# taz.de -- Widerständige Punk-Frauen in der DDR: Nur wer sich bewegt, hört seine Ketten rasseln
       
       > Die Organe der DDR ahnten, dass Punk ihnen gefährlich werden konnte. Sie
       > antworteten mit Terror. Jetzt erzählen Punk-Frauen ihre Geschichten.
       
 (IMG) Bild: Conny Steiner (rechts) mit Marthchen, eine mit den Erfurter Punks befreundte KZ-Überlebende, beim Jugend-86-Treffen in Rudolstadt
       
       Keine sollte sich für das Unrecht schämen müssen, das ihr angetan wurde.
       Schämen müssten sich diejenigen, die sich als Stasi-Offiziere und
       Parteikader, als Wächterinnen in Knästen, als Erzieher in Jugendwerkhöfen,
       als Lehrer, Richter und Volkspolizisten oder als Pflegerinnen und Ärzte an
       Verbrechen gegenüber Frauen schuldig gemacht haben, die nichts getan
       hatten, außer selbstbestimmt leben zu wollen.
       
       Gesellschaften neigen dazu, den Opfern ihrer Gewalt die Schuld
       zuzuschieben, weil deren Leid sie an ihr opportunistisches Wegsehen und
       Mitmachen erinnert. Die einst Terrorisierten sollen still leiden, keine
       Unruhe stiften und den Gang der Dinge nicht stören. Stattdessen wird heute
       mit Ostalgie Geld verdient, werden mit DDR-Verkitschung in der Politik
       Stimmen gesammelt.
       
       Anders ist nicht zu erklären, warum viele aus ihrem damaligen Freundeskreis
       nicht über ihre Zeit [1][als Punks in der DDR] reden wollen, wie Kim aus
       Karl-Marx-Stadt in Geralf Pochops Buch „Tanz auf dem Vulkan“ erzählt, das
       sich den Biografien, Erlebnissen und Reflexionen von „widerständigen
       Punk-Frauen in der DDR“ widmet. Es gebe deutlich mehr Frauen als Männer,
       die sich für ihre DDR-Punkzeit schämten, meint Kim. „Die schämen sich
       dafür, dass sie so waren oder wie sie gelebt haben. Viele möchten darüber
       nicht reden. Sie möchten auch nicht, dass Fotos in Umlauf gebracht werden,
       obwohl es damals toll war.“
       
       Die 23 Frauen, die in diesem Buch über ihre familiären Umstände, über ihre
       Kindheit und Jugend, über ihre Punkzeit und die damit verbundenen
       Repressionen erzählen, kennen diese Scham nicht oder haben sie überwunden.
       Als Opfer habe sich damals jedenfalls keine gesehen, schreibt Geralf
       Pochop, einst selbst Punk und Hausbesetzer, in seinem Vorwort. Jana
       Schloßer, Sängerin der Band Namenlos, bestätigt das: „Ich wusste mit
       Sicherheit: Wir werden behandelt wie Verbrecher, aber eigentlich ist es ein
       Verbrechen, uns so zu behandeln.“
       
       ## "Die Intelligenz auf unserer Seite!"
       
       Das Ausmaß der staatlichen Gewalt, der Punk-Frauen physisch und psychisch
       im „antifaschistischen“ „Friedensstaat“ DDR ausgesetzt waren, ist beim
       Lesen ihrer Geschichten dennoch schwer zu ertragen. Am Ende ist man
       beeindruckt und dankbar für die radikale Offenheit, mit der die Frauen über
       die eigenen Verletzungen und ihren Widerstand erzählen.
       
