mitglieder fürchten weniger
> Einfluss. Nun schalten sich deswegen auch die Bundesarbeitsgemeinschaften
> ein.
(IMG) Bild: Wer entscheidet in Zukunft über die Politik der Partei?
Unter Grünen-Mitgliedern wächst die Sorge um die Basisdemokratie in der
Partei. Deutliche Kritik an [1][einer vom Bundesvorstand geplanten
Satzungsänderung] kommt jetzt auch aus den 25 parteiinternen
Bundesarbeitsgemeinschaften (BAG).
„Die vorliegenden Reformvorschläge verschieben Macht weg von der Basis und
hin zu Mandatsträger*innen“, heißt es in einer Stellungnahme der
BAG-Sprecher*innen, die der taz vorliegt. „Das explizit genannte Ziel einer
Professionalisierung, die unsere basisdemokratische DNA beibehält und
inhaltliche Debatten stärkt, wurde klar verfehlt.“ Unterschrieben ist das
Statement stellvertretend für den gesamten Sprecher*innenrat von
Madeleine Henfling (BAG Digitales und Medien, ehemals Spitzenkandidatin in
Thüringen) und Philip Hiersemenzel (BAG Energie, hauptberuflich Büroleiter
von Parteivize Sven Giegold).
Vor einem Jahr hatte sich der Vorstand von einem kleinen Parteitag den
Auftrag zur Satzungsreform geben lassen. Eine Kommission erarbeitete
Vorschläge, aus denen der Vorstand Anfang März eine Auswahl traf. Im Juni
sollen die Mitglieder in einer Urabstimmung über sie entscheiden.
Die Parteispitze sieht in der neuen Satzung eine Reaktion auf die
Digitalisierung und das starke Mitgliederwachstum der letzten Jahre. „Wir
wollen eine lebendige, schlagkräftige und moderne Mitgliederpartei sein“,
sagte Pegah Edalatian, als politische Geschäftsführerin für die Reform
zuständig, [2][vor vier Wochen der taz.] Neben mehr
Mitbestimmungsmöglichkeiten für Mitglieder solle die Reform auch
„strategische Entscheidungen“ für die Führung erleichtern.
Intern löste das Vorhaben schon länger Debatten aus. Aus der Basis [3][kam
auch schon vor Monaten öffentliche Kritik an den Plänen], allerdings nur
von Mitgliedern mit überschaubarem Einfluss. Die
Bundesarbeitsgemeinschaften, die häufig als parteiinterne Denkfabriken
bezeichnet werden, haben mehr Relevanz. In ihnen arbeiten Ehrenamtliche
inhaltlich zu Fachthemen. Ihre Expertise bezeichnen die
Arbeitsgemeinschaften in ihrer Stellungnahme selbst als das „fachpolitische
Herzstück unserer Partei“.
## Drei Vorschläge abgelehnt
Bereits vor der Satzungsdebatte beschlich aber viele ihrer Mitglieder das
Gefühl, ihr Input sei von der Parteispitze nicht mehr erwünscht. Der
Reformprozess hat diesen Eindruck offenbar verstärkt: BAG-Vertreter*innen
waren formal eingebunden, fühlten sich mit ihren Einwänden aber nicht
gehört. Auch der Wunsch, über Strukturfragen jenseits der Satzung zu
sprechen, sei von vornherein abgelehnt worden. Und im Ergebnis sehen sie
sich durch die Änderungsvorschläge in ihrer Rolle geschwächt.
Der Sprecher*innenrat stört sich vor allem an drei geplanten Maßnahmen.
In seiner Stellungnahme empfiehlt er, sie in der Urabstimmung abzulehnen.
Erstens: Die Spitze will den kleinen Parteitag (offiziell „Länderrat“) und
den erweiterten Vorstand (offiziell „Parteirat“) reformieren. In den
Gremien gäbe es weniger Plätze für die Bundesarbeitsgemeinschaften und mehr
Plätze für Funktionär*innen. „Das entzieht der Basis ihre bewährte
Mitgestaltung und demokratische Kontrolle“, heißt es in der Stellungnahme.
Zweitens: Die Trennung von Amt und Mandat soll weiter aufgeweicht werden.
Künftig könnten drei statt bisher zwei Abgeordnete dem sechsköpfigen
Bundesvorstand angehören. Die BAG-Sprecher*innen warnen vor einer
„Machtkonzentration“.
