# taz.de -- Die Wahrheit: Vermöbelt bis in alle Ewigkeit
> Die Welt ist konservativ eingerichtet, doch der Möbelmarkt erlebt
> durchaus einen Umbruch.
(IMG) Bild: Ist die DDR vielleicht gescheitert, weil ihre Möbel zu immobil waren? Foto: Sebastian Wells
Was tut sich eigentlich auf dem Möbelmarkt? Experten in Sachen
Wohnungseinrichtung sagen: einerseits verblüffend viel, andererseits
frappierend wenig! Mögen uns die bunten Möbelhaus- Prospekte in den
Briefkästen Woche für Woche auch Aktualität vorgaukeln – von den
gegenwärtigen Turbulenzen der Weltgeschichte zeigt sich das Geschäft mit
den Einrichtungsgegenständen nahezu unbeeindruckt.
Grund dafür: Die meisten Möbel sind schlicht zu immobil, wie Kenner der
Branche betonen. Selbst Unionsanhänger, die derzeit mit der Realität ein
wenig fremdeln, erfreuen sich an ihrem überwiegend unbeweglichen Wesen. Wie
andere Möbelnutzer feiern auch sie die Standfestigkeit, Geduld und
Beharrlichkeit, mit der viele Möbel ihren einmal erkämpften Platz
jahrzehntelang verteidigen.
Das Bewahrende, geradezu Aufbewahrende ist nämlich seit jeher Kennzeichen
des Konservatismus und gleichzeitig Funktion der Gattung Schrank als
solcher – leider aber auch Ursprung allen Schubladendenkens.
Prinzipientreue bis hin zur unvernünftigen Sturheit galt schon im elitären
Möbelmilieu des Hochadels als Wert an sich. Ihm konnte weiland nur mit dem
Spezialmöbel der Guillotine Einhalt geboten werden.
Im Gegensatz dazu zeigen sich zum Beispiel Schreibtischstühle,
Druckertische und TV-Medienmöbel als höchst beweglich. Sie verkörpern
Flexibilität wie Mobilität und können als modische Underdogs mit den großen
Linien der Evolution gehen – beziehungsweise bei Gefahr einfach wegrollen!
Ist es denn Zufall, dass ein großer Billigmöbelfilialist unter dem Namen
Roller firmiert?
Die Mehrheit des Mobiliars ist indessen so hochnäsig und konservativ wie
die betuchte Kundschaft in der Provinz. Man hockt sich irgendwo in die Ecke
und bleibt da stehen bis zum St. Nimmerleinstag, wenn ein Umzugsunternehmen
anrückt. Dann übernehmen muskulöse Möbelpacker die Regie, bis alle
erschöpft ins Bett sinken und am liebsten tot wären. Somit bleiben Möbel,
wie Fachleute diagnostizieren, auch in Zukunft die Langsamdreher unter den
Waren, denn ihre Zeiteinheit ist die Ära (Louis Quatorze, Jugendstil), die
Epoche (Gelsenkirchener Barock, Ikea), das Äon (Segmüller, Mömax).
Während sich die Mehrheitsgesellschaft also auf Jahrzehnte hinweg bequem
eingerichtet hat, gibt es von ihren Grenzen Neuigkeiten zu vermelden.
Augenfällig wird dies bereits an der Tür, im Bereich der Schuhschränke. Sie
begrüßen in den meisten Behausungen, ob Bauernkate oder Stadtpalais,
traditionell die Besucher.
Inzwischen besitzen die meisten jungen Hausbewohner freilich nur noch ein
Paar. In der Dominanzgesellschaft sind dies Turnschuhe von Nike, in den
Nischen eher Vans. Darauf hat der Markt reagiert, indem er den Schuhschrank
durch ein winziges Sportschuhregal ersetzte. Hier finden sommers auch
Flipflops und in Kriegszeiten Knobelbecher Platz. Unionsanhänger mit ihren
rahmengenähten Budapestern und albernen Segelschuhen fühlen sich jetzt
gewiss wieder ungerechtfertigterweise ignoriert. Ihnen stehen die ewigen
Opferschuhe aber auch einfach zu gut!
## Spektakuläre Entwicklungen
Eine der spektakulärsten Entwicklungen vollzieht sich dagegen im Segment
der mobilen Trittleiterchen. Sie werden nicht mehr nur dazu benutzt, Sachen
aus den obersten Wohnzimmerregalen zu holen, sondern mittlerweile auch, um
über herumstehende Barrikaden zu hüpfen. In den Straßenschlachten der
Zukunft kann die Verfügungsgewalt über Trittleiterchen den entscheidenden
Unterschied machen, zumal man die Dinger gut zusammenklappen und verstecken
kann. Die Prepper-Szene weiß das, auch argumentativ wird gern darauf
herumgesprungen – vor allem von Querdenkerseite. Der Verfassungsschutz
sollte ein Auge auf Regionen haben, in denen der Trittleiterchenverkauf
boomt.
Weite Teile der Bevölkerung lehnen allerdings nach wie vor den Extremismus
links und rechts der Mitte vom Wohnungsflur entschieden ab. Kommoden
erscheinen den meisten Mitbürgern in sämtlichen Zimmern mittlerweile nicht
mehr kommod genug. Als probate Alternative winken in den Ausstellungsräumen
oft Buffets. Problem: Sie sind entweder gratis (bei Tagungen und
Vernissagen) oder All-you-can-eat. Dafür müssen die meisten Menschen jedoch
das Haus verlassen und werden für die Innenarchitektur uninteressant.
Moderne Raumausstatter empfehlen daher die Rückkehr von Augenmaß und
Leidenschaft, insbesondere beim Bohren dicker Bretter. Sideboards rücken
immer weiter in die Mitte des Zimmers, folgen dem Trend zum Zentrismus, wie
ihn der Gasherd in den Küchen vorexerziert hat. An den Rändern hingegen,
diesseits der Fußbodenleisten, feiert die Radikalität fröhliche Urständ.
Standregale werden immer vollgepfropfter und extremer, die klassische
Anrichte wird zur Hinrichte. Verschärft wird das Problem durch übergroße
Reflexivität vor allem bei Wandspiegeln und Spiegelschränken im Bad. Bei
Schlafzimmerregalen ist sogar ein Trend zur Doppelbödigkeit zu beobachten,
meist wird ein zusätzliches Regalbrett zur Aufbewahrung der Metaebene
genutzt.
Ruhe findet der geplagte Wohnfan deshalb nur noch in seinen
Sitzgelegenheiten, auch das ein heikles Thema inzwischen. Sitzen sei das
neue Heroinspritzen, mahnen vor allem Sportlehrer und Hersteller von
Stehschreibtischen. Kulturwissenschaftler aber sagen: Der Mensch will von
Natur aus zu Hause einfach nur in seiner Wohnlandschaft herumlümmeln,
bevorzugt auf Sofas und Sesseln, und nutzt sonst zum Sitzen in Küche und
Kinderzimmer gern allerlei Stühle. Hier bietet die kregle Möbelindustrie
eine unüberschaubare Vielfalt, und zwar für den Arsch. Kurz gesagt: Es ist
und bleibt einfach Wohnsinn!
16 Mar 2026
## AUTOREN
(DIR) Mark-Stefan Tietze
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