       Weil sie sich öffnen, erfahren wir zum einen, wie menschenverachtend dieses
       Regime gegen Menschen vorging, die es als „negativ-dekadent“ oder gar als
       „faschistisch“ brandmarkte, und zum anderen, wie die Punks mit Solidarität,
       Renitenz und Resilienz wesentlich dazu beitrugen, dieses System auf den
       Müllhaufen der Geschichte zu befördern. Conny Mareth aus Leipzig berichtet:
       „Das hat auch Spaß gemacht, also dass die so viel Macht hatten und es
       trotzdem diese Momente gab, in denen wir so ein bisschen das Zepter in der
       Hand hatten. Für einen kurzen Moment. Die Lacher auf unserer Seite! Die
       Intelligenz auf unserer Seite!“
       
       [2][Wie überall wurden junge Leute in der DDR Punks, weil sie instinktiv
       oder durch Beobachtung ihres Umfelds verstanden, dass mit der Welt
       grundsätzlich was nicht stimmt]. Sie kamen aus behüteten Elternhäusern, die
       sie zum Teil unterstützten, und aus dysfunktionalen Familien, die leichtes
       Opfer der Machenschaften der Stasi wurden und ihre eigenen Kinder
       verrieten.
       
       ## Diskriminiert, isoliert und „zersetzt“
       
       Die erste Punkgeneration spürte die Folgen des Befehls des Ministers für
       Staatssicherheit Erich Mielke an die staatlichen Organe [3][im Jahr 1983,
       „Härte gegen Punks“ zu zeigen,] am eigenen Leib. Aber auch die Jüngeren
       haben die Erfahrung gemacht, von Volkspolizei und Transportpolizei
       schikaniert, von Behörden in Erziehungseinrichtungen eingewiesen, von der
       Stasi überwacht und in miese, zum Teil gesundheitsschädigende Jobs
       gezwungen oder mittels verschiedener Gummiparagrafen zu Haftstrafen
       verurteilt zu werden. In staatlichen Anstalten wurden sie diszipliniert,
       misshandelt und zum Teil gefoltert. In ihrem sozialen Umfeld diskriminiert,
       isoliert und „zersetzt“, wie es im Terrorslang der Stasi hieß.
       
       Wer von Polizei und Stasi verhört wurde, wusste nie, welche Folgen das
       haben würde. „Oft hatte ich Angst, dass ich im Gefängnis oder im
       Jugendwerkhof lande. Außerdem hatte ich Angst, dass mein Leben nicht so
       verlaufen könnte, wie ich es mir vorgestellt hatte. Mir ist damals bewusst
       geworden, dass, wenn man anders ist, sich nicht anpasst und eine eigene
       Meinung vertritt, die nicht ins sozialistische Weltbild passt, man ein sehr
       schweres Leben in der DDR zu erwarten hat“, sagt Silke „Nina“ Schrödter aus
       Weimar. Kim aus Karl-Marx-Stadt, die der dortigen Stasi als „Inspirator“
       der Punkszene galt, hatte auf ihrer Lederjacke geschrieben: „Nur wer sich
       bewegt, hört seine Ketten rasseln.“
       
       ## Das Zittern der Angst von Stalin bis Honecker
       
       Die meisten Mädchen, die Punks werden, sind anfangs unpolitisch, werden
       aber durch die Repression schnell politisiert. Waren die Funktionäre von
       SED und Stasi also schlicht dumm, indem sie sich ohne Not Feindinnen
       schufen, deren Widerstandsgeist sie durch ihre Gewaltmaßnahmen weiter
       anfachten? Oder hatten sie vielmehr sehr gut verstanden, dass Punk für sie
       gefährlich werden könnte?
       
       Jana Schloßer legt das nahe: Das „Zittern der Angst vor dem Machtverlust“
       habe sich durch die gesamte Ära der Diktatur des Proletariats gezogen, „von
       Stalin bis Honecker“. Wenn „ein rigides System wie eine Diktatur anfängt zu
       bröckeln, kann es nicht schaden, wenn Opposition nicht nur im Untergrund
       brodelt, sondern auch an der Oberfläche sichtbar wird. Und das waren wir:
       unübersehbar, schrill und oft auch unüberhörbar.“
       
       Conny aus Leipzig arbeitete in der Leipziger Kommissions- und
       Großbuchhandelsgesellschaft. Dort riefen immer wieder einmal Sekretärinnen
       des Politbüros an, um etwa George Orwells „1984“ und „Farm der Tiere“ zu
       bestellen. Wollte sich Willi Stoph mit dieser Lektüre über die Zustände im
       Land informieren oder herausfinden, warum in der DDR diese Bücher niemand
       lesen durfte?
       
