# taz.de -- Friedensforscher über Aufrüstung: „Man darf die Utopie nicht komplett aus dem Auge verlieren“
> Friedensforscher Ulrich Kühn hält Aufrüstung derzeit für notwendig. Er
> fragt sich aber: kommen wir da jemals wieder raus?
(IMG) Bild: Reinschlüpfen? Easy! Aber kommt man da wieder raus? Der ehemalige Kanzler Olaf Scholz (SPD) bei der Begutachtung eines Panzers
taz: Herr Kühn, mussten Sie nicht ständig Ihren Vortrag umschreiben, weil
fast täglich zu diesem Thema neue Lunten angezündet werden?
Ulrich Kühn: Das stimmt! Ich werde den Vortrag vielleicht sogar noch an dem
Tag, an dem ich ihn halten werde, anpassen müssen. Momentan bewegt sich das
Weltgeschehen nicht nur gefühlt, sondern tatsächlich in einer
Geschwindigkeit, die wir so noch nicht gekannt haben. Nach meiner Diagnose
spricht dies für eine Übergangszeit von einer Phase der Stabilität, die
zumindest Europa die letzten drei Jahrzehnte bestimmt hat, zu einer Phase
der Instabilität, von der wir aber noch nicht wissen, wie sie konkret
aussehen wird.
taz: Bis vor wenigen Jahren war es ein Widerspruch in sich, wenn ein
Friedensforscher wie Sie sich grundsätzlich für eine Aufrüstung
positioniert hat.
Ulrich Kühn: Ja, und das ist tatsächlich auch eine Kritik, die an mich
persönlich und Kolleg*innen herangetragen wurde. Aber in der
Friedensforschung müssen wir uns ja damit beschäftigen, wie die Welt ist,
bevor wir uns Gedanken darüber machen, wie sie sein sollte. Natürlich
möchte auch ich wieder dahin kommen, dass wir ein kooperatives
Sicherheitssystem in Europa haben, das inklusiv und fair ist und bei dem
nicht die krude Sprache der Macht das letzte Wort hat. Aber wenn wir etwa
sehen, was Russland in den letzten 25 Jahren getrieben hat, müssen wir uns
fragen: Wer ist als Nächster dran? Und wären wir überhaupt fähig, uns zu
verteidigen? Und weil wir das zurzeit nicht sind, kommen wir nicht darum
herum, aufzurüsten.
taz: Was liegt dabei besonders im Argen?
Ulrich Kühn: Es sind die Nationalstaaterei und die Bürokratie, die mir
Sorgen machen. Denn es ergibt natürlich keinen Sinn, wenn die Deutschen
einen bestimmten Typus Panzer anschaffen und die Polen und die Slowenen
einen ähnlichen Typ selber herstellen, obwohl das viel teurer ist. Da
müsste eine Arbeitsteilung erreicht werden, damit nicht absurd viel Geld
verbrannt wird. Denn natürlich werden wir in den nächsten Jahren und
wahrscheinlich auch Jahrzehnten [1][viel Geld für die Verteidigung
ausgeben] und wir brauchen darüber einen Diskus in der Zivilgesellschaft
und in der Politik, weil dieses Geld an anderer Stelle fehlen wird.
taz: Ist auch ein Einsatz von atomaren Waffen wieder zu einer realen
Möglichkeit geworden?
Ulrich Kühn: Wenn man sich die heutige Lage ansieht, dann sind [2][die
Leute, die da überwiegend am roten Knopf sitzen wie Trump, Xi Jingping, Kim
Jong Un, Netanjahu oder Putin] sehr fragwürdige Gestalten. Eine Sache, an
der ich als Wissenschaftler zurzeit arbeite, ist die Herbstkrise des Jahres
2022. Damals sind wir nach Erkenntnis der US-Geheimdienste relativ nah in
den Bereich gekommen sind, wo die Russen darüber nachgedacht haben, unter
Umständen taktische Nuklearwaffen in der Ukraine einzusetzen.
taz: Was hätte das bedeutet?
Und das wäre der größte Zivilisationsbruch der letzten 100 Jahre gewesen,
weil [3][seit 1945 das sogenannte nukleare Tabu gegolten hat. Und das war
eine Errungenschaft] der Menschheit, auf die wir durchaus stolz sein
können. Bei meiner Arbeit daran bin ich noch ganz am Anfang, weil es dabei
zu einem Großteil um klassifizierte Informationen geht, an die man
natürlich nicht herankommt. Aber es zeigt uns, dass wir wieder in einer
Welt leben, in der diese Waffen scheinbar nicht nur eine theoretische
Funktion im Sinne ihrer psychologischen Wirkung erfüllen, sondern auch für
bestimmte Staaten eine praktische Funktion haben könnten.
taz: Wie ernsthaft können Sie die Frage in Ihrem Vortragstitel „Kommen wir
da je wieder raus?“ heute überhaupt noch stellen?
Ulrich Kühn: [4][Als Friedensforscher darf man die Utopie] am Firmament
nicht komplett aus dem Auge verlieren, obwohl nur wenig dafür spricht.
18 Jan 2026
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