# taz.de -- 100 Jahre Grüne Woche: Vom Eierfrischhalten zur Drohne
       
       > Die weltweit größte Agrar-Ausstellung feiert Jubiläum. Die Grüne Woche
       > zeigt, wie sich im Maschinen-Zeitalter Landwirtschaft und Ernährung
       > verändern.
       
 (IMG) Bild: 1952 bestaunt der damalige Regierende Bürgermeister Ernst Reuter (2. v. l. in der MItte) Schweine auf der Grünen Woche
       
       Vorweg: Die Partei der Grünen war nicht namensgebend, denn die existierte
       vor 100 Jahren noch gar nicht. Es sollen vielmehr die grünen Lodenmäntel
       der Bauern gewesen sein, die der [1][„Grünen Woche“] bei ihrem Auftakt 1926
       die einprägsame Bezeichnung gaben.
       
       „In auffälliger Weise prägten eine Woche lang grüne Kleidungsstücke das
       Bild der Stadt“ – so zumindest das Narrativ, das die landeseigene Berliner
       Messe-Gesellschaft zum Jubiläum ihrer wichtigsten Veranstaltung verbreitet.
       Am Freitag startet die inzwischen weltgrößte Agrar- und
       Ernährungs-Ausstellung auf dem Messegelände unter dem Funkturm, wo bis zum
       25. Januar über 300.000 Besucher erwartet werden.
       
       In 27 Messehallen präsentieren mehr als 1.400 Aussteller aus rund 60
       Ländern über 100.000 landwirtschaftliche Produkte. Mehr als 70
       Landwirtschaftsminister aus aller Welt werden zum Global Forum for Food and
       Agriculture (GFFA) erwartet. Ein Fachprogramm mit rund 300 Veranstaltungen
       begleitet die zehn Messetage.
       
       Genau genommen, hat die Messe noch zehn Jahre vor sich, um wirklich die
       „100“ feiern zu können. Denn bislang fand sie nur 90 Mal statt – Zweiter
       Weltkrieg, Nachkriegsaufbau und auch eine Maul- und Klauenseuche im Jahr
       1938 sorgten für Ausfälle.
       
       Bei aller Kontinuität im Namen und Standort zeigt der vertiefende Blick in
       die Historie, welche fundamentale Veränderung die Produktionsbedingungen
       der Landwirtschaft und die Ernährungsgewohnheiten auf Verbraucherseite
       innerhalb eines Jahrhunderts erfahren haben. Ein durchgängiger Trend ist
       allerdings die fortlaufende Technisierung des Agrar-Sektors, beginnend mit
       den neuesten Traktorgenerationen vor 100 Jahren bis zu den Feldrobotern und
       Inspektionsdrohnen heutiger Tage.
       
       ## Ordnung im Wildwuchs
       
       Die Grüne Woche begann quasi mit einem gärtnerischen Akt: Aus Wildwuchs
       wurde Ordung. In den zwanziger Jahren hatte sich nämlich rund um die
       Berliner Wintertreffen der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG)
       eine Viezahl von Parallel-Events entwickelt: Reit- und Fahrturniere,
       Kleintierausstellungen, Saatenmarkt und Jagdschauen, die aber über die
       ganze Stadt verstreut waren. Auf Anregung des Fremdenverkehrsamtes
       präsentierten sich 1926 alle Veranstalter erstmals kompakt in einer Halle
       am Kaiserdamm, die mehr als 50.000 Besucher anzog.
       
       Schon damals markierte ein vier Meter hoher eisenbereifter
       Universalschlepper mit 100 PS den Start als Schaufenster der beginnenden
       Mechanisierung. 1930 sollte eine riesige Eierfrischhaltemaschine, die 5.000
       Eier im Kreis drehte, das Versprechen moderner Konservierungstechnik
       inszenieren. „Diese Messe zeigt, dass die Landwirtschaft endgültig in das
       Zeitalter der Maschinen eintritt – und die Stadt staunt über das Land wie
       über eine Zukunftsbühne“, schrieb damals der bekannte Journalist Theodor
       Wolff.
       
