# taz.de -- Ex-Mitglied kritisiert die Grünen: Aufrüsten bis zum Weltkrieg?
> Nach über 25 Jahren Mitgliedschaft kehrt der Autor den Grünen den Rücken.
> Ihre Kernaufgabe nehme die Partei nicht mehr wahr – ein Abschiedsbrief.
(IMG) Bild: Pazifistische Wurzeln: Antimilitaristisches Transparent zum Wahlakmpfauftakt von Bündnis 90/Die Grünen in Kassel, Juni 1990
Eine enttäuschte Liebe schmerzt. Im Februar 1997 bei den Grünen
eingetreten, habe ich nach langem Ringen nun meinen Austritt erklärt. Die
Außenpolitik von B90/Grüne ist illusorisch, gefährlich und macht mir Angst.
Kritik an einer auf militärische Eskalation setzenden Ukraine-Politik birgt
die Gefahr, als Putinfreund verunglimpft zu werden. Daher sei – aber auch
nur einmal – klargestellt: Es gibt keinen Zweifel daran, wer Aggressor ist,
den Krieg begonnen, das Völkerrecht gebrochen und ungezählte Verbrechen
begangen hat. Und ja, ohne militärische Unterstützung wäre die Ukraine wohl
an Russland gefallen.
Grüne, Union und Teile der SPD beschränken sich aber weitgehend auf eine
militärische Antwort. Trotz der Milliardenausgaben wurde dabei nie eine
strategische Erfolgsabschätzung vorgelegt. Tatsächlich war ein Sieg der
Ukraine von Beginn an unrealistisch, selbst bei noch höherem Engagement.
Dieses einzufordern, verkennt nicht nur die Kapazitätsgrenzen von
Rüstungsindustrie, ukrainischer Armee und Geberländern, sondern
insbesondere das Reaktionspotenzial und die Ressourcen der Putin-Diktatur.
Unklar bleibt das eigentliche Ziel der Ukraine-Aufrüstung – oder wissen es
die Akteure selbst nicht? Mit „Die Ukraine muss den Krieg gewinnen“ setzte
sich Grünen-Außenministerin Baerbock in Abgrenzung zu Kanzler Scholz („…
darf den Krieg nicht verlieren“) in Szene. Aber was heißt das? Eine
Rückkehr zu den Grenzen von vor 2022? Die vollständige Befreiung der
Ostukraine? Oder der Krim? Den Sturz Putins? Keines der Ziele war je
realistisch – ohne direktes Eingreifen von Deutschland und Nato. Warum
schweigen Baerbock, Habeck und Hofreiter zu dieser sich angesichts ihrer
beneidenswert selbstgewiss vorgetragenen Analyse eigentlich logisch
ergebenden Konsequenz?
Die einseitige Militarisierung scheitert seit vier Jahren und verlängert
Sterben und Zerstörung, um am Ende ukrainische Gebietsverluste doch nicht
zu verhindern. Eine gleichermaßen energische diplomatische Strategie fehlt.
Außenminister wie Genscher hätten vermutlich rastlos in der Welt nach
Auswegen aus den Kriegshandlungen gesucht. Diplomatische Vorstöße wurden
jedoch zweifelhaften Akteuren wie Saudi-Arabien, der Türkei und Donald
Trump überlassen. Der bloße Verweis, Putin wolle ja nicht, greift viel zu
kurz. Politiker mit Putin-Verbindung wie Schröder und Orbán hätten als
nützliche Idioten eingesetzt statt diskreditiert werden sollen.
Genauso fatal ist die Ausgrenzung der russischen Zivilgesellschaft. Die
kulturelle und wissenschaftliche Elite Russlands wird boykottiert, dabei
liegt die einzige reale Chance auf Wandel in Russland in der russischen
Opposition. Statt der Avantgarde ein freies Land zu zeigen, wird Putins
Narrativ vom Hass des Westens auf alles Russische bedient.
