# taz.de -- Grüne und Friedenspolitik: In Verkennung der Realität
       
       > Der Mediziner Tom Bschor ist wegen der Aufrüstungspolitik der Grünen aus
       > der Partei ausgetreten. Sein Ex-Parteikollege Winfried Nachtwei bedauert
       > den Austritt, widerspricht ihm aber.
       
 (IMG) Bild: Oleg, ein ukrainischer Soldat in einem zerstörten Krankenhaus in Kostiantynivka, Ukraine am 28. Dezember 2025
       
       Als Gründungsmitglied der Grünen und friedenspolitisch Engagierter bedauere
       ich den Parteiaustritt von Tom Bschor, [1][sein Abschiedsbrief] bestürzt
       mich. Der Autor verurteilt den russischen Angriffskrieg, verkennt aber den
       besonderen „Charakter“ dieses Krieges. Dieser soll die Eigenstaatlichkeit
       der Ukraine vernichten, die Vollinvasion geht einher mit nuklearen
       Drohungen gegen „zu viel“ militärischen Beistand für die Ukraine sowie
       hybriden Angriffen, ja einer regelrechten Informationskriegsführung gegen
       das demokratische Europa, auch Deutschland.
       
       Als Veto-Macht blockiert Russland den UN-Sicherheitsrat in seiner
       Primäraufgabe der Wahrung von internationaler Sicherheit und Weltfrieden.
       Dem terrorisierten Land konsequent zivile und militärische Überlebenshilfe
       zu leisten und zugleich eine eigene Verteidigungsfähigkeit für eine
       wirksame Friedenssicherung a u c h durch glaubwürdige Abschreckung
       wiederherzustellen, ist ein Gebot gemeinsamer europäischer Sicherheit und
       demokratischer Wehrhaftigkeit. Hier Grünen, Union, Teilen der SPD eine „auf
       militärische Eskalation setzende Ukraine-Politik“ und eine „einseitige
       Militarisierung“ vorzuwerfen, verdreht die Rollen von Angreifern und
       Unterstützern der Überfallenen.
       
       Überraschend war für viele der russische Großangriff 2022 – ebenso, wie
       viel an Unterstützung die Nato- und EU-Länder zustande brachten, die ein
       halbes Jahr vorher noch in Afghanistan gescheitert waren. Im Nebel eines
       solchen Krieges, wo es für die Ukraine nach Jahrzehnten der sowjetischen
       und nazistischen Terrorisierung um nationales Überleben geht, eine
       „strategische Erfolgsabschätzung“ von außen einzufordern, missachtet die
       Entscheidung derer, die um ihr nacktes Überleben kämpfen.
       
       Unterschiedliche Formulierungen des Ziels der Ukraine-Aufrüstung können
       nicht darüber hinwegtäuschen, dass das völkerrechtliche Kernziel die
       Wiederherstellung der territorialen Unversehrtheit des Landes war und
       realpolitisch auf jeden Fall eine überlebensfähige Ukraine in sicheren
       Grenzen.
       
       „Eine gleichermaßen energische diplomatische Strategie“ einzufordern,
       verkennt, was es an diplomatischen Bemühungen gegeben hat. China, das am
       ehesten die russische Politik beeinflussen könnte, umgeht die Sanktionen
       gegen Russland, bezieht drei Viertel seines Öls aus Russland und liefert
       wichtige Dual-Use-Güter, darunter Drohnen-Bestandteile, nach Russland. Es
       ist eine Grundpflicht deutscher Diplomatie, nach Möglichkeiten von Dialog
       und Verständigung zu suchen.
       
       Aber Diplomatie ist kein Alleskönner und kann bei bestimmten Gewaltakteuren
       an Grenzen stoßen. Unbestreitbar gehört Wettrüsten zwischen
       waffenstarrenden Nationen zu den zentralen Kriegsursachen. Deshalb sind bei
       der notwendigen Wiederherstellung von Verteidigungsfähigkeit Möglichkeiten
       der Rüstungskontrolle immer mitzudenken, um ein ungebremstes Wettrüsten zu
       vermeiden.
       
       Die Behauptung des Autors, nicht die „gescheiterte Chamberlain’sche
       Appeasement-Politik präge die Geschichte“, trifft angesichts der
       Bedrohungslage in Europa daneben. Die Appeasement-Politik der 1930er Jahre
       ist das historische Lehrbeispiel dafür, wie der wahre Charakter eines
       aggressiven Regimes verkannt und die eigene Verteidigungsfähigkeit
       vernachlässigt wurden. Mit dem Ergebnis, dass Nazi-Deutschland die
       europäischen Nachbarn der Reihe nach überfallen, besetzen und im Osten mit
       Vernichtung überziehen konnte.
       