       Die deutsche Reichshauptstadt selbst nutzte laut Messechronik damals noch
       ein Fünftel ihres Territoriums für Landwirtschaft und Gartenbau. In
       Stadtgebiet lebten 45.000 Pferde, 25.000 Schweine, 21.000 Milchkühe und
       mehr als eine halbe Million Stück Geflügel, und etwa 200.000 Berliner
       besaßen einen Kleingarten.
       
       ## Bühne der NS-Agrarpolitik
       
       In den 1930er Jahren wurde die Grüne Woche gleichgeschaltet und als Bühne
       der NS-Agrarpolitik genutzt, auf der „Blut und Boden“-Rhetorik mit modernen
       Landtechnik-Schauen verschmolz. Die Messe stand in diesen Jahren weniger
       für Innovation als für propagandistische Inszenierung von Autarkie und
       Landvolk-Mythos. 1934, in der „ersten Grünen Woche im neuen Staat“, so die
       NS-Sprache damals, wurde unter anderem das Ziel der autarken
       Selbstversorgung des Reichs und das Ende der Nahrungs- und
       Futtermittelimporte verkündet – eine Maßnahme, mit der bisher für Importe
       verwendete Devisen und Ressourcen in die Aufrüstung umgeleitet werden
       konnten..
       
       [2][„Blut und Boden“-Ideologen] wie der NS-Landwirtschaftsminister Walther
       Darré bestimmten fortan die Inhalte der Grünen Wochen, schreibt die
       Messegesellschaft bemerkenswert selbstkritisch über die Jahre, in denen die
       Grüne Woche braun wurde. Fünf Messe-Durchläufen drückten die Nazis
       vollständig ihren ideologischen Stempel auf.
       
       1938 fiel die Messe wegen der grassierenden Maul- und Klauenseuche aus.
       „Während der letzten Grünen Woche 1939 wurde stolz verkündet, dass der Grad
       der Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln inzwischen höher liege als 1914“,
       berichtet die Messe Berlin heute. Dies war bereits „ein deutlicher Hinweis
       auf den nächsten Krieg, der dann zum Ende des Ausstellungswesens auf dem
       Messegelände führte“.
       
       ## Mangelverwaltung nach dem Krieg
       
       Nach dem Krieg kehrte die Grüne Woche 1948 zurück und wurde zum Symbol für
       Wiederaufbau und Versorgungssicherung in einer Stadt der Blockade und
       Lebensmittelknappheit. Ein Rückblick aus der Branche charakterisiert diese
       Phase als „Schaufenster der Mangelverwaltung“, in dem Saatgut, Dünger und
       Maschinen vor allem eine Botschaft vermittelten: „Wir müssen die Teller
       füllen, bevor wir an Genuss denken.“
       
       In den 1950er und 1960er Jahren wurde die Grüne Woche zur Bühne des
       westdeutschen Wirtschaftswunders, auf der leistungsfähigere Getreidesorten
       und neue Kannen-Melkanlagen demonstrierten, wie Rationalisierung und
       Spezialisierung die Höfe transformierten. Traktoren, Raupenschlepper und
       Stalltechnik symbolisierten eine Landwirtschaft, die stärker nach
       Industrieproduktion aussah, während der Einsatz von Mineraldünger und
       Pflanzenschutzmitteln kaum hinterfragt wurde.
       
       Parallel änderte sich das Ernährungsverhalten der Bevölkerung: Mehr
       tierische Produkte, Fertigwaren und Markenlebensmittel prägten die
       Konsumkultur, die als Versprechen von Wohlstand und Komfort inszeniert
       wurde. Ein Branchenvertreter beschreibt diese Ära heute rückblickend so:
       „Auf den Ständen wurde Fett zum Wohlstandssymbol, und die Grüne Woche war
       das glänzende Schaufenster der Kaloriengesellschaft.“ Damals kam auch der
       Begriff von der „Fress-Messe“ in Umlauf, von dem sich die Veranstalter aber
       bis heute strikt distanzieren.
       