Die Gefahren einer einseitigen militärischen Außenpolitik werden von den
Grünen so wenig diskutiert wie von CDU/CSU und Regierungs-SPD. Nicht die
gescheiterte Chamberlain’sche Appeasement-Politik prägt die Geschichte,
sondern die Katastrophen, zu denen ungebremste Aufrüstung und
waffenstrotzende Nationen führten. Der Erste Weltkrieg ist Mahnung.
Auch die innergesellschaftlichen Konsequenzen werden kaum diskutiert, und
dies wäre zuallererst eine Grünen-Aufgabe. Schulunterricht zum Kriegsfall,
Musterung aller jungen Männer (aktueller Parteitagsbeschluss der Grünen)
und Vorbereitung der Krankenhäuser auf den „Krisen- und Kriegsfall“, als ob
Krieg nicht menschengemacht wäre, sondern so schicksalhaft wie Pandemien
oder Erdbeben. Stück für Stück wird Krieg in den Bereich des Denkbaren
verschoben. Die Gefahr, die von Worten ausgehen kann, scheint genauso
vergessen wie die Eigendynamik, die eine Kriegslogik entfaltet.
75 Jahre deutscher Politik der militärischen Zurückhaltung unter der Maxime
„Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg“ – die mit einer langen
Friedenszeit einherging – wurden von Grünen, Union und Pistorius-SPD über
Nacht mit der „Zeitenwende“ über Bord geworfen. Dieser 180°-Kurswechsel
hätte breite Debatten und gesellschaftlichen Konsens erfordert, und gerade
die Grünen wären hier gefordert gewesen. Stattdessen zeigt sich bei ihnen
ein trauriger antiintellektueller und letztlich autoritärer Mangel an
Debattenkultur, obwohl für sie einmal der diskursive gesellschaftliche
Aushandlungsprozess identitätsstiftend war.
Ein kritisches Bewusstsein für die Rolle der Rüstungslobby fehlt.
Forderungen nach Transparenz sucht man vergeblich. Die simple ökonomische
Logik, dass ein nach oben offener Militäretat die Rüstungspreise entgrenzt,
wird nicht verstanden. Auch die Fixierung auf einen prozentualen BIP-Anteil
der Militärausgaben ist abwegig. Fünf Prozent lassen sich auch durch höhere
Waffenpreise und Offizierskorpsbesoldung erreichen. Richtig wäre, ein vorab
definiertes Zielbild möglichst kostensparend anzustreben.
Warum konnte die Bundeswehr mit bisher (bis 2022) bereits 50 Millariden
Euro pro Jahr keine Sicherheit gewährleisten? Verfilzung mit der
Rüstungsindustrie, Bürokratie und Ineffizienz prägen sie, und lediglich
mehr Geld hineinzuschütten verfestigt die maroden Strukturen. Warum fordern
die Grünen nicht die Stärkung der Verteidigungsfähigkeit durch mehr
Effizienz und eine grundlegende Strukturreform der Bundeswehr?
Zuletzt: Die Grünen sind mit Babyboomern und der Friedensbewegung in den
1980er Jahren groß geworden. Wie sie diese pazifistischen Wurzeln nun
verleugnen, ist genauso bemerkenswert wie das Fehlen der Frage, ob bei den
vergangenen Wahlen nicht gerade die Kreuze dieser stimmstarken Generation
fehlten.
Bei den letzten Wahlen legten Linke, AfD und BSW zu, also jene Parteien,
die das Primat des Militärischen infrage stellen; leider teilweise unter
Verharmlosung der russischen Aggression. Die Grünen haben ihre Chance
verpasst: gleichermaßen klar den Aggressor und die Gefahren einer immer
weiter eskalierenden Aufrüstung zu benennen. Die anstehenden Landtagswahlen
werden für die Grünen bitter – und das tut mir trotz allem immer noch weh.
27 Jan 2026
## AUTOREN
(DIR) Tom Bschor
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