Drittens: Das Recht der Basis, Anträge für Parteitage einzureichen, soll
eingeschränkt werden. Ein Limit könnte nach der Reform auch für die
Bundesarbeitsgemeinschaften eingeführt werden, Parteitagsdelegierte dürfen
darüber mit einfacher Mehrheit entscheiden. „Mitgliederrechte so weitgehend
zu beschneiden ist ein Systembruch: Er öffnet Zufallsmehrheiten Tür und Tor
und untergräbt das Recht der Basis, die Parteiagenda mitzugestalten“, heißt
es dazu vom Sprecher*innenrat.
## Nicht feministisch genug?
Und noch einen Kritikpunkt führt er in der Stellungnahme auf: Von
„feministischer Governance“ sei im Reformvorschlag nichts zu sehen.
Ausführlicher bemängelte das zuvor schon die BAG Frauenpolitik in einem
eigenen Schreiben an die Parteispitze. Es liegt der taz ebenfalls vor.
Die Arbeitsgemeinschaft verweist auf eine Vorgabe, die sie auf dem kleinen
Parteitag im vergangenen Jahr in den Auftrag für die Satzungsreform
verhandelt hatte: „Intersektional feministische Werte und Praktiken“
sollten weiter verankert werden.
Die Parteispitze habe das weder im Prozess noch in der Ausarbeitung der
Vorschläge umgesetzt, heißt es in dem Schreiben jetzt. Dass der Vorstand
unter anderem anregt, das Vielfaltsstatut der Grünen in der Satzung
verbindlicher zu machen, reicht der BAG nicht aus. In ihrem Protestbrief
schreibt sie: „Bei der feministischen und intersektionalen Governance geht
es gerade darum, sich damit zu befassen, wie Macht strukturell verteilt und
organisiert wird. Auch darum Macht besser zu (ver)teilen, anstatt sie
weiter zu zentrieren.“
In den Augen der Arbeitsgemeinschaft könnte jetzt das Gegenteil passieren.
So sei „sehr problematisch“, dass der Vorstand die Reform mit dem Stichwort
der „Professionalisierung“ bewerbe. „Professionalisierung wird häufig dann
verwendet, wenn es darum geht, ungleiche Machtstrukturen zu verteidigen, zu
rechtfertigen, zu verfestigen oder auszubauen. Und die entwickelten
Vorschläge zur Satzungskommission bedeuten in der Tat eine weitere
Machtzentrierung“, schreibt die BAG Frauen.
## Verfahren ohne Kompromisse
Das Schreiben endet versöhnlich: Die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft
verstünden durchaus, „dass der Parteizuwachs auch strukturelle
Veränderungen der Parteiorganisation braucht“. Die BAG begrüße
Veränderungen und stünde für eine Zusammenarbeit zur Verfügung.
Mit Verhandlungen über die Satzungsreform ist aber nicht mehr zu rechnen.
Die Parteispitze hat sich bewusst dagegen entschieden, einen Parteitag über
die finalen Vorschläge beraten zu lassen. Dort hätten Delegierte
Änderungsanträge einreichen können, Kompromisse wären möglich gewesen.
Auf dem Weg der Urabstimmung ist das nicht vorgesehen. In den nächsten
Wochen steht zwar noch eine „Diskussionsphase“ an. Mitglieder und
Parteigliederungen können Stellungnahmen einreichen, aus der eine Auswahl
in einem Reader gesammelt und der Partei präsentiert wird.
An den einzelnen Reformvorschlägen selbst ändert sich jedoch nichts mehr.
Die Mitglieder können sie bei der anschließenden Abstimmung nur annehmen
oder ablehnen.
Geplant ist dafür eine Online-Abstimmung. Doch auch dagegen gibt es
Einwände in einer Stellungnahme – in dem Fall von der BAG Digitales und
Medien. Sie ist „in äußerster Sorge über den geplanten Modus“. In der
Urabstimmungsordnung der Partei sei aus Sicherheitsgründen geregelt, dass
Online-Abstimmungen mittels Open-Source-Software durchgeführt werden
müssten. Das sei aktuell aber nicht geplant – und das „in einer Zeit realer
Bedrohungen unseres politischen Prozesses durch ausländische
Geheimdienste“. Der Gegenvorschlag der Arbeitsgemeinschaft: eine Abstimmung
mit Zettel und Stift.
2 Apr 2026
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## AUTOREN
(DIR) Tobias Schulze
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