       ## Was sollen nur die Leute denken?
       
       Fast alle Frauen berichten davon, dass ihnen ständig auf der Straße gesagt
       wurde, so was wie sie hätte man früher vergast. Sie erinnern aber auch
       daran, dass viele Normalos die Punks dafür bewunderten, sich nicht
       anzupassen. Die zeigten, dass es auch anders gehen kann in einer
       Gesellschaft, in der alle davor Angst hatten, „was die Leute denken
       werden“. Schloßer weist darauf hin, dass die Punks gut mit anderen
       systemkritischen Kräften vernetzt waren: „Wir hatten Kontakte zur Umwelt-
       und Friedensbewegung, zur Kirche sowieso und zu Künstler:innen, die sich in
       ihrem kreativen Schaffen nicht der Norm anpassen konnten oder wollten.“
       
       Die Rolle der Kirche und ihrer „Offenen Arbeit“ wird in den Beiträgen der
       Frauen immer wieder gewürdigt. Viele Konzerte und die wenigen Punkfestivals
       der DDR fanden im geschützten Raum von Kirchen statt.
       
       ## Die kollektive Amnesie beginnt schon 1989
       
       Die Leipziger Punk-Frauen erzählen davon, wie es sich anfühlte, als dort
       die Massendemonstrationen begannen. Conny war da schon im Westen, sah im
       Fernsehen „diese Tausende um den Ring laufen“ und fragte sich, wo die
       Demonstrierenden die Monate zuvor gewesen waren. „Diese ganzen Pissbirnen
       liefen da mit. Jetzt, wo es fast sicher war. Keine vier Wochen vorher
       hätten die einen noch bei der Stasi angezeigt.“
       
       Ihre Kollegin Connie Mareth: „Alles wurde anders, als die Deutschland-Rufe,
       die Rufe nach Wiedervereinigung und auch die rassistischen Parolen immer
       lauter wurden. An einem Montag entschieden wir uns, nicht mehr
       mitzulaufen.“ Stattdessen gehen die Punks nun in Gegenrichtung – und müssen
       sich von braven Leipzigern nun anhören, sie seien „Wandlitz-Kinder“, die
       die Stasi wohl vergessen habe. Die kollektive Amnesie der DDR-Bürger über
       die eigene Beteiligung am Systemerhalt beginnt schon im Herbst 1989.
       
       ## Nazis wieder in Ost-Berlin
       
       Als Punks wurden die Frauen genauso terrorisiert wie die Männer. Als Frauen
       berichten sie von sexuellen Übergriffen, die laut ihrer Berichte in der
       Szene eher selten vorkamen, seitens „normaler“ Männer und der Staatsorgane
       aber häufig.
       
       Das krasseste Kapitel dieses Buchs ist das letzte. Darin befasst sich Liane
       Pförtner, Tochter einer DDR-Punk-Frau, mit der geschlossenen
       Venerologischen Station der Poliklinik Mitte in Halle (Saale), eine von
       mehreren im Volksmund „Tripperburgen“ genannten Einrichtungen in der DDR,
       die der „Umerziehung“ von Frauen diente, die als gefährlich für die
       Volksgesundheit eingestuft wurden.
       
       Das dort herrschende Terrorsystem lässt sich sowohl gemäß seiner
       Ausrichtung als auch seiner Folterpraktiken nicht anders als faschistisch
       bezeichnen. Namenlos sangen 1983: „Nazis wieder in Ost-Berlin.“ Damit
       konnten die neonazistischen Umtriebe in der Hauptstadt der DDR gemeint sein
       – aber auch das Regime als solches.
       
       10 Feb 2026
       
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