       In den Jahrzehnten des Kalten Krieges war die Grüne Woche ein Ort der
       westlichen Agrar-und Lebensmittelindustrie, zugleich aber auch einer
       begrenzter Ost-West-Kontakte. Nach der deutschen Wiedervereinigung 1990
       öffnete sich die Messe erstmals seit Jahrzehnten wieder vollständig für
       Aussteller und Besucher aus Ostdeutschland, womit neue Produktlinien – vom
       Thüringer Rostbrätel bis zum sächsischen Backhandwerk – auf die Berliner
       Bühne kamen.
       
       ## Globaler Marktpklatz statt nationale Agrarschau
       
       Mit der Globalisierung wandelte sich die Grüne Woche von der nationalen
       Agrarschau zur weltweiten Leitmesse, auf der sich Staaten als touristische
       und kulinarische Marken präsentierten. Ein Messeverantwortlicher beschreibt
       diese Entwicklung so: „Aus der Bauernmesse wurde ein globaler Marktplatz,
       auf dem Staaten um Aufmerksamkeit wetteifern – mit Nationalgerichten,
       Flaggen und Food-Stories.“
       
       Für viele Jahre stand auch das Kongresszentrum ICC, das heute leer steht,
       für diese Aufbruch in eine neue Dimension der Internationalität. Größere
       Fachkonferenzen wurden möglich, die auch Wissenschaftler,
       Wirtschaftsvertreter und Agrarpolitiker anzogen. Mit der Etablierung des
       „Global Forum for Food and Agriculture“ (GFFA), einer hochrangigen
       internationalen Fachkonferenz für Agrarpolitik und dem daran angehängten
       jährlichen Treffen von Landwirtschaftsministerinnen und -ministern war auch
       die Vision verbunden, in Berlin so etwas wie das „Davos der internationalen
       Agrarpolitik“ entstehen zu lassen.
       
       Zugleich war die Grüne Woche verstärkt von gesellschaftlichen Entwicklungen
       beeinflusst – drinnen wie draußen. Während in den Hallen industrielle
       Fleischproduktion, Convenience-Food und globale Lieferketten präsentiert
       werden, fordern draußen Bündnisse wie „Wir haben es satt“ weniger
       Pestizide, mehr Tierwohl und eine Agrarwende.
       
       Im Ausstellungsangebot rückten nach und nach Nachhaltigkeit und alternative
       Proteine in den Fokus: 2018 konnten Besucher erstmals Insektenprotein
       probieren, noch bevor entsprechende Produkte den Handel erreichten, und
       2020 präsentierte Nestlé die vegane „Incredible Bratwurst“. Im letzten Jahr
       sorgte ein medienwirksamer Auftritt mit einem pflanzenbasierten Döner,
       angeschnitten vom Regierenden Bürgermeister Kai Wegner und dem damaligen
       Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir, für ein symbolisches Bild des
       „urbanen, flexitarischen Berlin“.
       
       Die Jubiläumsausgabe 2026 der Grünen Woche steht unter dem Eindruck von
       Klima-, Tierwohl- und Gesundheitsdebatten, in denen pflanzliche Proteine
       als „Megatrend“ beschrieben werden. Ein aktueller Report verweist darauf,
       dass rund ein Drittel der Deutschen den eigenen [3][Fleischkonsum]
       reduzieren will, wobei Umwelt, Tierwohl und Gesundheit wesentliche Motive
       sind.
       
       In der politischen Diskussion sind derzeit die hohen Lebensmittelpreise das
       beherrschende Thema. Joachim Rukwied, der Präsident des Deutschen
       Bauernverbandes, bezeichnete die Erzeugerpreise für bestimmte Produkte, wie
       etwa Schweinefleisch, als „desaströs“, da die Produktionskosten teils über
       den Verkaufserlösen liegen. Die SPD fordert ein Maßnahmenpaket zur Senkung
       der Lebensmittelpreise und erwägt die Einführung eines sogenannten
       „Deutschland-Korbs“, um Grundnahrungsmittel für Verbraucher erschwinglicher
       zu machen.
       
       16 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
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