# taz.de -- Grüne gewinnen Baden-Württemberg: Ist die Union eine Heulsusen-Truppe?
       
       > CDU und CSU schwächeln im Opfermodus herum, weinen und klappern mit den
       > Milchzähnchen. Dabei hat Cem Özdemir stets respektvoll über sie
       > gesprochen.
       
 (IMG) Bild: Ist Schwabe durch und durch und gleichzeitig in der großen Welt angekommen: Cem Özdemir (Bündnis 90/Die Grünen)
       
       Die CDU und die CSU [1][waren die Meister erfolgreicher Schmutzkampagnen].
       Ich sage nur: Robert Habeck. Unvergessen auch, wie die Baden-Württemberger
       Annette Schavan als Ministerpräsidentin verhinderten mittels Gerüchten über
       ihre sexuelle Orientierung.
       
       Und heute? Schwächeln sie im Opfermodus herum, [2][weinen und klappern mit
       den Milchzähnchen]. Es ist aber auch hundsgemein, wenn man einen miserablen
       Wahlkampf macht wie in Baden-Württemberg und dann auch noch verliert. Und
       es ist auch menschlich, die Schuld auf keinen Fall bei sich zu suchen,
       sondern bei anderen. In diesem Fall beim [3][historischen Wahlsieger Cem
       Özdemir], da schlägt man gleich zwei Fliegen mit einer Klappe, man blendet
       das eigene Versagen aus und unterstellt dem Sieger unlautere Methoden. Es
       ist aus Sicht der CDU nämlich unlauter, wenn Leute vor der Wahl den
       Eindruck bekommen können, [4][ihr Spitzenkandidat stehe auf minderjährige
       Schülerinnen] und wisse nicht, wie die Erderhitzung zustande kommt.
       
       Nun gehört dieses Opfer-Rumgeheule offenbar in Baden-Württemberg zum
       Machtinstrumentarium des Juniorpartners CDU. Man muss ihnen aber auch
       zugute halten, dass sie wirklich geschockt sind von dieser Niederlage gegen
       die Grünen, auch wenn es die vierte in Folge ist. Es ist aber wohl so, dass
       sie sich seit 15 Jahren eingeredet hatten, das liege alles nur an der
       solitären Figur Winfried Kretschmann, und wenn der endlich weg sei, dann
       kehre von selbst die gottgegebene Ordnung zurück, nach der in
       Baden-Württemberg die CDU den Ministerpräsidenten stellt, egal ob sie ein
       wettbewerbsfähiges Konzept oder Personal hat. Manche pflegten auch
       hartnäckig die Illusion, dass Kretschmann im Grunde einer von ihnen sei.
       
       Cem Özdemir, das ist die Dialektik der gesellschaftlichen Realität, wird
       von Teilen der eigenen Partei [5][nicht als „richtiger Grüner“ verstanden],
       in Teilen der CDU-Baden-Württemberg dagegen wird er als Knallgrüner
       rezipiert, er triggert sie fast so, wie er die Grüne Jugend und den Stamm
       der linksemanzipatorischen Postkolonialisten triggert. Vermutlich
       schüchtert er sie auch ein. Kretschmann verbrachte sein politisches Leben
       im Landtag von Baden-Württemberg wie die meisten in der CDU, da wusste man,
       was man hatte.
       
       ## Jenseits des Links-rechts-Gequatsches
       
       Özdemir ist zwar ein schwäbisches Arbeiterkind aus Bad Urach (mit
       türkischen Wurzeln), aber er war im EU-Parlament, er war
       Bundesvorsitzender, er war in der Bundesregierung „Doppelminischter“, wie
       er zu sagen pflegt. Er ist neuerdings mit einer kanadischen Juristin
       verheiratet (deren Familie aus Albanien kommt). Kurz: Er ist Schwabe durch
       und durch und gleichzeitig in der großen Welt angekommen. So was geht!
       
       In der Woche vor der Wahl saß ich bei Özdemir im Kabuff der Stuttgarter
       Landesgeschäftsstelle, und er sagte: „Die Leute wollen mich und die CDU.“
       Genau so ist es. Die Erststimmen gewann meist die CDU, bei den Zweitstimmen
       gewann Özdemir. Es war knapp, aber der Auftrag an ihn ist klar: eine
       Koalition „auf Augenhöhe“ zwischen den gleichstarken Fraktionen von CDU und
       den Grünen anführen und moderieren und das Beste aus ihr herausholen. Beide
       Parteien brauchen einander, das transformationsbedürftige Land braucht
       beide als sich ergänzende und nicht gegenseitig lähmende und damit die AfD
       stärkende Kräfte.
       
       Cem Özdemir hat im Wahlkampf seine Methode offengelegt, wie er die
       Gegensätze fruchtbar machen will, jenseits des antiquierten
       Links-rechts-Ideologie-Gequatsches. Er hat stets behutsam und respektvoll
       über die CDU gesprochen. Nun muss er sehen, wie er sie aus dem Wut- und
       Heulmodus herauskriegt und ihnen gleichzeitig klarmacht, dass
       Baden-Württemberg nur eine Zukunft hat mit einer erwachsenen Regierung.
       
       15 Mar 2026
       
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