       Friedenspolitisches Wunschdenken wirkte als Einladung für Aggressoren und
       trug mit dazu bei, dass der 2. Weltkrieg entbrennen konnte. Im kollektiven
       Gedächtnis unserer Nachbarn vor allem im Nord-/Osten wird deshalb die
       Maxime „Nie wieder Krieg“ weiter buchstabiert: „Nie wieder wehrlos, nie
       mehr allein!“ Es zeugt von irritierender Geschichtsvergessenheit, diese
       historische Erfahrung zu ignorieren.
       
       ## Vorwurf des Pazifismus-Verrats
       
       Tom Bschor wirft seiner ehemaligen Partei einen „letztlich autoritären
       Mangel an Debattenkultur“ und fehlendes „kritisches Bewusstsein für die
       Rolle der Rüstungslobby“ vor. Offenbar hat er sich nicht kundig gemacht,
       was es in der Bundestagsfraktion und der Partei dazu an Debatten und
       Initiativen gegeben hat. Er fragt, warum „die Bundeswehr mit bis 2022
       bereits 50 Milliarden Euro pro Jahr keine Sicherheit gewährleisten“ konnte.
       Der erste Grund war, dass die Bundeswehr auf Kriseneinsätze mit leichterer
       Ausrüstung ausgerichtet war, was mit der Abrüstung wesentlicher Fähigkeiten
       der Landes- und Bündnisverteidigung einherging.
       
       Zum Schluss noch der Vorwurf, die in den 1980er Jahren mit der
       Friedensbewegung groß gewordenen Grünen würden ihre pazifistischen Wurzeln
       verleugnen. Als Aktivist der damaligen Friedensbewegung erinnere ich mich
       deutlich, dass diese und die Grünen primär atompazifistisch, überwiegend
       antimilitärisch waren.
       
       Der Vorwurf des Pazifismus-Verrats ignoriert, dass wir in den 1990er Jahren
       mit [2][den Balkankriegen] konfrontiert waren: Was tun, wenn
       Zivilbevölkerung in „Schutzzonen“ umzingelt, beschossen, massakriert wird?
       
       Wir wurden darauf gestoßen, dass in politischer Verantwortung zum Grundwert
       Gewaltfreiheit auch der Schutz vor Massengewalt gehört. Diese Erfahrungen
       wurden in einem breiten Programmprozess aufgearbeitet. Seitdem verfolgen
       die Grünen eine Außenpolitik nach den Normen der UN-Charta und der
       Responsibility to Protect. Sie wurden im Bundestag zu Treibern des neuen
       Politikfeldes zivile Krisenprävention.
       
       Keine andere Partei in Deutschland hat sich ein solches intensives
       friedens- und sicherheitspolitisches Erfahrungslernen erlaubt, erst recht
       nicht [3][Linke und BSW]. [4][Im kältesten Winter seit Jahren zerstören
       russische Drohnen- und Raketenangriffe systematisch die Versorgung von
       Millionen Menschen] mit Strom, Heizung, fließend Wasser, Internet.
       Gruppierungen, die sich als Friedensbewegung verstehen, schweigen notorisch
       dazu. Auch der prominente Facharzt schweigt dazu. Gerade in diesen Tagen
       wären Zeichen und Taten der Solidarität mit den terrorisierten Nachbarn in
       der Ukraine angebracht.
       
       13 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Ex-Mitglied-kritisiert-die-Gruenen/!6148657
 (DIR) [2] /Lieber-Voelkermord-oder-lieber-Uno-Krieg/!1601760&s=apeasement+politik/
 (DIR) [3] /Umstrittene-Einladung/!6117810
 (DIR) [4] /Kriegswinter-in-der-Ukraine/!6148225
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Winfried Nachtwei
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Bündnis 90/Die Grünen
 (DIR) Austritt
 (DIR) Pazifismus
 (DIR) Aufrüstung
 (DIR) Social-Auswahl
 (DIR) Bündnis 90/Die Grünen
 (DIR) Rüstung
 (DIR) Grüne Jugend
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Ex-Mitglied kritisiert die Grünen: Aufrüsten bis zum Weltkrieg?
       
       Nach über 25 Jahren Mitgliedschaft kehrt der Autor den Grünen den Rücken.
       Ihre Kernaufgabe nehme die Partei nicht mehr wahr – ein Abschiedsbrief.
       
 (DIR) Friedensforscher über Aufrüstung: „Man darf die Utopie nicht komplett aus dem Auge verlieren“
       
       Friedensforscher Ulrich Kühn hält Aufrüstung derzeit für notwendig. Er
       fragt sich aber: kommen wir da jemals wieder raus?
       
 (DIR) Grüne Jugend-Sprecher über Aufrüstung: „Der fossile Kapitalismus schürt Kriege“
       
       Die Bedrohung der Gesellschaft gehe übers Militärische hinaus, sagt
       Grüne-Jugend-Sprecher Jakob Blasel.